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Skandal um gefährliche Brustimplantate: "Die Dinger müssen raus"

Sie ist 29 und trägt die gefährlichen PIP-Brustimplantate in ihrem Körper. Jetzt hat sie Angst und lässt sich erneut operieren. Bericht einer Frau, die aufreibende Tage hinter sich hat.

Von Lea Wolz

Die Schmerzen fingen am ersten Weihnachtsfeiertag an. Von der linken Brust strahlten sie in den Arm. "Ich dachte zuerst, ich hätte etwas am Herzen", sagt Claudia Müller (Name von der Redaktion geändert). Die zweifache Mutter, die nicht namentlich genannt werden will, suchte daher ihren Hausarzt auf, ließ ein EKG machen und das Blut untersuchen. Alles ohne Befund.

"Mein Mann hat dann in der Zeitung gelesen, dass es Probleme mit Implantaten einer bestimmten Marke gibt", erinnert sich die Baden-Württembergerin. Eilig suchte sie nach ihrem Implantate-Pass und fand die drei Buchstaben, die seit kurz vor Weihnachten viele Frauen in Angst versetzen: PIP.

"Mein erster Gedanke war: Es hat mich auch erwischt", sagt Müller zu stern.de. Doch die junge Frau blieb noch relativ ruhig. Sie suchte ihren Frauenarzt auf. Er verwies sie an den Arzt, der ihr 2008 die Implantate eingesetzt hatte. Dort bekam sie Klarheit: Das Implantat in der linken Brust war gerissen - und verursachte höllische Schmerzen. Der Facharzt informierte sie über die Krebsfälle in Frankreich, betonte, dass der Zusammenhang zu den Implantaten noch nicht bewiesen sei, riet ihr aber dennoch, die Kissen entfernen zu lassen.

Opfer einer verbrecherischen Firma

"Mir war sofort klar, dass die Dinger raus müssen", sagt Müller. "Ich hatte Angst, dass das Silikon ausläuft, in den Körper gelangt und sich zum Beispiel in den Lymphknoten sammelt." Geschockt habe sie bei ihrem Schönheitschirurgen in der Sprechstunde gesessen und kaum wahrgenommen, was dieser ihr erzählte.

Wie Claudia Müller geht es zurzeit wohl Hunderttausenden Frauen weltweit. Sie alle sind Opfer einer Firma, die aus Profitgier die Gesundheit von Menschen aufs Spiel setzte.

Statt des zugelassenen medizinischen Gels befüllte das französische Unternehmen Poly Implant Prothèse, kurz PIP, Brustimplantate mit gesundheitsschädlichem Industriesilikon. Alleine in Frankreich sind 30.000 Frauen betroffen - ihnen hat das Gesundheitsministerium einen Austausch der Implantate empfohlen. Auch nach Großbritannien, Spanien und vor allem Lateinamerika liefert das 2010 Konkurs gegangene Unternehmen die gefährlichen Gelkissen. Wie viele Frauen in Deutschland diese Implantate tragen, ist nicht bekannt.

Claudia Müller hatte sich im Jahr 2008 für eine Operation entschieden - nach reiflicher Überlegung. "Nach dem ersten Kind hatte ich einen Hängebusen, im Prinzip war kaum mehr etwas da, was an eine Brust erinnerte." Das habe sie psychisch so belastet, erinnert sich die junge Frau, dass sie sich für den Eingriff entschied. Keinen Superbusen habe sie sich dabei gewünscht, sondern eine Größe, die zu ihr passe und natürlich wirke.

"Eine Sauerei"

"Ich habe mich gut informiert und dabei nicht auf den Preis geschaut", sagt Müller. Tatsächlich spielten die nun häufig als Billigimplantate bezeichneten PIP-Silikonkissen in der mittleren Liga. "Sie waren zwar nicht so teuer wie die Marktführer", sagt der Karlsruher Schönheitschirurg Bernd Loos, der Claudia Müller operierte. "Aber sie waren auch nicht die billigsten am Markt." 6800 Euro zahlte seine Patientin insgesamt für die Operation. "Ich dachte, ich hätte eine gute Entscheidung getroffen. Tatsächlich war ich bis Weihnachten ja auch mit dem Ergebnis zufrieden", sagt die 29-Jährige.

Doch nun steht ihr in der kommenden Woche eine erneute Operation ins Haus - und damit wieder Schmerzen und Kosten. Loos, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie, kommt seinen Patientinnen zwar entgegen und bietet ihnen an, sie zum Selbstkostenpreis zu operieren. "Das ist immerhin etwas", sagt Müller. Doch trotzdem wird sie noch einmal um die 4000 Euro auf den Tisch blättern müssen.

Denn anders als in Frankreich, wo das Gesundheitsministerium die Entfernung der Implantate empfiehlt und die Kosten daher übernommen werden, müssen Patientinnen in Deutschland selbst zahlen. "Das kann ich nicht nachvollziehen", ärgert sich Müller. Sicher hätten sich viele ohne medizinischen Anlass für die Operation entschieden. "Doch ein wenig Unterstützung wäre schön. Immerhin sind weder die Ärzte noch die Patientinnen schuld an dem Skandal."

Dass der Gründer der französischen Firma PIP, Jean-Claude Mas, aus der Verwendung des billigen Silikongels ebenso wenig einen Hehl macht wie aus dem dahinterstehenden Gewinnstreben, regt die 29-Jährige auf. "Es ist doch etwas anderes, ob man bei einem Gegenstand wie einem Möbelstück günstigeres Holz einsetzt, um mehr Profit zu machen oder bei Produkten, die Menschen in den Körper operiert werden", sagt sie. "Auf Kosten der Gesundheit anderer Geld zu machen, ist eine Sauerei."

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