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Kurt Kister: Wolfslächeln und Nadelstiche

Wolfslächeln und Nadelstiche

Das Wortduell zwischen dem Kanzler und seinem Herausforderer: "Es macht wenig Sinn, wenn wir uns jetzt darüber unterhalten" Gerhard Schröder gab sich kurz angebunden, Edmund Stoiber eher weitschweifig – aber beide machten aus ihrer gegenseitigen Antipathie keinen Hehl

Berlin, 12. August – Der Bundeskanzler betrachtete mit großem Interesse die Fingernägel seiner linken Hand. Neben ihm saß Edmund Stoiber und sagte: "Es wird heute sehr viel Oberflächlichkeit in der Politik praktiziert." Gerhard Schröder schaute immer noch auf die Nägel, so als suche er etwas. Das war sonderbar, denn vor ein paar Minuten hatte Stoiber, als Schröder gerade redete, seinen rechten Zeigefinger lang gestreckt und sehr hingebungsvoll mit dem Nagel seines linken Zeigefingers unter dem Nagel des rechten gegraben. Zuvor hatte er schamanenhaft seinen Ehering gedreht, was übrigens auch Schröder im Verlauf des Gesprächs ein paar Mal tat. Es heißt ja, wenn jemand unter Anspannung ist, dann weiß er nicht so recht, was er mit seinen Händen tun soll, wenn er sie nicht gerade zum Gestikulieren benutzt. Stoiber tut das häufiger als Schröder. In diesem Sinne gehört Schröder eher zu den Händefaltern, während Stoiber der Gattung der Fuchtler zuzurechnen ist.

Anspannung? Gar Aufregung? Nein, beide, der Amtsinhaber und der Kandidat, hatten versichert, angespannt seien sie nicht. Darf man ja auch nicht sein. Man ist ja Profi. Man kennt sich und sitzt sich jetzt schon zum zweiten Mal gegenüber. Anfang Juli traf man sich im Springer-Verlag, um Bild und Bild am Sonntag das erste Duell zu bescheren. Diesmal sind Süddeutsche Zeitung und Welt dran.

"Mach ihn fertig, Gerhard"

Um drei viertel zwei am Freitagnachmittag standen die Chefredakteure Hans Werner Kilz (SZ) und Wolfram Weimer (Welt) vor der großen Holztür, die den Zugang zum Innenhof der Französischen Straße 47 verschließt. In dem roten Sandsteingebäude nahe des Gendarmenmarkts breitet sich die Berliner SZ-Redaktion über drei Stockwerke aus. Links und rechts von der Tür war rot-weißes Trassierband gespannt, dahinter warteten Kameraleute, Photographen und normale Schaulustige. Um 13.53 Uhr stieg Stoiber aus einem dunklen Siebener BMW, posierte für ein paar Aufnahmen und wurde anschließend unter heftigstem Smalltalk zwei Stockwerke hinaufgeführt. Dann passierte erst mal nichts weiter. Die Chefredakteure standen unten, der Kandidat war nebst kleiner Entourage oben ("Habt's an Kaffee?") und erzählte von seinem gerade absolvierten Kurzbesuch im Kosovo. Der Kanzler kam nicht. Er kam nicht, nicht um zwei, wie ausgemacht, nicht um zehn nach zwei und auch nicht um Viertel nach.

Gegen zwanzig nach zwei schien er dann doch auf, autolos, von Leibwächtern geschützt und strammen Schritts. Ein paar Leute applaudierten und einer rief: "Mach ihn fertig, Gerhard." Oben, im zweiten Stock, stürmte Schröder dann den langen Flur hinunter, sah aber keinen Stoiber. Der hatte sich mit seinen Imageknechten und PR-Hintersassen Michael Spreng, Ulrich Wilhelm und Martin Neumeyer in ein Büro zurückgezogen. Gemächlich verließ er es und näherte sich dem leicht hibbeligen Kanzler von hinten. Bevor Schröder seine kurze Entschuldigung vorbrachte ("...bin bei der ARD aufgehalten worden"), murmelte einer der Stoiberisten: "A hoibe Stund. Des duat ma net."

Gleich danach, auf dem offiziellen Viererphoto – Schröder, Stoiber, Weimer, Kilz – wollte der Kandidat partout nicht neben Schröder stehen. Er bugsierte den groß gewachsenen Weimer neben den eher pyknischen Kanzler, und so wurde für die Nachwelt ein recht gezacktes Quartett der körperlich unterschiedlich hohen Herren festgehalten. Plaudern wollte nach dem Foto keiner von beiden. Mit dem Satz "Ist das hier?" strebte Schröder flugs dem Halbrund der vier Sessel zu. Man platzierte sich, im Hintergrund wurden ein paar Stühle gerückt.

