HOME

Wachkoma: Die wundersame Reise des Terry Wallis zurück in die Welt

Als ihn sein Arzt fragte, weshalb er nach 19 Jahren im Koma zu sprechen begonnen habe, antwortete Terry Wallis aus Arkansas: "Ich wollte Pepsi." Die Geschichte eines einzigartigen Schicksals.

Von Katja Gloger

Er sah eine Frau durch die Tür kommen, sie hielt einen Becher. "Terry, wer ist das?", fragte die Krankenschwester, so wie sie es immer wieder fragte, seit Jahren schon. Sie erwartete keine Antwort, er konnte ja nicht mehr sprechen. Doch an diesem sonnigen Nachmittag des 11. Juni 2003 antwortete er.

"Mama", sagte der Mann.

Seine Augen waren weit aufgerissen. Als ob er sich über sich selbst erschrocken habe.

Es war sein erstes Wort seit 19 Jahren. Einen Tag später sagte er "Pam". So hieß eine Krankenschwester. Nach zwei Tagen "Pepsi". Und dann "Milch".

Mit diesen vier Wörtern begann Terry Wallis seine einzigartige Reise zurück in die Welt. Bei einem Unfall hatte Terry Wallis, damals 20, im Juli 1984 so schwere Gehirnverletzungen erlitten, dass man seinen Eltern keine Hoffnung machte. Doch er überlebte. Er war bewegungsunfähig vom Nacken an, die Augen tagsüber offen, aber meist ohne Reaktion. Manchmal zuckten seine Beine. Er gab stöhnende Laute von sich. Die meisten Patienten, mehr als 100 000 allein in den USA, bleiben für den Rest ihres Lebens in diesem "minimalen Bewusstseinszustand".

Niemand weiß, ob Menschen in diesem Zustand ihre Umwelt wahrnehmen. Ob sie Gesichter erkennen, sprechen wollen, Angst haben. Für Sekundenbruchteile, Tage. Oder nie.

Auch Terry Wallis erinnert sich nicht an diese Zeit. Als sein Arzt ihn einmal fragte, warum er begonnen habe zu sprechen, nach 19 endlosen Jahren, ausgerechnet an jenem Tag, antwortete er: "Ich wollte Pepsi."

Er wachte auf. "Das macht ihn zu einem einzigartigen Fall", sagt der Neuropsychologe Joseph Giacino vom JFK-JohnsonRehabilitationsinstitut bei New York, der Terry Wallis zweimal untersuchte. "Er zeigt uns, dass das Gehirn komplexer ist und viel länger aktiv arbeitet, als wir bislang annahmen. Und vielleicht wird er sogar helfen, die Grundlagen menschlichen Bewusstseins weiter zu erforschen."

Von alldem weiß Terry Wallis nichts.

Big Flat ist ein winziger Ort im Norden des US-Bundesstaates Arkansas, 108 Einwohner, eine Straße, zwei Schnapsläden mit schweren Eisentüren, zusammengenagelte Häuschen aus Holz und Spanplatten, Schrottautos. Die meisten hier sind Farmer, haben ein paar Kühe, es reicht kaum zum Überleben.

Von Big Flat aus geht es ein paar Meilen über steinige Feldwege zu den Wallis'. Mitten im Wald leben sie in einem wackligen, selbst gezimmerten Zweizimmerhaus auf 50 Quadratmetern. Hier haben Jerry und Angilee Wallis ihre vier Kinder großgezogen. Jerry, 63, versuchte sich als Farmer, als Möbelverkäufer, bastelte an Schrottautos herum, er verdiente nie Geld. Seine Frau Angilee, 58, hatte einen Job als Näherin in einer Hemdenfabrik, eine dünne, erschöpfte Frau mit festem Händedruck und verrauchter Stimme. Sie öffnet die Tür in die schattige Welt ihres Sohnes, der heute 42 Jahre alt ist. Die Vorhänge sind zugezogen, eine nackte Glühbirne gibt Licht, ein Schrank trennt das Krankenbett von einer winzigen Küche. Terry Wallis sitzt in einem Rollstuhl, festgeschnallt, die Hände sind nach innen gekrümmt, immer wieder kippt der Kopf auf seine Brust. Sein dichtes Haar ist ordentlich gescheitelt, er trägt einen kleinen Schnurrbart.

