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Suche nach Ehec-Quelle: Deutschlands Krisenmanagement gerät in Kritik

Erst Gurken, Salat und Tomaten, nun geraten Sprossen in Verdacht. Woher der Ehec-Erreger kommt, ist allerdings immernoch unklar. Der Umgang mit dem Ausbruch des lebensgefährlichen Darmkeims in Deutschland wird zunehmend kritisiert.

Erika O. raucht Kette und wartet. Sie gehört zu der Gruppe von Ehec-Infizierten, die sich im Flachbau 064 auf dem Gelände des Hamburger Uniklinikums Eppendorf (UKE) Blut abnehmen lassen. Der Labortest zeigt dann, ob sich der Zustand der 66-jährigen Rentnerin gebessert hat oder nicht. Im Hauptgebäude gegenüber liegen die über 100 schweren Fälle, bei denen sich der blutige Durchfall durch die Darmbakterien zum hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) entwickelt hat. Dann werden Blutbestandteile zerstört, die Nieren versagen, das Nervensystem wird angegriffen. Mindestens 23 Menschen waren bis Anfang der Woche in Europa an HUS gestorben.

Den Spezialisten ist die Herkunft dieser besonders aggressiven Form aus der E.coli-Bakterienfamilie schleierhaft. Bislang haben sich über 2300 Menschen in rund einem Dutzend Ländern angesteckt. Der Ehec-Ausbruch konzentriert sich auf Norddeutschland mit Hamburg als größtem Brennpunkt. Über 660 Menschen haben das HU-Syndrom entwickelt. In manchen Krankenhäusern sind deswegen die Plätze auf den Intensivstationen knapp geworden. Nicht dringliche Operationen werden verschoben, die Bevölkerung wird zu Blutspenden aufgerufen. Experten sprechen vom weltweit größten, je registrierten Ausbruch dieser Bakterien-Erkrankung.

Auch der Krankheitsverlauf gibt Rätsel auf: Warum sind vor allem Frauen betroffen, wieso sind Kinder vergleichsweise widerstandsfähiger, sind wirklich vor allem schlanke Menschen betroffen, und warum massieren sich die Infektionen in Norddeutschland?

Der erste Verdacht fiel auf Gurken, Blattsalate und Tomaten. Auf einer spanischen Gurke meinten Experten endlich den Erreger dingfest gemacht zu haben. Ende Mai musste die Hamburger Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks dann aber einen Rückzieher machen. Zwar seien auf dem Gemüse aus Andalusien gesundheitsschädliche Erreger gefunden worden. Es sei aber nicht das Bakterium, dass bei den Kranken nachgewiesen wurde.

Jetzt konzentrieren sich die Ermittlungen auf Bienenbüttel in der Lüneburger Heide. In dem Dorf hat sich der "Gärtnerhof" auf die Produktion einer beliebten Zutat für Salate und andere Speisen spezialisiert: Sprossen. Sie sollen die Ehec-Erreger verbreitet haben. Erste Untersuchungen bestätigen dies jedoch nicht.

Was auch immer die Quelle der Ehec-Erreger ist, Erika O. wird ihre Entdeckung wenig nutzen. "Bei mir fing es am 19. Mai an", berichtet die ehemalige Verwaltungsangestellte. Sie habe plötzlich, ohne etwa Bauchschmerzen zu haben, Blut im Stuhl gehabt. Zwei Tage später, nachdem die im Radio zum ersten Mal von Ehec gehört hatte, sei sie zur Notaufnahme des Uniklinikums gefahren. Der Befund war positiv.

"Ich hatte mir ein paar Tage vorher einen Salat gemacht mit Gurken und Tomaten", berichtet sie. "Die Gurken habe ich geschält, aber vorher nicht gewaschen." Sie wisse noch, dass sie die Gurken beim Discounter gekauft habe. In der Notaufnahme habe sie nur ein Mittel für die Darmflora bekommen und die Auflage, viel zu trinken, um den Darm auszuspülen. Allerdings müsse sie alle zwei Tage zur Blutkontrolle kommen. "Die schließen nicht aus, dass es noch HUS werden kann", sagt O. und zieht an der Zigarette. "Da denkt man schon mal dran."

"Es ist jeden Tag etwas anderes", klagt Uwe Ruge, der einen Infizierten in der Regio Klinik in Pinneberg begleitet. "Zuerst waren es die spanischen Gurken, dann dies und das und nun plötzlich die Sprossen." Er habe keine Ahnung, was es morgen sein könne.

In der Öffentlichkeit wächst angesichts dieses Hin-und-Hers der Unmut. Zudem gibt es keine eindeutige Zuständigkeit. Landesbehörden, Landesregierungen, Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr, Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner, das RKI und das Bundesinstitut für Risikobewertung: alle haben etwas zu sagen, einen für den Ehec-Ausbruch zuständigen Hauptansprechpartner gibt es aber nicht. Ein Chor von Experten, die auf allen Kanälen ihre Sicht der Dinge kundtun, führt eher zu noch größerer Verunsicherung. Die Opposition kreidet denn auch der Regierung ein misslungenes Krisenmanagement an.

Die Fäden der Ermittlungen laufen im 1897 erbauten Robert-Koch-Institut (RKI) im Norden Berlins zusammen. Dort wird die Datenflut von Hunderten Kranken ausgewertet, die unter blutigem Durchfall leiden. "Das RKI hat mehr als zehn Teams vor Ort", berichtet RKI-Präsident Reinhard Burger. Die Mitarbeiter suchen gezielt die Brennpunkte des Geschehens auf, etwa Restaurants, deren Gäste auffällig häufig mit dem gefährlichen Darmbakterium angesteckt wurden. Man fahnde nach dem gemeinsamen Nenner, um daraus Schlussfolgerungen auf die Ursache des Infekts zu schließen, beschreibt Burger das Vorgehen. Im RKI-Lagezentrum versuchen die Spezialisten rund um die Uhr das Puzzle zusammenzusetzen. Bislang haben die Fragebögen nur ergeben, dass Ehec häufig mit dem Konsum von Tomaten, Salaten und Gurken in Zusammenhang stand. Daher gilt nach wie vor die Empfehlung, diese Gemüse nicht roh zu essen.

Die Warnungen der Experten schlagen auch im Ausland hohe Wellen. In Spanien ist der Gemüsemarkt zusammengebrochen. Die Gemüsebetriebe in Andalusien vernichten Tonnen unverkäuflicher Gurken. Die Gemüsebauer beklagen einen Verlust von 200 Millionen Euro pro Woche. Kanzlerin Angela Merkel telefonierte deswegen mit Spaniens Ministerpräsident Jose Luis Rodriguez Zapatero. Beide setzen darauf, dass die EU mit Hilfsgeldern der Bauern unter die Arme greift. Dazu wird eine Sondersitzung der EU-Agrarminister einberufen. Aus dem fernen Moskau tönte Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin, er werde nicht zulassen, dass Russen vergiftet werden. Das Importverbot für Gemüse aus der EU bleibe bestehen.

Hans-Edzard Busemann und Brian Rohan/Reuters / Reuters

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