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#Whyistayed: Gewalt in Beziehungen: Warum ich blieb, obwohl er mich schlug

"Warum hat sie ihn nicht verlassen?" Diese Frage wird oft gestellt, wenn Frauen unter der Gewalt ihrer Männer leiden - so wie jetzt die Verlobte des Football-Stars Ray Rice. Es gibt viele Antworten.

Von Mirja Hammer

Ein Paar steigt in einen Aufzug, ein kurzes Handgemenge, dann schlägt der Mann zu - die Frau geht bewusstlos zu Boden. Dies ist ein Ausschnitt aus einem Video, das am 15. Februar in einem Casino in Atlantic City aufgezeichnet wurde. Am vergangenen Montag stellte es das Internet-Portal tmz.com online und löste damit eine Welle der Empörung aus: Der Mann, der im Video seine Frau niederschlägt, ist US-Football-Star Ray Rice, die Frau seine damalige Verlobte Janay Palmer. Kurze Zeit nach diesem Vorfall gab sich das Paar das Ja-Wort.

Warum blieb Janay bei ihrem Mann? Warum hat sie ihn geheiratet? Warum zur Hölle ist sie nicht gegangen? Als im Internet nach der Video-Veröffentlichung zahllose solcher Fragen auftauchten, beschloss die US-Autorin Beverly Gooden zu handeln. Sie selbst wurde über Jahre von ihrem Mann misshandelt - und verließ ihn dennoch nicht. Unter dem Twitter Hashtag #Whyistayed erklärte sie warum. Weit über 90.000 Tweets folgten, Gooden hatte offenbar nicht nur Janay Rice, sondern Tausenden anderen Frauen und auch Männern aus der Seele gesprochen.

Mit den Worten: "Du denkst, schwarze Männer haben es in Amerika ohnehin schwer genug, jetzt lieferst du ihn auch noch aus. Das fühlt sich wie Hochverrat an", erklärte zuletzt noch eine weitere Prominente, die Schauspielerin Robin Givens, warum sie geblieben war, nachdem ihr Verlobter sie schwer misshandelt hatte.

Frauen wie Givens, Gooden und Rice sind ganz offensichtlich keine Einzelfälle: Jede vierte Frau erlebt im Laufe ihres Lebens Gewalt durch einen Beziehungspartner. Angezeigt werden aber nur etwa ein Viertel aller körperlichen und ein Fünftel aller sexuellen Übergriffe. Warum viele trotzdem bei ihren gewalttätigen Partnern bleiben? Experten haben dafür verschiedene Erklärungen.

Solche Beziehungen sind wie Spielsucht

Viele würden die Situation rationalisieren und sich selbst die Schuld am Verhalten ihres Partners geben, sagt Craig Malkin, Psychologe der Harvard Medical School, der Time. Sie redeten sich ein, wenn sie ihren Partner nur besser behandelten, würde sich dieser schon ändern.

Malkin vergleicht solche Beziehungen mit Spielsucht: Wie beim Zocken fokussiere sich die Person einzig auf das Positive und lebe nur auf die nächste Glückssträhne hin - in diesem Fall einen zärtlichen Moment. Diese Momente seien genau wie beim Spielen unvorhersehbar und mitunter rar. Da sie aber so intensiv und erfüllend seien, würde das Opfer am Ball bleiben - in der Hoffnung, dass ein solcher Glücksmoment widerkomme. Bei den Gepeinigten trete im Laufe der Zeit eine Art Abstumpfung ein, sodass sie am Ende gar keinen Anspruch auf ein gewaltfreies Leben mehr erheben würden, vermutet der Psychologe.

"Verurteilt sie nicht für ihre Entscheidung"

Nachdem die Weltöffentlichkeit bereits wild über die Beweggründe von Janay Rice spekuliert und sie für ihr Bleiben verurteilt hatte, nahm die 26-Jährige in einem Instagram-Statement selbst Stellung dazu: "Wenn es euer Ziel war, uns zu beschämen, uns auszugrenzen, unser Glück zu zerstören, so wart ihr in vielerlei Hinsicht erfolgreich. Aber lasst euch eines gesagt sein: Wir werden weiter wachsen und der Welt zeigen, was wahre Liebe ist."