Grüne, hellwache Augen.

Er lächelt. "Nett, Sie kennenzulernen", sagt man. "Nett, kennengelernt zu werden", antwortet Terry Wallis lallend. Er ist kaum zu verstehen, immer noch hat er Probleme mit der Sprachkoordination. Er zwinkert mit dem linken Auge, ein wenig kokett. Seine Mutter lächelt, ein wenig gequält. Jedes Wort, um das sich ihr Sohn bemüht, spricht sie mit ihren Lippen nach.

"Ich lache und ich weine", sagt Terry Wallis an diesem sonnigen Sommermorgen. "Das gehört zum Leben." Dann lacht seine Mutter erleichtert.

Er lebt in einer Zwischenwelt, leidet unter massivem Gedächtnisverlust, wie viele Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma. Er hat kein Gefühl für Zeit. Sein Langzeitgedächtnis funktioniert, doch es endet kurz vor seinem Unfall. An neue Informationen, Eindrücke, kann er sich nach wenigen Minuten meistens nicht mehr erinnern. Mit seiner Erinnerung, sagt seine Mutter, sei es wie mit einem Schweizer Käse. Voller Löcher. Er vergisst, dass er vergisst.

Manchmal, wenn er nicht reagiert, ruft sie ihn bei einem anderen Namen. "Jim", ruft sie dann oder "Bill" oder "Frank".

"Ich bin Terry", insistiert er.

Er kennt sein Geburtsdatum, doch er weiß nicht, wie alt er ist. Zwölf Jahre? Sieben? 42? Alles möglich. "Ronald Reagan", antwortet er meist, wenn man ihn fragt, wer der Präsident ist. Er kann weder stehen noch gehen. Doch er sagt: "Ich spreche. Ich gehe. Ich kann rennen. Ich gehe, wohin mein Fuß mich führt. So habe ich es entschieden. Ich kann alles tun, was ich tun will."

Er erinnert sich an die Telefonnummer seiner längst verstorbenen Großmutter, den Namen eines Lehrers, seine Sozialversicherungsnummer. Aber so gut wie nie weiß er, dass die junge Frau, die jeden Tag kommt, seine lahmen Beine trainiert und ihn mit pürierten Bohnen und Kartoffeln füttert, seine 22-jährige Tochter ist. Amber war sechs Wochen alt, als ihr Vater aus ihrem Leben verschwand. Als sie ihn 19 Jahre später sah, ebenso hilflos wie lebensmutig, begriff sie das als Chance für sich. Holte ihren Schulabschluss nach, will jetzt Kurse am College belegen, teilt sich die 24-Stunden-Pflege mit ihrer Großmutter und einer Helferin. Manchmal, wenn er sie wieder nicht erkennt, wird sie wütend. Sie wolle endlich einen normalen Vater, beschwerte sie sich einmal. "Bin ich denn nicht normal?", antwortete Terry Wallis.

Er ist ein aufmerksamer Zuhörer, saugt jedes Wort auf. Vielleicht versteht er und lernt. Vielleicht wiederholt er lediglich Gehörtes. Meistens braucht er ein Schlüsselwort, um zu einer Antwort zu finden. Oft klingt sie wie auswendig gelernt.

"Wer ist unser Präsident?"
"Ich weiß es nicht."
"Es ist kein Baum, Terry."
"Es ist Bush."

An seinen Unfall erinnert er sich nicht. Er habe nie einen Unfall gehabt, sagt er. "Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie gut ich Auto fahren kann."

Er war 19 Jahre alt, hatte die Schule abgebrochen, die damals 17-jährige Sandi geheiratet, gerade war ihre Tochter geboren. Er verdiente ein bisschen Geld mit Autoreparaturen. Am 13. Juli 1984 stieg er mit zwei Freunden in einen roten Chevy Pick-up. Sie müssen wohl ins Schleudern geraten sein, durchbrachen eine Leitplanke, am Tag darauf fand man das Auto, es war zehn Meter tief in ein ausgetrocknetes Flussbett gestürzt. Ein Mitfahrer starb, der zweite überlebte, Terry Wallis erlitt schwerste Gehirnverletzungen. Die Ärzte in der Provinzstadt Mountain View diagnostizierten "Wachkoma".

