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Sakral-Thriller: Die dunkle Seite der Kirche

Kapuzenmänner, Geheimbünde, brisante Dokumente: Die deutschen Verlage setzen auf finster-romantische Sakral-Thriller im Stile Dan Browns. Früher wären die Autoren auf dem Scheiterhaufen gelandet - heute kommen sie in die Bestsellerlisten

Es war ein Schauspiel, wie allein die katholische Kirche es zu inszenieren vermag. Hunderttausende Kerzen erhellten das Marienfeld bei Köln, vom Hügel herab segnete der Papst das kilometerweit entfernte Volk. Weihrauch dampfte, der Chor frohlockte, das wolkenförmige Dach überm Altar leuchtete durch die Sommernacht, und via Fernsehen strahlte der Glanz des Herrn vom Weltjugendtag in Millionen Wohnungen.

Im Herbst zeigt sich nun die andere, die dunkle Seite der Kirche; sie zieht die Menschen nicht weniger in ihren Bann: Kapuzenmänner, die durch finstere Gänge schleichen, Kardinäle, die nur dann nicht über Leichen gehen, wenn diese bereits im päpstlichen Keller liegen; fesselnde Geschichten von Kontemplation und Konspiration, Mönchen und Mördern, Kirchenfürsten und Killern.

Gut zwanzig Jahre nach Umberto Ecos "Der Name der Rose" eint der Glaube an die Kirchen-Thriller die deutschen Verlage. Dan Brown, der Messias der sakralen Spannung, hat den Weg bereitet. Von seinem Vatikan-Thriller "Illuminati", Stil: mäßig, Spannung: unerhört, verkauften sich weltweit 17 Millionen Exemplare - vom Nachfolger "Sakrileg" gar 42 Millionen; das Buch fußt auf der sehr kreativen These, Jesus habe mit Maria Magdalena erstens eine Affäre gehabt und zweitens ein Kind. Oh, mein Gott! Der Erzbischof von Genua warnte, das Buch sei "schändlich" und "ein Lügengebäude". Marco Schneiders, Browns Lektor beim Lübbe-Verlag, nimmt's gelassen: "Bessere Werbung können wir uns nicht wünschen."

Aus den Bestsellerlisten sind die Bücher noch immer nicht zu verbannen. Jüngst ist ein Führer erschienen, "Dan Browns Thriller-Schauplätze als Reiseziel", beschrieben werden Rom, Paris und London. Nächstes Jahr kommt "Sakrileg" ins Kino; Tom Hanks spielt die Hauptfigur, Professor Robert Langdon, der Leonardo da Vincis Hinweise auf Jesu Triebleben zu entschlüsseln versucht.

Was in diesen Wochen in die Buchläden gelangt, um an den Erfolg anzuknüpfen, ist nicht weniger geschickt gesponnen. Zum Spannendsten gehört "Die Loge", geschrieben von dem Amerikaner Daniel Silva, einst Korrespondent von CNN. Schauplätze sind der Vatikan, München, Venedig, London, Grindelwald und ein Kloster am Gardasee. Die Loge ist die Crux Vera, eine fiktive Organisation, die dem neu gewählten Papst nach dem Leben trachtet. Der will die geheimen Archive des Vatikans zugänglich machen und offenbaren, wie die Kirche und die Nazis zusammenarbeiteten - der alte Topos von Rolf Hochhuths "Stellvertreter".

"Das Jesusfragment" begnügt sich nicht mit Stellvertretern. Es handelt von der letzten Botschaft, die Gottes Sohn höchstselbst den Menschen hinterlassen haben soll, verborgen in einer Reliquie, dem Stein von Iorden. Ein Drehbuchautor und eine Journalistin begeben sich in Paris auf die Suche - und werden dabei verfolgt von der Geheimorganisation Acta Fidei; Hinweise auf die Botschaft sind versteckt in einem Manuskript Albrecht Dürers. Stünde nicht vorn drauf, dass der Franzose Henri Loevenbruck das Buch verfasst hat - man schriebe es Dan Brown zu. So wie man bei mancher Neuerscheinung in diesem Herbst vermutet, ein Moses habe den Verlagen Gesetzestafeln überreicht, überschrieben mit der Zeile: "Wie klonen wir Dan Brown?"