Ruth Glenn, Vorsitzende des amerikanischen Verbands gegen häusliche Gewalt (NCADV), warnt davor, Frauen wie Janay Rice dafür zu verurteilen, dass sie bei ihrem Peiniger bleiben. Für Menschen, denen Gewalt in Partnerschaften fremd sei, sei das schwer nachzuvollziehen. Aber Rice liebe ihren Mann und es sei nicht unverständlich, dass sie das trotz dieses Übergriffs immer noch tue, sagt Glenn. "Ich hoffe, dass Menschen künftig einen Moment innehalten und solche Emotionen reflektieren, bevor sie dazu übergehen, sie zu verurteilen."

Janays Rices Erklärung, wie es zu dem Vorfall kam, sage viel über ihre Entscheidung aus, sagt Malkin. Tatsächlich wurde Rice als erste handgreiflich, bevor ihr Verlobter sie niederschlug. Rice nutze ihre eigene Gewaltbereitschaft zur Rationalisierung der Misshandlung, so der Psychologe. Viele Paare würden kleinere Handgreiflichkeiten im Beziehungsalltag tolerieren. Später würde sich der misshandelte Partner dann einreden, dass er ja selbst handgreiflich geworden sei und somit Schuld an der Eskalation habe. Natürlich liege es in der Verantwortung beider Partner, emotionale und physische Stabilität in der Beziehung zu gewährleisten, sagt Malkin. Doch wenn einer von beiden derart ausraste, so habe er die Verantwortung alleine zu tragen.

Sie geben ihnen das Gefühl, besonders zu sein

Die Selbstanschuldigungen würden von den Tätern häufig ausgenutzt, um die Opfer emotional unter Druck zu setzen. Laut NCADV geht häusliche Gewalt häufig mit emotionaler Gewalt einher, die das Opfer daran hindere zu gehen. Die Autorin Leslie Morgan Steiner hat über ihre gewalttätige Beziehung das Buch "Crazy Love" geschrieben. Es zielt auf eben diese Art von psychologischer Kriegsführung ab. Viele Täter fühlten sich von unsicheren Menschen angezogen, deren Selbstwertgefühl sie dann zunächst aufbauten, indem sie ihnen das Gefühl geben, etwas ganz besonderes zu sein, sagt Steiner. Danach würden sie diese Schritt für Schritt isolieren und sie glauben machen, dass sie nur ihn oder sie zum Freund hätten. Damit seien ihnen die Opfer ausgeliefert.

"Warum bin ich geblieben?", fragt Steiner in ihrem Format auf der Webseite TED-Talks. "Weil ich nicht gemerkt habe, dass er mich misshandelt." Und das, obwohl er eine geladene Waffe an ihren Kopf gehalten, sie die Treppe hinuntergeworfen und gedroht hatte, den Hund zu töten. "Ich habe nicht einmal daran gedacht, eine misshandelte Frau zu sein. Stattdessen betrachtete ich mich als starke Frau, die einen Mann liebte, der in großen Schwierigkeiten steckte. Ich war die einzige Person auf der Welt, die ihm helfen konnte, seine Dämonen zu zähmen." Irgendwann schaffte sie den Absprung. Durch die Veröffentlichung ihrer Geschichte konnte sie den jahrelangen Missbrauch schließlich verarbeiten.

Öffentliche Debatten helfen

Etwas Ähnliches geschieht nun durch #Whyistayed. Soziale Medien werden häufig als Plattform genutzt, um Formen von Missbrauch und Vergewaltigung zu diskutieren. Im März hatte es eine hitzige Debatte darüber gegeben, ob Frauen, die sich freizügig kleiden, eine Mitschuld an sexuellen Übergriffen trügen. Unter dem Hashtag #RapeHasNoUniform teilten Menschen Fotos der Kleider, die sie trugen, als sie Opfer sexueller Verbrechen wurden. Scott Berkowitz, Gründer des amerikanischen Netzwerks für Vergewaltigung, Missbrauch und Inzest (RAINN), war angesichts der regen Diskussion nicht überrascht. Eine solch große Gemeinschaft an Gleichgesinnten zu haben, könne Menschen Sicherheit geben.

Für Janay Rice kann niemand sprechen außer sie selbst. Daher werden viele wohl nie verstehen können, weswegen sie bei Ray geblieben ist. Aber ihr Fall hat gezeigt, dass sie nicht das einzige Opfer ist, das seinen Peiniger nicht verlässt und auch, dass es offensichtlich Tausenden anderen ähnlich geht. "Warum hast du ihn verlassen?" Diese Frage stellt sich dank #whyistayed künftig vielleicht etwas weniger schnell - und vor allem weniger vorwurfsvoll.

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