Doch sein Gehirn hatte wohl keinen Sauerstoffmangel erlitten - anders als bei Wachkoma-Patienten wie etwa Terri Schiavo, deren Gehirnzellen unwiderruflich abgestorben waren. Terri Schiavo lag 15 Jahre im "persistenten vegetativen Zustand". Um ihr Leben wurde eine erbitterte juristische Schlacht geführt, selbst das Weiße Haus und der Vatikan schalteten sich ein. Im vergangenen Jahr wurden die Ernährungssonden entfernt, und Terri Schiavo durfte sterben.

Terry Wallis hingegen muss bereits in den ersten drei Monaten nach seinem Unfall in einen "minimalen Bewusstseinszustand" geglitten sein. Krankenschwestern und seine Eltern, die ihn regelmäßig besuchten, nahmen wahr, dass er auf seine Umwelt reagierte.

Er versteifte den Körper, wenn er hungrig war oder fror. Wenn man ihn etwas fragte, gab er manchmal einen Ton von sich, folgte Besuchern mit seinen Augen. Waren es bewusste Wahrnehmungen oder nur Impulse des schwer verletzten Gehirns? "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich diese Patienten ihres Zustandes bewusst sind", sagt Professor Giacino. "Aber wissen wir es sicher? Nein, denn die Betroffenen können sich nicht erinnern."

Gerade haben Forscher der englischen Universität Cambridge die Ergebnisse einer sensationellen Untersuchung veröffentlicht. Sie hatten eine Koma-Patientin angesprochen, ihr Fragen gestellt, sie gebeten, in Gedanken durch ihr Haus zu spazieren. Dabei zeichneten sie ihre Gehirnaktivität auf. Das verletzte Gehirn reagierte genauso wie das von Gesunden, denen man die gleichen Fragen stellte. Die Frau lag im Koma, doch sie war geistig wach. Ein Einzelfall? Vielleicht.

Angilee Wallis ist überzeugt, dass Terry sich gefreut hat, wenn sie zu Besuch kam. "Sein Gesicht leuchtete auf." Doch auch für den "minimalen Bewusstseinszustand" gilt die Regel: Wer innerhalb des ersten Jahres trotz Therapie nicht zurückfindet, kommt nicht mehr zu sich.

Auch Terry Wallis schien so ein hoffnungsloser Fall. Er lag im Pflegeheim von Mountain View. Seine Frau trennte sich von ihm, die Freunde blieben weg, allein seine Eltern kamen zu Besuch. Jedes zweite Wochenende nahmen sie ihn mit, rumpelten 45 Kilometer über die holprige Straße nach Hause. Wechselten seine Windeln, fütterten ihn, sprachen mit ihm, lasen ihm vor. Zu Weihnachten machten sie Fotos, hängten sie an die Wand, gewöhnten sich an ihr fremdes Kind, an ihr Leben.

Zwei Jahre bevor Terry Wallis sein erstes Wort sprach, bemerkte sein Arzt James Zini eine Veränderung: "Es gab da eine hübsche Krankenschwester. Sie hieß Any. Er begann, ihr mit den Augen zu folgen. Manchmal gelang es ihm dabei sogar, den Kopf zu drehen. Wenn er also auf seine Umwelt reagieren würde, sich aber nicht ausdrücken könnte, wäre das nicht schrecklich? Es wäre doch die Hölle auf Erden, so eingeschlossen in seinem Körper zu sein", sagt Zini. Er verordnete ein Mittel gegen Depression. Erfahrungen mit älteren Pflegepatienten hatten gezeigt, dass das Medikament ihre Aufmerksamkeit stimulierte.

Dann, an jenem 11. Juni 2003, wachte Terry auf, und die Welt stürzte nach Big Flat, Arkansas. Fernsehcrews drängelten sich in dem winzigen Haus. PR-Agenten riefen an, Hollywood sicherte sich die Filmrechte. Terrys Eltern hofften wohl auch auf ein bisschen Geld. Einmal telefonierte sein Vater mit der Firma Pepsi. Ob man seinen Sohn zu Werbezwecken einsetzen wolle, fragte er. Pepsi lehnte ab - das passe nicht zum Firmenimage.

