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Reaktionen zur WHO-Einschätzung "Man kann jedes Fleisch bedenkenlos essen"


Wurst ist krebserregend. Die Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO dürfte vielen den Appetit verdorben haben. Während einige Experten zum gleichen Urteil kommen, halten andere sie für übertrieben. Die Reaktionen.

Der Konsum verarbeiteter Fleischerzeugnisse ist für die Entstehung von Darmkrebs mitverantwortlich. Das erklärte jetzt die zur WHO gehörende internationale Krebsforschungsagentur (IARC). Auch rotes Fleisch sei demnach "wahrscheinlich" krebserregend. Die Forscher zitieren Studien, wonach etwa 34.000 Menschen jährlich wegen des intensiven Konsums verarbeiteter Fleischwaren an Krebs erkranken und sterben. Sollte sich eine krebserregende Wirkung von rotem Fleisch bestätigen, sei sogar von 50.000 Todesfällen pro Jahr auszugehen. Die Reaktionen auf diese Erkenntnis sind gemischt.

"Man kann jedes Fleisch bedenkenlos essen. Es kommt aber auf die Menge an", meint zum Beispiel Professor Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke, der nicht an dem Bericht beteiligt war. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, nicht mehr als 300 bis 600 Gramm Fleisch und Fleischwaren pro Woche zu essen. Die Realität sehe aber bundesweit anders aus, sagt DGE-Pressesprecherin Antje Gahl in Bonn. So verzehren Männer im Durchschnitt wöchentlich etwa doppelt so viel - nämlich 1092 Gramm. Frauen liegen demnach mit 588 Gramm an der oberen Grenze.

Debatte ideologisch gefärbt

Fleischproduzenten weisen hingegen - wenig überraschend - die Schlussfolgerungen der Experten zurück. Der Schutzverband Schwarzwälder Schinkenhersteller wirft der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Verunsicherung der Verbraucher vor. Von Schinken gehe keine Gesundheitsgefahr aus, sagt Verbandschef Hans Schnekenburger in Villingen-Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis). Er könne ohne Bedenken gegessen werden. Die WHO habe ihre Vorwürfe nicht mit Zahlen belegt, die Debatte sei ideologisch gefärbt.

Aber auch unabhängig Experten reagieren zurückhaltend auf den Bericht. Das North American Meat Institute (Nami), ein Zusammenschluss von US- Fleischproduzenten, wirft den Forschern vor, sie hätten die Daten voreingenommen analysiert. Der Verband verweist auf den überdurchschnittlichen Fleischkonsum in mediterranen Ländern, deren Einwohner sich trotzdem einer sehr hohen Lebenserwartung und "einer ausgezeichneten Gesundheit" erfreuen.

Der Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie erklärt, "nicht allein ein einzelnes Lebensmittel" sei für die Entstehung von Krebs verantwortlich, sondern weitere Faktoren wie die genetische Vorbelastung oder die persönliche Lebensweise. "Nur sehr wenige Menschen in Europa essen so viel Fleisch, dass sie die Kriterien für einen hohen Konsum erfüllen", sagt die britische Ernährungsexpertin Elisabeth Lund, die auch auf den hohen Eisen- und Zinkgehalt von Fleisch hinweist.

Auch Frankreichs Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll warnt davor, Panik zu schüren: "Man kann und soll Fleisch essen, aber in einem vernünftigen Rahmen."

Auf Twitter wird gelacht

Wie der Verbraucher mit der neuen Erkenntnis umgeht, das muss wohl jeder für sich entscheiden. Sieht man sich jedoch die Reaktionen auf Twitter, bekommt man das Gefühl, dass es kaum jemand wirklich ernst nimmt.

AFP DPA

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