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Zwei Schweinegrippe-Tote: Die vorhersehbare Rückkehr des H1N1-Virus

Was bedeuten die beiden Todesfälle in Göttingen? Droht eine neue Schweinegrippe-Welle? Experten raten zur Vorsicht, sehen aber keinen Anlass für Panik.

Von Lea Wolz

Die Meldung klingt erschreckend: In Deutschland sind zwei an der Schweinegrippe erkrankte Menschen gestorben. Ein dreijähriges Mädchen erlag laut niedersächsischem Gesundheitsministerium im Göttinger Uniklinikum dem Virus. Auch ein 51-Jähriger, der am Montagmorgen starb, hatte sich infiziert. Ob die Schweinegrippe bei ihm die Todesursache war, lässt sich laut Uniklinik Göttingen allerdings noch nicht genau sagen. Der Mann habe schwere chronische Vorerkrankungen gehabt. Auch wenn die Schweinegrippe in Deutschland wieder für Schlagzeilen sorgt, sehen Experten keinen Anlass zur Panik. Denn im Gegensatz zum Auftreten des H1N1-Virus im Frühjahr 2009 gibt es entscheidende Unterschiede.

"Damals ist der bis dahin weitgehend unbekannte Erreger außerhalb der Grippesaison aufgetaucht", sagt der Mediziner Winfried Kern von der Uniklinik in Freiburg. "Jetzt sind wir mitten in der Influenzasaison." Tödlich verlaufende Erkrankungen seien bei der jährlichen Influenza keine Seltenheit. Dem Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge kommt es je nach Schwere der Grippewelle jedes Jahr in Deutschland zu 8000 bis 10.000 Todesfällen. Auch eine Sprecherin des RKI sagt: "Jedes Jahr kommt die Grippewelle, und jedes Jahr sterben Menschen daran."

Nicht die ersten Todesfälle

Die Todesfälle aus Niedersachsen überraschen Experten auch nicht, da sie in der aktuellen Saison mit einer Rückkehr des Schweinegrippe-Virus gerechnet hatten. "H1N1 hatte im vergangenen Jahr die früher kursierenden Virustypen weitgehend verdrängt und sich über den gesamten Globus verteilt", sagt Kern, der den stern.de-Ratgeber Erkältung betreut. "Dass der Erreger, der während der Grippesaison auf der Südhalbkugel wieder kursierte, als saisonale Influenza auch bei uns wieder auftauchen wird, war abzusehen."

Von Herbst 2009 bis August 2010 wurden in Deutschland über 220.000 H1N1-Fälle gemeldet. Laut RKI starben daran gut 250 Menschen. In der aktuellen Grippesaison sind dem Berliner Institut zufolge bis Anfang Dezember bereits 110 Fälle von Influenza nachgewiesen worden, 32 davon waren nachweislich durch das H1N1-Virus ausgelöst. Weitere 50 Grippefälle sind der Sprecherin zufolge ungeklärt. Die Dunkelziffer könne daher durchaus höher liegen. Da die Schweinegrippe nicht mehr meldepflichtig sei, sei auch unklar, wie viele Menschen bereits an dem H1N1-Erreger gestorben seien.

Allerdings wären das in Göttingen gestorbene Kind und der 51-jährige Mann keinesfalls die ersten Todesfälle durch H1N1 in Deutschland nach dem offiziellen Ende der Pandemie. "Schon im Oktober wurde ein Fall bekannt", sagt die RKI-Sprecherin. Eine 20-jährige Frau, die ebenfalls an chronischen Vorerkrankungen litt, sei nach einer H1N1-Infektion an Multiorganversagen gestorben.

Experten raten zur Impfung

"Patienten mit Grunderkrankungen sollten sich daher impfen lassen", rät Kern. Vor allem älteren Menschen ab 60 Jahren, chronisch Kranken und erstmals in diesem Jahr auch Schwangeren wird die Impfung empfohlen. Denn auch gegen den Schweingrippe-Erreger gibt es mittlerweile einen Impfstoff - ein weiterer Unterschied zum ersten Auftreten von H1N1. Eine Extra-Impfung wird dabei allerdings nicht mehr angeraten. Die normale Influenzaimpfung schützt in diesem Jahr auch gegen das H1N1-Virus. "Für die Impfung gegen die Influenza ist es noch nicht zu spät", sagt Kern. Etwa zwei Wochen dauere es, bis nach der Impfung ein vollständiger Schutz aufgebaut sei.

Von Mexiko aus hatte sich die Schweinegrippe Anfang 2009 aus über die ganze Welt ausgebreitet. Im Juni 2009 rief die WHO schließlich die Pandemie aus, im August 2010 erklärte sie diese für endgültig beendet. Doch schon damals warnte WHO-Sonderberater für Grippe-Pandemien Keiji Fukuda: Auch mit dem Ende der Pandemie sei das Virus nicht aus der Welt.

Wie schwer die Grippewelle in diesem Jahr sein wird und wie stark sich der H1N1-Erreger verbreiten wird, ist dem Freiburger Mediziner Kern zufolge noch nicht abzusehen. Der Höhepunkt der Grippe-Welle wird für Ende Januar und Februar erwartet. "Im März nimmt die Zahl der gemeldeten Fälle für gewöhnlich wieder ab", sagt Kern. "Erst wenn in den kommenden Wochen täglich zwei durch H1N1 verursachte Todesfälle dazukommen, wäre dies ungewöhnlich und würde Anlass zur Sorge geben."

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