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Giftige Silikon-Implantate: PIP-Gründer Mas verteidigt sein Billigprodukt

Illegal, aber ungefährlich? Im Skandal um den weltweiten Verkauf Hunderttausender Billig-Brustimplantate geht der beschuldigte Franzose Jean-Claude Mas in die Offensive.

Der Gründer der französischen Firma PIP, die wegen des Skandals um defekte Brustimplantate in den Schlagzeilen ist, macht aus der Verwendung von billigem Silikongel für seine Prothesen keinen Hehl: "PIP wusste, dass es nicht vorschriftsgemäß war, aber das Produkt war nicht schädlich", versichert Jean-Claude Mas über seinen Anwalt, über den der 72-Jährige seine Sicht der Dinge verbreiten lässt. Zehntausende Frauen aber sollen sich weltweit die defekten Implantate wieder herausoperieren lassen, die für Entzündungen und von den Opfern sogar für Krebsfälle verantwortlich gemacht werden. In Deutschland wird die Zahl der Fälle auf mehrere tausend geschätzt.

Das Bild des hageren PIP-Firmengründers mit grauem Bart, Halbglatze und Brille war dieser Tag um die Welt gegangen: Interpol hatte einen Fahndungsaufruf gestartet - nicht aber wegen der defekten Silikon-Implantate, sondern wegen einer Trunkenheitsfahrt in Costa Rica. Denn der Rentner Mas lebt derzeit einigermaßen unbehelligt in Südfrankreich in seinem Haus in der Nähe von Toulon.

Zweimal musste Mas bisher bei den Ermittlern zu den Billig-Silikoneinlagen aussagen; Ende 2012 soll der Prozess wegen "schweren Betrugs" beginnen. Ermittlungen laufen auch wegen fahrlässiger Tötung. Der Staatsanwaltschaft in Marseille liegen die Beschwerden von mehr als 2000 Frauen vor; neun Krebsfälle gibt es, doch die Behörden sehen keinen Beweis, dass die PIP-Implantate krebsauslösend sind.

Firmengründer Mas "ist nicht auf der Flucht", versichert sein Anwalt Yves Haddad der Nachrichtenagentur AFP. "Er kann gar nicht laufen, weil er gerade operiert worden ist." Der 72-Jährige soll an einem Venenproblem leiden. Im vergangenen Jahr war der alte Mann allerdings noch in Costa Rica unterwegs, wo er im Juni 2010 betrunken Auto fuhr. Danach war vermutet worden, Mas habe sich wegen des PIP-Skandals nach Mittelamerika abgesetzt.

Silikongel soll nicht giftig sein

Mas bestreitet, dass das verwendete Silikon-Gel - die Einlagen sind seit 2010 verboten - giftig gewesen sei. PIP habe zwei verschiedene Gels verwendet, gibt der Anwalt zu. Ein medizinisches Gel, aber auch ein hausgemachtes Gel, das laut Staatsanwaltschaft zehnmal billiger war. Der Anwalt sagt, es sei fünfmal billiger gewesen. Die chemischen Merkmale seien aber dieselben gewesen.

Laut Presseberichten soll es sich indes um ein Industriegel gehandelt haben, wie es auch für Matratzen und Computer verwendet wird. Die Einlagen sollen laut Staatsanwaltschaft vermehrt Risse bekommen haben, mit der Folge von Entzündungen bei den betroffenen Frauen. Mas verteidigt sich über seinen Anwalt mit dem Hinweis: "Alle Silikongels weisen eine reizauslösende Wirkung auf." Im Übrigen sei das erhöhte Risiko für Risse in den Einlagen nicht nachgewiesen.

Dem PIP-Firmengründer wird von den betroffenen Frauen, aber auch von den Ermittlern und der Öffentlichkeit vorgeworfen, aus reiner Gewinnsucht das medizinische Silikon-Gel durch ein billigeres Produkt ersetzt zu haben. Der einstige Pharmareferent hatte sich bereits in den 70er Jahren dem Geschäft mit den Brust-Implantaten zugewandt, nachdem er einen Schönheitschirurgen aus Toulon kennengelernt hatte. 1991 gründete er seine eigene Firma PIP. Laut Anwalt Haddad hat Mas einen Uni-Abschluss in Naturwissenschaften. Berichte, wonach sein Klient früher Metzger oder Weinhändler gewesen sei, weist er entschieden zurück.

Immerhin schaffte es Mas, dass seine Firma zeitweise der drittgrößte Produzent weltweit von Brustimplantaten war. 100.000 Silikoneinlagen jährlich stellte PIP her, bis sie im Jahr 2010 dicht machen musste. Die meisten gingen ins Ausland, nach Südamerika, Großbritannien, Spanien. Für Deutschland gibt es keine zuverlässige Zahl: Zwischen 7.500 und 16.000 Frauen sollen Presseberichten zufolge betroffen sein. Dass die USA die Firma schon im Jahr 2000 im Visier hatten - damals wegen Kochsalz-Einlagen - kam erst jetzt heraus.

tmm/AFP/DPA / DPA