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Schwieriger Kampf gegen Ehec-Epidemie: Krankenhäuser am Limit

Gesundheitsminister Bahr räumt ein: Die Kliniken im Norden sind bei der Versorgung der Ehec-Patienten überlastet. Bei Suche der Erreger-Quelle geraten nun auch Biogasanlagen ins Visier.

Seit drei Wochen treibt der aggressive Darmkeim Ehec in Deutschland sein Unwesen. Rund 2000 Menschen haben sich seit dem mit dem gefährlichen Erreger infiziert, mehr als 500 Patienten leiden an dem lebensgefährlichen HU-Syndrom (HUS), das bei mindestens 18 Menschen zum Tod führte. Und ein Ende der Epidemie ist derzeit nicht in Sicht, da die Keim-Quelle noch nicht ausgemacht ist.

Ärzte und Pflegekräfte in den Kliniken im Norden der Republik, wo die Krankheit hauptsächlich grassiert, arbeiten rund um die Uhr und bis an die Belastungsgrenze, um die Patienten zu versorgen. In manchen Krankenhäusern sind wegen Ehec bereits Engpässe entstanden. Das räumte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) ein. In der Krankenversorgung gebe es eine angespannte Lage, sagte Bahr der "Bild am Sonntag". Bewältigen könne man dies damit, dass fehlende Kapazitäten - etwa in den Städten Hamburg und Bremen - durch freie Plätze in den umliegenden Krankenhäusern ausgeglichen würden, betonte der Minister.

Ehec-Krisengipfel einberufen

Bahr will sich im Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf (UKE), einen Überblick zur Versorgungslage von Ehec- und HUS-Patienten verschaffen. Im UKE werden zahlreiche an dem Darmkeim Erkrankte intensivmedizinisch versorgt. Für kommende Woche ist ein Ehec-Krisengipfel mit Bahr und Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) sowie mit den Fachministern der Länder geplant. Wann genau und wo dieser stattfinden wird, wird laut Gesundheitsministerium noch geprüft.

Die SPD kritisierte unterdessen erneut das Krisenmanagement der Regierung zu Ehec. Ministerien, Bundesbehörden, Bundesländer, Kliniken und Gesundheitsämter arbeiteten unkoordiniert nebeneinander her, ohne dass eine klare Linie erkennbar ist, monierte der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann. Die SPD habe frühzeitig die Einrichtung eines Krisenstabs im Gesundheitsministeriums gefordert. Dies sei abgelehnt worden.

Unterdessen hat die EU-Kommission angekündigt, dass sie Deutschland bei der Suche nach der Ehec-Quelle helfen will. EU-Gesundheitskommissar John Dalli bot an, EU-Experten zu schicken. Außerdem soll eine Ehec-Internetplattform bis Montag auf die Beine gestellt werden, über die Behörden gezielt Informationen austauschen können. Unter anderem sollen zudem Hinweise auf Behandlungsformen vom Robert-Koch-Institut (RKI) ins Englische übersetzt und den EU-Staaten bereitgestellt werden.

Biogasanlagen im Visier

Bei der Fahndung nach der Ehec-Quelle weist eine mögliche Spur nach Lübeck: Wie das ZDF berichtet, sind bei drei Gruppen, die in demselben Restaurant gegessen haben, später Ehec-Fälle aufgetreten. Das Lokal wurde von den Gesundheitsbehörden bereits untersucht - nach Angaben von Gastronom Joachim Berger jedoch ohne Befund.

Einige Veterinär- und Labormediziner halten eine Herkunft des tödlichen Ehec-Erregers aus Biogasanlagen für möglich. In den Gär-Behältern der immer zahlreicher werdenden Biogasanlagen entstünden Bakterien, die es zuvor noch nie gegeben habe, sagte Bernd Schottdorf, Gründer des mit 1500 Mitarbeitern größten privaten europäischen Medizinlabors Schottdorf MVZ in Augsburg, der "Welt am Sonntag". Die Bakterien kreuzen sich Schottdorf zufolge in den Anlagen und verschmelzen miteinander. "Was da genau passiert, ist weitgehend unerforscht." Diese noch nie da gewesene Mischung aus Krankheitserregern werde dann als Düngemittel auf die Äcker gebracht.

Ein Sprecher des Verbraucherschutzministeriums reagierte zurückhaltend: "Das ist pure Spekulation." Es gebe keinerlei Ansatzpunkt für diese These.

Schottdorf hält es deshalb für dringend nötig, die Biogasanlagen in Deutschland schnell auf mögliche Krankheitserreger zu untersuchen. Sonst drohe möglicherweise die Gefahr weiterer Epidemien. Der Leiter der Agrar- und Veterinärakademie in Horstmar-Leer, Ernst Günther Hellwig, hält dies der Zeitung zufolge ebenfalls für vorstellbar.

joe/DPA/Reuters / DPA / Reuters

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