Erstes Gebot: Das Cover sollte einen Mönch zeigen, ein Kreuz oder ein Kloster. Oder alles zusammen.

Zweites Gebot:

Der Titel besteht am besten aus Artikel plus Substantiv: "Das Jesusfragment" oder "Die Loge". Kleine Zusätze sind erlaubt: "Das vergessene Pergament".

Drittes Gebot:

In den Klappentext gehört ein Hinweis wie: "Wer Dan Brown mochte, wird dieses Buch lieben."

Viertes Gebot:

Die Kreuzzüge oder Pius XII. und das Dritte Reich - alle dunklen Flecken auf der weißen Papstsoutane sind willkommene Grundlagen für Intrigen.

Fünftes Gebot:

Je tiefer die Geschichte in den Vatikan eindringt, desto spannender.

Sechstes Gebot:

Der Held sollte von wenigstens einem Geheimbund verfolgt werden - einem realen oder einem erfundenen.

Siebtes Gebot:

Dokumente, nach denen der Held forscht, müssen so brisant sein, dass deren Entdeckung die Grundfeste der Kirche erschüttert. Mindestens.

Achtes Gebot:

Dem Helden sollte eine Frau zur Seite stehen, der Heldin ein Mann. Wer gegen das Böse dieser Welt kämpft, darf auch Sex haben.

Neuntes Gebot:

Der Leser ist mit Wissenshäppchen aus Kirchen- und Kunstgeschichte zu füttern; das schätzt er.

Zehntes Gebot:

Wirklichkeit und Fiktion sind so geschickt zu vermischen, dass man auch das Erfundene glaubt. Am Ende der Lektüre sollte der Leser fairerweise aufgeklärt werden über Wahrheit und Dichtung.

Dass seine Büchern denen von Dan Brown ähneln - das dürfte das Verwerflichste sein, was man zu Philipp Vandenberg, 64, sagen kann. "Wenn hier überhaupt jemand abgeschrieben hat", sagt er dann, "dann eher Dan Brown von mir." Vandenberg ist der Urvater des deutschen Kirchen-Thrillers. 1988 veröffentlichte er "Sixtinische Verschwörung", dann "Das fünfte Evangelium", zuletzt "Die Akte Golgatha". Seine Bücher haben sich millionenfach verkauft, doch ein Star wie Mister Brown wurde Vandenberg nicht. "Als Amerikaner hätte ich es leichter gehabt. Deutsche Autoren werden nicht so wahrgenommen", sagt er.

Vandenberg ist ein freundlicher Herr, der druckreif redet. Er wohnt in Baiernrain, einem Dorf südlich von München, wo Geranien von Holzbalkonen herunterhängen und man im Oktober Kirchweih feiert. Soeben hat er sein jüngstes Buch beendet - "Das vergessene Pergament" erscheint am 27. Februar, und es bietet allerlei: einstürzende Kathedralen, einen geilen Bischof, sadistische Nonnen. Vandenberg selbst wuchs im Kloster auf, bei Franziskanerinnen in Altötting. Wenn die Kinder ihren Löffel nicht gespült hatten, rissen die Nonnen ihnen an den Schläfen die Haare aus, dass der Kopf blutete.

Die Gewalt in Kirchen-Thrillern ist heftiger, es geht um Hinterhalte, Anschläge und Morde. "Der Tod ist das Geschäft der Kirche", sagt Vandenberg. "Alle Menschen haben Angst vorm Tod. Die Kirche sagt: Befolgt unsere Gesetze, dann kann er euch nichts anhaben." Und Jesu Hauptgebot, die Nächstenliebe? Kreuzzüge, Hexenverbrennungen und die Verfolgung von Ketzern zeugen nicht gerade davon, dass die katholische Kirche in der Vergangenheit viel davon gehalten hätte. Und eine unmenschlichere Regel als das Zölibat hat selten eine Firma für ihre Mitarbeiter erfunden.