Nach ein paar Monaten war der Rummel vorbei. Terry Wallis eignet sich nicht für Talkshows und Werbeverträge. Mit ihm gibt es kein fernsehtaugliches Happy End. Terry Wallis bleibt ein armer, schwer behinderter Mann, der Windeln trägt und alle zwei Stunden in seinem Bett gewendet werden muss. Die Familie erhält Pflegegeld, 6,70 Dollar pro Stunde. Für die nötige Therapie reicht das nicht. Terrys Eltern haben einen Fonds gegründet, hoffen auf Spenden.

Auch Nicholas Schiff, Neurologe der New Yorker Cornell-Universität, hatte über das "Wunder von Arkansas" gelesen. Acht Monate nachdem er aufgewacht war, wurde Terry Wallis nach New York gebracht. Nicholas Schiff und der deutsche Physiker Henning Voss untersuchten sein Gehirn. Fast verschwunden die weiße Substanz, jener Teil, der für die Übertragungen von Sinnesreizen des Körpers an die äußeren Hirnregionen zuständig ist und auch an der Entstehung von Gefühlen mitarbeitet. Verschwunden auch ganze Bereiche der äußeren, grauen Substanz, hier findet unter anderem die Kontrolle der Muskeln statt.

Die Forscher setzten eine neue Methode ein. Das "Diffusion Tensor Imaging" zeigt auch jene Bereiche, in denen Bündel aus Nervenfasern die verschiedenen Hirnregionen verbinden, Kabelstämmen gleich. Und Schiff und Voss hatten ihre Sensation: Denn offenbar bilden noch intakte Nervenzellen in Terrys Gehirn neue Axone, jene langen, fadenförmigen Zellenfortsätze, die für die Weiterleitung von Impulsen zuständig sind. Es scheint, als stelle das Gehirn neue Verknüpfungen zwischen Hirnregionen her, deren Verbindungsfasern durch den Unfall zerrissen worden waren.

Offenbar repariert es sich selbst.

Eine zweite Untersuchung vor knapp einem Jahr bestätigte die Ergebnisse. Diejenigen Bereiche, in denen Terry Wallis äußerlich Fortschritte macht, entsprechen gesteigerter Aktivität in den dafür zuständigen Hirnregionen. "Wir wissen noch nicht, warum dies geschieht", sagt Professor Schiff. "Wir wissen auch nicht, wann dieser Prozess begann. Bevor er aufwachte oder danach? Möglicherweise passiert das bei vielen Patienten, vielleicht bleibt Terry ein Einzelfall. Wir stehen am Anfang."

Terry Wallis zählt mittlerweile bis 25. Er streckt sein Bein, wenn er es strecken will. Hebt seine linke Hand, wenn er sie heben will. Ganz langsam, ein winziges Stückchen nur, es ist eine gewaltige Anstrengung - aber selbst dies hätten die Neurologen nie für möglich gehalten.

Seine Mutter und seine Tochter bleiben seine wichtigsten Therapeuten. Sie sprechen mit ihm, stellen Fragen, registrieren jede winzige Veränderung. Schimpfen, wenn er unverblümt nach Sex verlangt. Sind stolz, wenn er, wie vor einem Monat, zum ersten Mal eine bewusste Entscheidung trifft.

"Möchtest du fernsehen oder Radio hören, Terry?"
"Ich will fernsehen."

Es ist, als könne er sich nur ganz behutsam in das Leben zurücktasten. Er spürt, dass etwas nicht stimmt. Ein Gefühl, die Ahnung einer Erinnerung. Dann blickt er auf seine bewegungslosen Beine, seine gekrümmten Arme und fragt: " Was ist los mit mir? Was ist mit mir passiert?" Dann berichtet ihm seine Mutter zögernd von seiner Fahrt im roten Pick-up. "Doch wenn ich zum Unfall komme, ist es, als ob sich eine Tür schlösse. Dann nimmt er nichts mehr wahr. Als ob er sich fürchtet."

Terry Wallis liegt in seinem Bett, scheinbar teilnahmslos, doch wie immer hört er aufmerksam zu, stundenlang. Einmal sagt er: "Es ist eine gute Zeit, zu leben." Erleichtert lachen seine Eltern. Und Terry Wallis lacht auch.

"Mein Leben ist wunderbar", sagt er.

print

Wissenscommunity