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Tuberkulose: Einsatz in Kalkutta

Wenn die Kollegen Ferien machen, helfen die Ärzte für die Dritte Welt den Ärmsten der Armen. Zum Beispiel in den Slums der Stadt am Ganges, wo die Tuberkulose grassiert. An keiner anderen Infektionskrankheit sterben in diesem Teil Indiens mehr Menschen.

Was wünscht sich ein Kind, das dem Tode näher scheint als dem Leben? Einen Wunderheiler? Eine zweite Chance? Guria verlangt nichts dergleichen. Müde und schwach liegt das kranke Mädchen in seinem Bett auf der Intensivstation des Shree Jain Hospitals in Howrah. Mühsam saugt es die Luft aus einer durchsichtigen Atemmaske ein, die es Tag und Nacht über sein Gesicht geschnallt trägt - jeder Zug eine enorme Kraftanstrengung für die geschundene Lunge. Immer wieder brechen Hustenanfälle aus Guria heraus; und mit jeder Eruption fließt Eiter aus ihrem Brustkorb in den Beutel an der Seite des Bettes. Dann findet das Mädchen doch etwas Kraft zum Reden, kaum hörbar erzählt es von seinem Wunsch: eine Portion Chicken biryani.

Appetit ist ein gutes Zeichen

Der Mann an Gurias Bett registriert wohlwollend ihre Lust auf Huhn mit Reis, denn Appetit ist ein gutes Zeichen. Er weiß, dass Fleisch für das Mädchen eine Kostbarkeit ist. "Vermutlich hat sie dieses Gericht erst ein- oder zweimal in ihrem Leben gegessen", sagt Tobias Vogt. Beinahe jeden Abend besucht der Mediziner von der Hilfsorganisation Ärzte für die Dritte Welt die junge Patientin. Vogt hält eine Röntgenaufnahme gegen das Neonlicht an der Zimmerdecke. Auf dem Bild ist gut zu erkennen, weshalb das Mädchen röchelt und hustet: Dort, wo zwei große dunkle Lappen zu sehen sein müssten, zeugen viele kleine weiße Flecken von der Zerstörung der Lunge. Bakterien haben das Organ so stark angegriffen, dass der rechte Flügel zusammengefallen und auf dem Röntgenbild gar nicht mehr zu erkennen ist. Guria hat Tuberkulose (TB).

"Vor zwei Wochen wurde das Mädchen von seiner Großmutter in eine unserer Ambulanzen gebracht und sofort ins Krankenhaus überwiesen", erzählt der Arzt. Er hätte von der Frau gern mehr über das Kind erfahren. Doch die Großmutter kommt nicht mehr. Sie ist aus Gurias Leben einfach verschwunden. "Die Familie weiß nicht, wo das Mädchen jetzt ist, und hat auch nicht nachgefragt", sagt Vogt. Er hat gelernt, das Verhalten der Menschen hier nicht mehr vorschnell nach mitteleuropäischen Maßstäben zu messen. "Vielleicht wohnt sie zu weit weg, oder sie hat noch andere Katastrophen zu bewältigen. Das weiß man nicht." Vogt versucht, mehr über Guria herauszubekommen. Sie antwortet knapp auf seine Fragen, gerade so viel, wie ihr Körper erlaubt. "Wie viele seid ihr zu Hause?", möchte der Besucher wissen. "Drei: der Onkel, die Großmutter und ich", sagt Guria. "Hast du keine Eltern mehr?" - "Nein." - "Und wie alt bist du?" - "Weiß nicht." Vogt schätzt sie auf 14 Jahre. Er fragt nach ihrer Arbeit, und sie erzählt von den Papierdrachen, die sie jeden Tag von morgens um neun bis Mitternacht in Heimarbeit gebaut hat. 20 Rupien gab es dafür, umgerechnet rund 30 Cent für 15 Stunden Arbeit.

Sechs Menschen auf zehn Quadratmetern

Der 34-jährige Mediziner kennt diese Geschichten. Fast täglich hört er sie, seit er im Dezember 2002 seine Stelle als Assistenzarzt für innere Medizin in einer Klinik in Viersen aufgegeben und die Leitung des Hilfsprojekts in Howrah übernommen hat. Mitten im Slum im Stadtteil Shipbur liegt die Zentralambulanz von Ärzte für die Dritte Welt. In den schmalen Gassen zwischen den illegal erbauten Ziegelhäusern pulsiert das Leben. Kinder rennen über den gestampften Lehmboden; Männer waschen ihre Füße unter dem Strahl der Straßenpumpen; Händler bieten Obst und Gebäck an. Die Menschen fliehen tagsüber aus der Enge ihrer Behausungen - sechs Personen auf zehn Quadratmetern Wohnfläche sind keine Seltenheit.