Je aufgeklärter die Welt,

desto mehr wachsen die Zweifel an der Kirche. Da die Kurie sich traditionell abschottet, ranken sich immer dichter die Gerüchte um die vatikanischen Mauern: Haben sie Johannes Paul I. ermordet? Wurde das Attentat auf Johannes Paul II. 1981 aus dem Vatikan gesteuert? Die Antwort heißt vermutlich zweimal nein, einen wohligen Schauer jagt einem die Vorstellung dennoch über den Rücken. Früher wäre man für kirchenkritische Gedanken auf dem Scheiterhaufen geendet - heute kommt man in die Bestsellerlisten.

Und dann ist da noch ein Roman, der sich von den Thrillern in diesem Herbst abhebt: "Secretum", ein historischer Krimi, verfasst von dem italienischen Ehepaar Rita Monaldi, 39, und Francesco Sorti, 41. Die beiden erzählen nicht atemlos, sondern ausgeruht. Stimmung statt Spannung. Bis ins Kleinste beschreiben sie Gemälde in römischen Villen und schildern die Folge der Speisen, mit denen die Herren Kardinäle ihre barocken Wänste füllen, was dem Leser Geduld abverlangt und eigentlich mit einem Aufkleber versehen werden müsste: "Nichts für Dan-Brown-Fans!"

"Secretum" spielt im heiligen Jahr 1700. Pilger aus ganz Europa strömen nach Rom. Der Papst liegt im Sterben, das Konklave steht bevor. Doch zunächst wird gefeiert: Kardinalstaatssekretär Spada gibt das Hochzeitsfest seines Neffen. Bischöfe, Kardinäle und der Hochadel sind geladen. Und Atto Melani, Kastrat und Spion im Dienst seiner Majestät Ludwig XIV., des Sonnenkönigs. Melani intrigiert, er betreibt Politik im Sinne seines Königs - denn der Vatikan vermittelt zwischen Österreich und Frankreich in der spanischen Erbfolge.

Atto Melani lebte tatsächlich, von 1626 bis 1714. Francesco Sorti hat über ihn promoviert. Dabei stieß er auf acht Bände mit Melanis Briefen. In ihrem ersten Roman, "Imprimatur", führten Monaldi und Sorti die Figur Atto Melani ein, "Secretum" ist der zweite, fünf weitere Romane mit dem Kastraten als Hauptfigur sollen folgen. Monaldi und Sorti verbringen die eine Hälfte des Jahres in Rom, die andere in Wien - und die meiste Zeit in Bibliotheken. "Fernseher, Zeitung und Internet haben wir abgeschafft", erzählt Francesco Sorti. "Wir bewegen uns lieber in der alten Zeit." Der Kastrat Melani hat die beiden so begeistert, dass sie ihren jüngsten Sohn Atto genannt haben.

Bei ihrer Recherche entdeckten sie ein Dokument, in dem der Spion seinem König darlegt, wie man sich einen Papst erwählt. Monaldi und Sorti haben die Aufzeichnungen nun veröffentlicht, als "Die Geheimnisse der Konklaven und die Laster der Kardinäle". Man müsse Zwietracht schüren zwischen den gegnerischen Parteien, schreibt Melani. Und: "Die wichtigste Waffe beim Konklave ist die Verleumdung des Gegners."

Bei allen krummen Geschäften, bei allen Verfehlungen der vergangenen 2000 Jahre: Nach wie vor fasziniert die katholische Kirche die Menschen. Das Siechtum des polnischen Papstes war das Medienereignis des Jahres - ob man es für menschenunwürdig hielt oder dem alten Mann Bewunderung zollte. "Gleichgültig lässt die Kirche niemanden", sagt Marco Schneiders vom Lübbe-Verlag. "Man glaubt - oder man reibt sich an ihr." Genau mit dieser Erkenntnis machen die Verlage in diesem Herbst ihr Geschäft. So Gott will.

Alexander Kühn / print