Allgemeines Schwitzen

Schröders Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye zog sich in eine Ecke des Raumes zurück. Dort sitzend verfolgte Heye dann mit meist stoischem Gesichtsausdruck das mehr als zweistündige Geschehen. Immer wieder mal musterte Heye so intensiv die Decke, als ob der Gipsstuck da oben das Geheimnis bergen könnte, wie man die SPD wieder auf 40 Prozent bringt. Heyes Stellvertreter Bela Anda, dezidiert kein Stoiker, saß derweil unter den Stoiberisten auf der Heye entgegengesetzten Seite des Raumes. Nach weniger als einer Viertelstunde hob ein allgemeines Schwitzen an, weil die für die Fotografen aufgebauten Scheinwerfer das Klima im Konferenzraum auf mittelbrasilianische Verhältnisse, etwa zwei Uhr nachmittags in Manaus, trieben. Weder die Politiker noch die Chefredakteure entledigten sich, vielleicht aus Anstand, ihrer Sakkos, was ihr Leben nicht erleichterte. Zwar brummte irgendwo eine mobile Klimaanlage vor sich hin, aber die erbrachte nicht viel mehr als den Beweis dafür, dass man schon gedacht hatte, dass es heiß werden könnte.

Gott und das Private

Doch, die Herren waren angespannt, auch wenn das ihre Sprecher vermutlich dementieren würden. Ein gutes Drittel der Begegnung war dem im weiteren Sinne allgemein Menschlichen gewidmet. Für den Kanzler begann dieser Teil mit einer Frage nach seinem Verhältnis zu Gott. So was mag er nicht so gern, weswegen er dann auch den Frager mit halbfreundlicher Miene anraunzte: "Das sollte wirklich der Privatheit überlassen bleiben."

Als schwitzender Beobachter, in Maßen mit dem Kanzlermenschen und Menschenkanzler vertraut, wusste man da schon, dass das dem weiteren Gang des Gesprächs nicht direkt förderlich sein würde. Überhaupt machte Schröder nicht gerade den Eindruck, als sitze er auch nur halbenthusiastisch hier. Des Öfteren leitete er Antworten mit Sätzen wie diesem ein: "Wissen Sie, es macht wenig Sinn, dass wir uns jetzt darüber unterhalten." Sein Tonfall war manchmal sogar mürrisch, vor allem dann, wenn er hinter Fragen des Welt-Chefredakteurs eine andere politische Grundeinstellung vermutete als die seine. Einmal belehrte er Weimer, dass er, Schröder, anders als Weimer, nicht die Union für die natürliche Regierungspartei in Deutschland halte. Wohl auch, weil die Unternehmung zum Teil viel mehr Viererinterview als Zweierstreitgespräch nebst intervenierenden Sekundanten war, tröpfelten die Minuten, an denen, die gerade nicht redeten, vorbei. Dies war die Zeit der Fingernägel, des Augenrollens, des Einander-kaum-ins-Gesicht-Sehens. Im Fernsehen darf das nicht so sein, weil einer, der nicht aufmerksam wirkt, entweder als arrogant oder als desinteressiert erscheint.

Der Kandidat war in dieser Phase äußerlich konzentrierter, vielleicht auch weil ihm nicht die spezifisch Schrödersche Selbstsicherheit (nach dem Motto: "ich kenn euch doch alle, was fragt ihr denn da für Zeug?") zu eigen ist. Stoiber bemühte sich stets, auf die Fragen einzugehen, in diesem Sinne: zu gefallen. Er redete über seinen Glauben, sein Gesellschaftsbild ("eine blühende Wiese"), seine Prägung. Wenn er nicht über das Halbeinkünfteverfahren oder die Brüsseler Verschuldungskriterien sprach, wirkte allerdings selbst das Persönliche oft seltsam distanziert.

Man hatte das Gefühl, als gebe es in seinem Inneren irgendwo einen Filter. Der sorgt vielleicht dafür, dass jenes, was selbst bei so einem Gespräch aus dem Bauch kommt, mit den Verstandesdingen maximal in einem Mischungsverhältnis von eins zu zehn steht. Und weil dieser Mischungsprozess manchmal etwas länger dauert, ist sein Redefluss immer noch von Pausen und "Äh" oder "Ähem" unterbrochen. Das ermöglicht dem Gegner, ihm elegant ins Wort zu fallen, was Schröder immer wieder weidlich nutzte. Das ging etwa so: Stoiber wurde nach seinem größten politischen Erfolg befragt. "Mein größter politischer Erfolg...", Pause, einatmen. Schröder: "Kommt noch, meint er." Stoiber: "Es ist ja immer schwierig...", Pause, Äh. Schröder: "Wir arbeiten dran, dass das nix wird." Kanzler setzt Wolfslächeln auf, Stoiber holt zu einer leicht mäandrierenden Antwort aus, Kanzler lehnt sich zurück.