Die Abwässer der Straßentoiletten fließen in die Kloakenkanäle, die offen vor den Wohngebäuden verlaufen. Ein übler Gestank zieht aus der grauen Brühe herauf. Sie bewegt sich kaum und verschwindet doch irgendwann im Ganges-Arm, der die Fünf-Millionen-Stadt Howrah von der Zehn-Millionen-Metropole Kalkutta trennt. Das gegenüberliegende Ufer ist nur rund einen Kilometer entfernt, dennoch ist die Silhouette Kalkuttas kaum zu erkennen: Selbst im Januar strahlt über der Doppelstadt kein blauer Himmel, obwohl der Monsun erst in fünf Monaten kommt. Dunst, Staub und der Dieselqualm aus Tausenden Autos und Motorrikschas hängen schwer über Straßen und Häusern.

Schlechte Luft, unreines Wasser, Unterernährung und besonders die Enge machen die Menschen in Shipbur und anderen Armenvierteln krank. In Hütten und Häusern grassieren Typhus, Windpocken, Masern - und immer wieder die Schwindsucht. "Hier gibt es kaum einen Haushalt ohne Tuberkulosefall", erzählt Vogt. Keine andere Infektionskrankheit rafft in Indien mehr Menschen dahin: Durchschnittlich stirbt hier jede Minute ein Kranker an ihren Folgen - rund 500 000 Opfer jedes Jahr, schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Jeder Patient mit offener, also ansteckender TB löst pro Jahr bis zu 15 Neuerkrankungen aus, zwei Millionen sollen es in diesem Zeitraum landesweit sein.

Im Vergleich zu ihren Nachbarn leben die "German doctors", wie die Ärzte für die Dritte Welt von den Menschen hier genannt werden, geradezu luxuriös. In dem Haus, in dem sie arbeiten und leben, gibt es Strom und fließend Wasser, zwei Toiletten und zwei Duschen. Der Wohnbereich im zweiten Stock erinnert an eine Jugendherberge: In den Zimmern stehen ein oder zwei Betten, ein Tisch und ein Schrank. Außer Vogt leben hier sechs weitere Ärzte aus Deutschland. Während sich ihre Kollegen zu Hause in den Ferien am Strand erholen, verbringen sie den Jahresurlaub damit, ehrenamtlich mittellose Kranke im Großraum Kalkutta zu behandeln. Sechs Wochen dauert so ein Hilfseinsatz mindestens, dann wechselt die Mannschaft.

Morgens, wenn gegen fünf aus dem Lautsprecher der Moschee um die Ecke der Muezzin zum Gebet ruft, ist die Nacht für die Ärzte meist zu Ende. Nach dem Frühstück im Gemeinschaftsraum teilt sich die Gruppe in drei Teams auf: Meist bleiben zwei Mediziner in der Zentrale, die anderen fahren mit Transportern zu zwei der neun Außenstellen in Howrah und Kalkutta, jede besuchen die Ärzte mindestens einmal in der Woche. Die Lieferwagen sind voll gepackt mit Klapptischen und Stühlen, Medikamenten und Nahrungsmitteln. Mit an Bord sind Hilfskräfte und Krankenschwestern, die übersetzen und bei den Untersuchungen helfen.

Stundenlang auf dem Weg zum Arzt

Heute geht es nach Topsia in den Osten Kalkuttas zum "Dr. Ambedkar Memorial Sporting Club", den die Ärzte als Behandlungsstation nutzen. Rund 80 Erwachsene und Kinder warten geduldig in der Schlange vor dem Gebäude. Viele sind schon vor Stunden zu Fuß oder mit der Bahn aufgebrochen, um rechtzeitig um neun Uhr hier zu sein.

Während Ärzte und Helfer die Ausrüstung in den kleinen Untersuchungsraum tragen und die ersten Patienten registriert werden, stellt sich Mitarbeiterin Bimala Das in die wartende Menge und hält eine Tafel mit einer Zeichnung in die Höhe. Das Bild zeigt einen Mann mit Husten - meist das erste Symptom einer Tuberkulose. Die Helferin holt weitere Bilder hervor und erzählt dazu die Geschichte des Mannes, der immer kranker wird, bis er Blut spuckt, zum Arzt geht und schließlich geheilt wird. Um sie herum haben sich die Wartenden auf den Boden gesetzt und folgen aufmerksam den Worten.

Vorsorge durch Aufklärung

Sie lernen, dass sich die Tuberkelbakterien über Husten und Spucken verbreiten. "Wenn auch nur einer aus eurer Familie krank wird, müssen alle untersucht werden. Habt ihr das verstanden?", sagt Bimala Das. Aktionen wie diese sind wichtig, denn nur durch Aufklärung kann die Ausbreitung der Krankheit eingedämmt werden.

