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Ab 12 Jahre Stiko empfiehlt Corona-Impfung für Kinder: Was Eltern jetzt wissen müssen

Corona-Impfungen für Kinder und Jugendliche
Die Stiko zieht nach und empfiehlt die Corona-Impfungen ab 12 Jahre.
© Biserka Stojanovic / Getty Images
Die Stiko ließ lange mit einer Entscheidung auf sich warten und erntete dafür zunehmend Kritik. Jetzt ist die Entscheidung gefallen. Die Kommission hat ihre Empfehlungen für Kinder und Jugendliche aktualisiert. Ein Überblick über die wichtigsten Fragen. 

Nachdem die Gesundheitsminister Anfang des Monats voranpreschten, empfiehlt nun auch die Ständige Impfkommission (Stiko) die Corona-Impfung für alle Kinder und Jugendlichen ab 12 Jahre. Lange hatte sich die Kommission für die Bewertung der Daten Zeit gelassen, das hatte zuletzt für viel Kritik gesorgt. Nun aber ist es soweit. Nach gegenwärtigem Wissenstand überwögen "die Vorteile der Impfung gegenüber dem Risiko von sehr seltenen Impfnebenwirkungen", teilte das Gremium am Montag mit.  Bislang handelt es sich noch um einen Beschlussentwurf, der offizielle Empfehlungstext liegt noch nicht vor, Änderungen sind möglich. Wie geht es nun weiter? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Ab welchem Alter dürfen Kinder gegen das Coronavirus geimpft werden?

Die neue Empfehlung gilt für alle Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren. Bislang galt die Empfehlung in Deutschland nur für Jugendliche mit Vorerkrankungen wie Fettleibigkeit oder chronische Lungenkrankheiten. Auch Kinder, die mit sehr gefährdeten Menschen zusammenleben, die selbst nicht geimpft werden können, konnten bereits die Corona-Impfung erhalten. Laut Robert Koch-Institut sind inzwischen (Stand: 16. August) 15,1 Prozent der 12- bis 17-Jährigen vollständig geimpft, 24,3 Prozent haben mindestens eine Impfung erhalten.

Welcher Impfstoff wird verimpft?

Verimpft werden mRNA-Impfstoffe. Die EU hatte das Vakzin von Biontech/Pfizer bereits Ende Mai als ersten Impfstoff für Jugendliche ab 12 Jahren zugelassen. In den USA und Kanada war das schon länger der Fall. Im Juli folgte die Freigabe für den mRNA-Impfstoff von Moderna.

Was weiß man über die Wirksamkeit?

Laut Biontech/Pfizer schützt der Impfstoff in dieser Altersgruppe zu 100 Prozent vor einer symptomatischen Covid-Erkrankung. Das ergab eine Phase-III-Studie, an der auch mehr als 2000 Jugendliche ab 12 Jahren teilnahmen. Unter den Geimpften hatte es keine nachgewiesene Corona-Infektion gegeben, unter der Placebo-Gruppe wurden 16 positive Corona-Fälle gezählt. 

Auch der Impfstoff von Moderna sei laut europäischer Arzneimittelagentur (Ema) bei 12- bis 17-Jährigen ebenso wirksam wie bei jungen Erwachsenen ab 18 Jahren. Die Ema beruft sich auf eine umfassende Studie mit mehr als 3700 Kindern und Jugendlichen. Das Unternehmen selbst kam bei einer eigenen Studie mit etwa 2500 Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren auf eine Wirksamkeit von 100 Prozent.

Wie ist das Impfintervall?

Wie bei Erwachsenen auch, müssen Kinder für eine vollständige Immunisierung zwei Dosen des Vakzins erhalten. Vorgesehen ist bisher, dass diese im Abstand von drei bis sechs Wochen verimpft werden.

Was weiß man über die Impfreaktionen bei Jüngeren?

Insgesamt bewerten die Autoren einer Studie im "New England Journal of Medicine" die Impfung für die Kinder als gut verträglich, die Impfreaktionen seien überwiegend mild bis moderat gewesen. Ähnlich wie in anderen Altersgruppen klagten die Kinder am häufigsten über Schmerzen an der Einstichstelle (79 bis 86 Prozent der Kinder nach der ersten, beziehungsweise zweiten Dosis), Müdigkeit (60 bis 66 Prozent) und Kopfschmerzen (55 bis 65 Prozent). Etwa 20 Prozent bekamen nach der zweiten Impfung Fieber.