Wenn man den beiden über eine verhältnismäßig lange Strecke zuhört, fällt auf, dass Schröder weniger weitschweifig spricht und sich nur relativ selten in einem Satz verirrt. Er redet, wie man so schön sagt, oft druckreif, was nicht unbedingt bedeutet, dass seine Einlassungen stets inhaltsschwer sind. Beides ließ sich auch in jenem ellenlangen Wurm von Manuskript erkennen, den der aufopferungsbereite SZ-Stenograph Johann Mayr, ein echter Held des Alltags, von der Berliner Begegnung anfertigte. (Notabene, der zweite Held an diesem heißen Nachmittag war der Kellner, der durch seine kontinuierliche, diskrete Getränkezufuhr dafür sorgte, dass zumindest körperliche Blackouts nicht vorkamen.) Stoiber hat zwar in der Disziplin Freie Rede erhebliche Fortschritte gemacht. Aber er baut immer noch gnadenlos komplizierte Sätze, deren Entstehung im Prozess des Redens nachzuvollziehen ist. Bei den Fernsehkollegen, die einen 20-Sekunden-O-Ton brauchen, macht er sich damit ziemlich unbeliebt.

Fehlerhafte Erinnerungen

Ein typischer Stoiber-Satz aus dem Gespräch, in dem er einen seiner politischen Fehler erklären wollte: "Vielleicht 1980 in der Bundestagswahl, dass ich vielleicht manchmal den Rat gegeben habe, die Konfrontation, die es ja zweifelsohne zwischen Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß gegeben hat, nicht abzumildern, wenn man das heute so sieht." Schröder hätte da an Stoibers Stelle gesagt: "1980, Schmidt gegen Strauß, war ich wohl etwas zu scharfmacherisch." Manches in der gedruckten Version der Begegnung liest sich übrigens anders als es die Teilnehmer gesagt haben. Dies ist dem Nerven aufreibenden, Zeit fressenden Prozess der Autorisierung des Textes durch die Stoiber- und Schröder-Mannen geschuldet.

Interessant übrigens war, dass auch die beiden die von Politikern ungeliebte Frage nach dem größten Fehler, den sie gemacht haben, nicht beantworten wollten. Der eine, Stoiber, konnte sich "direkt jetzt nicht an den größten Fehler erinnern". Der andere, Schröder, sagte, er habe die ganze Zeit – kleiner Nadelstich – , in der Stoiber geredet habe, darüber nachgedacht, aber: "Mir ist ein größter Fehler nicht eingefallen." Es sei eben so, dass der Fehler, den man gerade gemacht habe, immer der größte sei. Das aber relativiere sich dann wieder, meinte Schröder und zeigte seinem Kontrahenten, wie man eine solche Frage evasiv, aber dennoch ernsthaft wirkend, beantwortet. In der Auseinandersetzung mit solchen pseudo-persönlichen Dingen hat Schröder viele Vorteile auf seiner Seite. Ihm machte es nichts aus, auf Nachfrage Rudolf Scharping zu jenen zu zählen, die er verletzt habe, wohingegen Stoiber es weit von sich wies, etwa Theo Waigel verletzt zu haben. "Wir haben uns gut ergänzt", sagte Stoiber, was unter den Umsitzenden zu heftigsten Mundwinkel- und Augenbewegungen führte.

Persönliches Geplänkel

Auch eine andere Phase des Treffens bestätigte bestehende Vorurteile. Während Schröder der Meister der kleinen Form der politischen Debatte ist, glaubt man Stoiber, dass er viel von Finanzen, Steuern und Wirtschaft versteht, auch wenn man als interessierter Laie oft nicht unbedingt nachvollziehen kann, was er gerade unter heftigstem Schütteln des Zeigefingers vorbringt. Als es um die Gewerbesteuer, das Halbeinkünfteverfahren und ähnliche für den normalen Wähler Arkana ging, wurde Stoiber geradezu leidenschaftlich. Weder von des Kanzlers Raunzereien noch von den Bemühungen der Moderatoren zu bremsen, erklärte der Kandidat den Anwesenden die Welt der ökonomischen Politik.