In der Ambulanz haben die Ärzte unterdessen begonnen, die Patienten zu untersuchen. Meist sind es die üblichen Fälle mit Halsschmerzen, Krätze oder Würmern. Immer wieder kommen Mütter mit ihren unterernährten Kindern, um sich Blumenkohlhälften, Bananen und Tüten mit Trockenmilch und einem Pulver aus gemahlenen Getreidekörnern, Linsen und Erbsen abzuholen. Ist der Zustand eines Kindes kritisch, weisen die Ärzte es mit seiner Mutter auf die "Päppelstation" in der Zentralambulanz ein, in der 14 Patienten versorgt werden können. In den Außenambulanzen behandeln die Mediziner offene Wunden, wechseln Verbände und impfen gegen Polio, Diphterie und andere Krankheiten. Bis zu 200 Patienten versorgen sie in einer Station an einem Tag.

"Die Tuberkulosebekämpfung ist nicht unsere einzige Aufgabe, wir leisten auf vielen Gebieten Basismedizin", sagt Vogt. Doch anders, als sie es aus Deutschland gewöhnt sind, müssen die Ärzte sich hier vor allem auf das Stethoskop und ihre Sinne verlassen. "Man lernt, mit wenigen Mitteln sehr effektiv zu helfen", sagt Klaus Kevenhörster. Der Kinderarzt aus Mülheim an der Ruhr zählt zu den erfahrensten Helfern der Organisation: In den vergangenen zehn Jahren hat er für sie unter anderem in Nairobi, Manila und OstTimor gearbeitet. Jetzt ist er zum dritten Mal in Kalkutta - sein elfter Einsatz insgesamt. "Natürlich können wir nur wenig tun, die großen Veränderungen wie Kanalisation, Wohnungen und Krankenhäuser müssen die Politiker anschieben. Doch wir können das Bewusstsein der Menschen in den Slums verändern, indem wir ihnen erklären, wie Krankheiten entstehen und wie sie sich davor schützen."

"Wenn ich ein Jahr lang zu Hause herumgesessen habe, brennt es wieder"

Seine Praxis hat der 71-Jährige vor ein paar Jahren aufgegeben, seine Einsätze kann er heute problemlos planen. "Ich bin Witwer, und meine vier Kinder sind aus dem Haus - da kann ich meine Zeit freier einteilen", sagt er. "Wenn ich ein Jahr lang zu Hause herumgesessen habe, brennt es wieder, dann muss ich raus."

Auch Vogt kennt diese Unruhe. 1998 kam der Rheinländer zum ersten Mal in die Station nach Howrah - und wäre zunächst am liebsten sofort wieder nach Hause gefahren. "Ich wollte den Menschen hier helfen, aber ich hatte Angst", sagt er. Angst davor, fachlich nicht gut genug zu sein; Angst vor Straßenräubern und gefährlichen Krankheiten. "Doch die Bedenken verflogen schnell, nach zwei Wochen hatte ich mich eingelebt."

"Es gibt noch so viel zu tun"

Seither kam er jedes Jahr wieder, Ende 2002 als Leiter des Projekts sogar für zwölf Monate - jetzt bleibt er noch länger. Vogt: "Eigentlich sollte ich 2004 in die Station nach Nairobi gehen. Doch so kann ich meine Erfahrung und vor allem die gerade gewonnenen Kontakte weiter nutzen." Und zurück nach Deutschland? "Die Rückkehr wird immer schwieriger", sagt der Arzt. "Hier kann ich anders als zu Hause mit sehr wenig Aufwand sehr viel bewegen. Und es gibt noch so viel zu tun."

Wie sehr die German doctors gebraucht werden, sieht Vogt, als er am Nachmittag seinen Kollegen Subrata Das in der Nähe der Zentralambulanz besucht. Das Sprechzimmer ist voll. Gut drei Dutzend TB-Kranke sitzen auf Holzbänken aufgereiht oder lehnen an den Wänden. Einige tragen Mundschutz, um die gefährlichen Bakterien nicht zu verbreiten.

