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Suche nach den Ehec-Bakterien: Salat, Tomaten und Gurken unter Verdacht

Deutschland sucht den Superkeim: Während einige Forscher ein Täterprofil des Ehec-Erregers erstellen, nehmen andere Lebensmittel unter die Lupe. Erste Ergebnisse liegen vor.

Von Lea Wolz

Immer mehr Menschen infizieren sich mit dem gefährlichen Darmkeim Ehec. Rund 140 bestätige schwere Verläufe der Krankheit gibt es dem Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge mittlerweile. "Drei Menschen sind infolge einer Ehec-Infektion gestorben", sagte eine RKI-Sprecherin zu stern.de.

Während die Fallzahlen weiter steigen, suchen Wissenschaftler in ganz Deutschland fieberhaft nach der Keimquelle. Und die Fachleute vom RKI können erste Ergebnisse präsentieren: Sie raten nun dazu, auf rohe Tomaten, Salatgurken und Blattsalate aus Norddeutschland komplett zu verzichten.

Auch andere Lebensmittel könnten noch in Frage kommen

Die Hinweise hatte eine unter Hochdruck erstellte Studie geliefert, bei der unter anderem die Essgewohnheiten der Erkrankten mit denen von Gesunden verglichen wurden. Das Ergebnis: Die Ehec-Erkrankten in der Studie hätten diese Gemüse deutlich häufiger gegessen als gesunde Vergleichspersonen, teilte das Institut am Mittwochabend in Berlin mit. Ob eines dieser Lebensmittel oder alle drei mit dem Ausbruch in Verbindung stehen, ist allerdings noch unklar. Auch andere Lebensmittel könnten noch in Frage kommen, betonte das RKI. Aussagekräftig ist die Studie vor allem für Hamburg.

Das Bundesverbraucherschutzministerium hält die Warnung vor dem Verzehr von Salat, Gurken und Tomaten aus Norddeutschland für eine sinnvolle Maßnahme. Sie sei ein wichtiger erster Schritt, die Ursache für die schweren Erkrankungen einzugrenzen, sagte der Sprecher von Ministerin Ilse Aigner (CSU). Verbraucher könnten das Risiko einer Infektion minimieren, wenn sie sich an die Verzehrempfehlungen halten, die vom RKI gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Risikobewertung veröffentlicht wurden.

Tagelang hatten RKI-Mitarbeiter die erkrankten Patienten in Hamburg befragt. Was hatten sie gegessen? Wo gab es Gemeinsamkeiten? Welche möglichen Infektionsquellen gab es noch? "Das ist die Suche nach der Nadel im Heuhaufen", sagte Klaus Stark, Arbeitsgruppenleiter für gastrointestinale Infektionen und Zoonosen am RKI. "Bei der Befragung der Erkrankten ergeben sich bestimmte Muster." Doch die Suche nach möglichen Infektionsquellen war alles andere als trivial. Selbst nachdem herausgekommen war, dass alle Patienten ein bestimmtes Gemüse gegessen hatten, musste dieser Verdacht erst überprüft werden. Dazu mussten die Wissenschaftler mehr über den Konsum dieses Gemüses in einer vergleichbaren Kontrollgruppe erfahren, die nicht erkrankt war. "Der Vergleich hat die entscheidenden Hinweise geliefert", sagte Stark. Idealerweise müsste nun noch der Erreger in dem verdächtigen Lebensmittel nachgewiesen werden.

Auf der Suche nach dem Täterprofil

Doch dafür wird erst einmal ein Täterprofil benötigt. Unter anderem wird dieses in einem dem RKI angeschlossenen Labor in Münster ermittelt. Dort untersucht der Leiter des Labors, Helge Karch, gemeinsam mit seinem Team die Stuhlproben der Erkrankten, die ihnen aus ganz Deutschland zugeschickt werden. Was sie schon wissen: Zwei der 42 verschiedenen Ehec-Typen, die hierzulande bisher aufgetreten sind, kommen überhaupt noch infrage, den aktuellen Ausbruch ausgelöst zu haben. Es könnte aber auch eine neue Variante des Erregers sein, über die bis jetzt noch nicht viel bekannt ist.

Je enger die Wissenschaftler in Münster den Erreger einkreisen können, desto leichter wird es für andere Keimjäger wie den Mikrobiologen Anselm Lehmacher. Auch die Ergebnisse der RKI-Studie dürften es ihm nun leichter machen. Gemeinsam mit Kollegen nimmt er am Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt verschiedenste Lebensmittel unter die Lupe. Genau genommen rückt er ihnen noch viel näher: Er zerstückelt sie, wiegt sie und legt sie in eine spezielle Nährlösung, wo sie über Nacht durchgeschüttelt werden. Mehr als 200 Lebensmittel haben er und seine Mitstreiter laut einer Sprecherin des Instituts bereits auseinandergenommen. Fündig geworden sind sie bis jetzt nicht.

Doch stündlich wurde in den vergangenen Tagen mehr verdächtiges Gemüse in Kühlboxen in das sterile Labor der Abteilung Mikrobiologie geliefert. Radieschen, Erbsen, Karotten und andere Lebensmittel harrten in Plastikfolien und Einweggläser verpackt der Untersuchung. Die Befragung der Erkrankten ließ bereits darauf schließen, dass die üblichen Verdächtigen - Rindfleisch, Rohmilch oder Rohmilchkäse - diesmal nicht als Auslöser für die Seuche infrage kamen.

Doch Lehmacher wollte sie als Quelle nicht gänzlich ausschließen. Und zumindest die Geschichte der Ausbrüche in Deutschland gab ihm in dieser Hinsicht Recht: Wie das Bundesinstitut für Risikobewertung schreibt, haben pflanzliche Lebensmittel bis jetzt in Deutschland noch nie eine Ehec-Seuche ausgelöst.

Frühere Ehec-Ausbrüche lieferten Hinweise

Trotzdem nahmen die Wissenschaftler des Hamburger Hygiene-Institutes auch auf Rat des RKI vermehrt Blattgemüse ins Visier. Denn frühere Ehec-Ausbrüche hatten laut Lehmacher gezeigt, dass der Keim eher an Salat, Spinat, aber auch an Sprossen zu finden ist.

Doch selbst nachdem nun bekannt zu sein scheint, auf welchem Gemüse sich die Keime befinden, sind die Behörden noch lange nicht am Ende der Untersuchungen angelangt: Um den Verursacher zu finden, müssen Bezugsquellen und Lieferanten überprüft werden. Bis geklärt ist, wie der gefährliche Keim in Umlauf geraten ist, dürfte es daher noch dauern.

Mit DPA und AFP

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