Trotzdem wurde es in diesem Teil ein echtes Streitgespräch, in dem sich der dozierende Stoiber und der aus der Defensive heraus angreifende Schröder intensiv beharkten. Vorausgegangen war dem einiges an persönlichem Geplänkel. Schröder etwa hielt Stoiber vor, er, Schröder, sei schließlich lange Zeit selbstständiger Anwalt, also Privatunternehmer, gewesen und wisse schon deshalb, wovon er rede, wenn es um den Mittelstand gehe. Stoiber, von Schröder als Oberregierungsrat tituliert, wollte das, wie alles andere auch, nicht auf sich sitzen lassen. Als Landtagsabgeordneter habe auch er eine Anwaltszulassung gehabt, "in einer sehr kurzen Phase", als Syndikus habe er Lotto- und Totoannahmestellen vertreten. Edmund Stoiber zischte dabei ein wenig, Gerhard Schröder grinste mehr, als dass er lächelte.

Leiden können sich die beiden nicht. Schröder ging sichtlich auf die Nerven, dass Stoiber immer wieder mit seiner Kompetenz und Erfahrung argumentierte. Als Stoiber den Kanzler davor warnte, in der Außenpolitik die Formulierung vom "deutschen Weg" zu benutzen, ätzte Schröder: "Herr bayerischer Ministerpräsident, Ihre außenpolitischen Warnungen beeindrucken mich nicht." In einer vergleichbaren Situation ging es darum, wer von beiden nun die seriösere Steuerreform vorgelegt habe oder vorlegen wolle. Der Austausch endete damit, dass der Kanzler Stoibers Ausführungen mit einem schmerzlichen "Oh, oh, oh" quittierte. Stoiber legte den Kopf in den Nacken und stieß aus: "Nein: Ha. Ha. Ha." Das war kein Lachen, sondern das höfliche Äquivalent von "Du Depp, du arroganter." Nein, sie können sich nicht leiden.

Schrubben durch Spreng

Nach gut zwei Stunden hatte Schröder dann sichtbar genug. Er schaute mehrmals demonstrativ auf die Uhr, bis er schließlich irgendwann Stoiber die Hand auf den Arm legte: "Können wir danach Schluss machen? Ich muss in die nächste Veranstaltung." Stoiber sprach weiter. Der Kanzler nahm sich das kleine Mikro vom Revers und klappte vernehmlich die Absätze zusammen. Stoiber wollte gerade auf die Frage antworten, wer denn eventuell sein Nachfolger in Bayern werden könnte, als Schröder sagte: "Das macht unter euch aus." Sprach's, stand auf, verabschiedete sich und enteilte.

Einerseits war das Ende zwar abrupt, andererseits aber hatte man sich ja doch sehr lange miteinander beschäftigt – und das noch dazu unter tropischen Bedingungen. Hinterher fragten dann alle, wie es denn war. Ja nun, sie haben sich belauert, sie haben sich gestritten und sie haben sich nicht allzu häufig direkt angeschaut. Vorbereitet haben sie sich nicht, jedenfalls nicht speziell auf dieses Gespräch und die Situation. Es geht ja die Mär um, dass die Imagemacher aus den Wahlkampfzentralen an den Kandidaten feilen und hobeln. Nun ja, sie versuchen das wohl. Aber Politiker wie Gerhard Schröder und Edmund Stoiber, Erfolgsmenschen, Rechthaber und Erfahrungsbewusste, lassen sich im Zenit ihrer politischen Karriere nicht mehr umkrempeln. Wenn vor allem Stoiber manchmal so wirkt, und das sagen gerade Leute aus seiner Umgebung, dann hat das sehr viel damit zu tun, dass er diesen Wahlkampf als ein stetig Lernender führt. Er hat vieles nicht, was Gerhard Schröder von Natur aus besitzt und was dem Kanzler zumindest zum Teil auch die deutlich höhere Popularität beschert. Außerdem ist Schröder am Ende dieser Legislaturperiode auch anzumerken, dass ihn vier Jahre als Kanzler geprägt haben. Diese Prägung fehlt dem bayerischen Ministerpräsidenten natürlich, und das wird gerade in einer solchen direkten Begegnung der beiden offenbar.

Apropos Lernen: Abgesehen vom Nutzen für die Leser und die beteiligten Zeitungen waren die so genannten Printduelle auch für die Kandidaten nützlich. Alle Welt möchte ja wissen, wie sich Schröder und Stoiber auf die Fernsehduelle am 25. August und am 8. September vorbereiten. Coaching? Fragemappen? Schrubben durch Spreng, Bürsten durch Anda? Nebbich, die Antwort lautet: Printduelle. Kann es eine bessere Vorbereitung geben als zweimal Sparring mit dem Gegner, der einem dann wirklich im Ring, also vor den Kameras, gegenübersteht?