Etwa 150 Schwindsüchtige betreut Das auf seiner Station insgesamt. "Die deutschen Ärzte schicken die Kranken zur Behandlung zu uns. Alle drei Tage holen sie sich hier ihre Medikamente ab." In einem Regal neben der Tablettenausgabe stehen die weißen Kartons mit den Pillen. 2500 Rupien kostet eine Packung - den zwei- bis dreifachen Monatslohn eines Patienten. "Bezahlen muss hier aber niemand dafür, die Medikamente werden vom Staat getragen", sagt Das. Die Heilungschancen bei einer gewöhnlichen TB stehen gut, 95 Prozent der Erkrankten könnten innerhalb eines halben Jahres wieder gesund werden. "Doch viele brechen die Therapie bereits nach ein paar Wochen ab, sobald Husten und Fieber verschwinden", klagt Vogt. Flammt die Krankheit später wieder auf, wird die Behandlung viel schwieriger, weil die Bakterien gegen die üblichen Antibiotika resistent geworden sind. Solche Therapien seien aufwendig und dauerten mitunter bis zu zwei Jahren. Vogt: "Deshalb geben wir die Medikamente nur portionsweise ab - so können wir Missbrauch besser vorbeugen und merken sofort, wer nicht regelmäßig seine Arznei einnimmt."

Jeder vorzeitige Ausstieg ist für den deutschen Arzt ein Rückschlag. Und angesichts des Elends, der Wohnungsnot und der katastrophalen Hygieneverhältnisse in einem Land mit rund einer Milliarde Menschen wird ihm stets aufs Neue klar, "dass wir hier gegen Windmühlen kämpfen und nichts an der verheerenden Situation ändern können". Doch in der Masse begegnen ihm auch immer wieder die Einzelfälle, die Menschen mit einem Gesicht und einer Geschichte, die dank der Ärzte für die Dritte Welt eine zweite Chance bekommen haben.

Eine davon ist Sakina. Als Vogt sie am nächsten Nachmittag im St. Thomas Home im Stadtteil Bandra Mori besucht, kommt sie ihm lachend entgegen. Vor einem halben Jahr konnte das Mädchen keinen Schritt mehr laufen, seine Beine und der linke Arm waren gelähmt. "Eine Knochen-TB hatte Sakinas siebten Halswirbel so stark deformiert, dass das Rückenmark zu zerquetschen drohte", sagt Vogt. "Ihr Vater brachte sie nach den ersten Anzeichen sofort in die Ambulanz, uns blieben gerade noch 72 Stunden, um eine endgültige Querschnittslähmung zu verhindern."

Sechs Monate still liegen

Sechs Monate musste Sakina still in ihrem Krankenhausbett liegen. "In dieser Zeit habe ich Mathe und Hindi gelernt", erzählt die Elfjährige auf Urdu, der Sprache der Muslime hier. Sie klappt die Bettdecke zurück und zeigt die Schulhefte, die sie darunter am Fußende aufbewahrt. Inzwischen darf sie wieder aufstehen. Zum Sitzen und Gehen trägt sie zur Sicherheit noch ein Metallgerüst, das Hals und Kopf stabilisiert.

Sakina liegt in einem Schlafsaal mit 16 anderen Kindern. Die meisten haben die German doctors in das TB-Krankenhaus eingewiesen, das von der evangelischen Kirche getragen wird. Doch das kleine Haus ist ständig überbelegt, zwei weitere Betten stehen sogar schon auf der Veranda zum Garten. "Wir wollen das Haus aufstocken", sagt Vogt. Knapp 50 000 Euro kostet der Bau der neuen Etage. Das Komitee der Ärzte für die Dritte Welt habe das Geld bereits bewilligt, "in der nächsten Woche beginnen die Bauarbeiten". Bald sollen hier 42 Patienten Platz haben. Bis zu zwei Jahre bleiben die Kranken im St. Thomas Home. In dieser Zeit werden sie jeden Tag im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet - viele zum ersten Mal in ihrem Leben. Sakina und die anderen Mädchen lernen außerdem das Nähen. An den Maschinen im Eingangsbereich stellen sie zur Übung Taschentücher und - wie praktisch - Mundschutze her. Sakina gefällt das: "Wenn ich wieder zu Hause bin, will ich weiter lernen und später einmal Schneiderlehrerin werden", sagt sie.

Beine, so dünn wie Besenstiele

Noch am selben Abend besucht Vogt Guria. Es geht ihr schlecht. Sie ist noch schwächer als zuvor und redet kaum. Der Arzt streichelt ihr den Kopf und die Arme, die wenig dicker sind als Besenstiele. Fünf Minuten bleibt er bei ihr, dann lässt er sie weiterschlafen.

In den folgenden Tagen schwankt Gurias Zustand bedrohlich. Mal scheinen sie nur Stunden vom Tod zu trennen, dann bäumt sich ihr Körper wieder auf, und Vogt schöpft neue Zuversicht.

Drei Wochen später schreibt der Arzt nach Deutschland: "Guria hat ihr Chicken bekommen. Die Sozialarbeiter haben die tägliche Lieferung übernommen." Doch er hoffte vergebens: Noch im Februar starb das Mädchen.

Torben Müller / print

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