Die Beschwerden verschwanden meist innerhalb von wenigen Tagen. Rund die Hälfte der Kinder (50,8 Prozent) nahm nach der zweiten Spritze ein Mittel gegen Fieber und Schmerzen ein. Schwere unerwünschte Wirkungen wie Thrombosen oder einen anaphylaktischen Schock habe es im Zusammenhang mit der Impfung nicht gegeben, berichten die Wissenschaftler. Allerdings lässt die geringe Gesamtzahl von 1131 Geimpften nur bedingt Rückschlüsse über seltene Nebenwirkungen zu. 

Was ist über schwere Nebenwirkungen bekannt?

Unter anderem in den USA traten Fälle von Herzmuskelentzündungen auf. Betroffen waren laut Stiko vor allem Jungs und junge Männer. Diese Fälle müssten laut Stiko als eine Impfnebenwirkung betrachtet werden, allerdings habe es sich dabei meist um unkomplizierte Verläufe gehandelt.

Die Stiko verweist außerdem in Bezug auf neuere Studien darauf, dass Herzerkrankungen auch bei Covid-19-Erkrankungen auftreten könnten. Weitere Signale für schwere Nebenwirkungen nach der Impfung mit einem mRNA-Vakzin bei Kindern und Jugendlichen gebe es nicht. 

Welche Rolle spielt die Delta-Variante in der Entscheidung?

Aufgrund der Delta-Variante des Virus bestehe für Kinder und Jugendliche , sollte es zu einer vierten Welle kommen, ein erhöhtes Risiko sich zu infizieren, das hätten Modellrechnungen ergeben. In den USA ist das bereits ein Problem. Dort sind aktuell so viele Kinder mit Covid-19 in Krankenhäusern wie nie zuvor. "Unsere Kinderärzte, die Krankenschwestern, das Personal sind erschöpft, und die Kinder leiden. Und es ist absolut verheerend ... unsere Kinder sind sehr stark betroffen. Solche Zahlen haben wir noch nie gesehen", berichtete Aileen Marty, Expertin für Infektionskrankheiten an der Florida International University, bereits vergangene Woche der "CNN". (Mehr dazu hier)

Zudem sei nach wie vor unsicher ob und wie häufig Long Covid in dieser Altersgruppe auftrete. Die Empfehlung ziele in erster Linie auf den "direkten Schutz der geimpften Kinder und Jugendlichen vor Covid-19 und den damit assoziierten psychosozialen Folgeerscheinungen" ab.

Kinder impfen lassen oder nicht?

Wann kommt die Freigabe für Kinder unter 12 Jahren?

Ein Impfstoff für Kinder unter 12 Jahren ist noch nicht zugelassen. Das Impfstoffunternehmen Biontech/Pfizer erprobt einen solchen Impfstoff für Kinder ab sechs Monate bis unter 12 Jahren seit März. Erwartet wird, dass ein entsprechender Zulassungsantrag noch in diesem Jahr gestellt wird. Frühestens Anfang 2022, so die Prognose, könnte dann auch damit begonnen werden, diese Altersgruppe gegen das Coronavirus zu impfen.

Warum ließ sich die Stiko so viel Zeit?

Bis zuletzt hatte Stiko-Chef Thomas Mertens immer wieder darauf verwiesen, dass die Daten zur Sicherheit der Impfung bei Heranwachsenden unzureichend seien. Die Impfstoffkandidaten waren zwar in den bisherigen Zulassungsstudien jeweils an bis zu 60.000 Menschen getestet worden, doch nur an vergleichsweise wenigen Kindern uns Jugendlichen. Spezielle Studien dazu starteten erst in diesem Jahr. 

Das Umdenken der Stiko fußt nun auf neuen Daten. In der entsprechenden Mitteilung heißt es: "Auf der Grundlage neuer Überwachungsdaten, insbesondere aus dem amerikanischen Impfprogramm mit nahezu zehn Millionen geimpften Kindern und Jugendlichen, können mögliche Risiken der Impfung für diese Altersgruppe jetzt zuverlässiger quantifiziert und beurteilt werden".

Gesundheitsexperte Karl Lauterbach begrüßte die Empfehlung auf Twitter. Er kommentierte, die Stiko habe die Daten sorgfältig geprüft und ihre Entscheidung gut begründet. "Wir können dankbar sein, ein solches unabhängiges Gremium zu haben. Wissenschaft erlaubt Meinungsänderung."

Quelle: RKI,  Quarks, dpa

tpo

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