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"Citizenfour": Snowden vom stillen Nerd zum prominenten Geheimnisverräter

Laura Poitras' Dokumentation "Citizenfour" über Edward Snowden kommt jetzt in die deutschen Kinos. Warum sie den Oscar bekommen sollte - ein Plädoyer.

Von Thomas Ammann

Whistleblower Edward Snowden Journalist und Glenn Greenwald

Whistleblower Edward Snowden Journalist und Glenn Greenwald

Es ist ein Film, der still und unauffällig wirkt. Wie sein Protagonist. "My name is Edward Snowden" begrüßt er die Journalisten in seinem Hotelzimmer in Hongkong, "I go by Ed."

Es sind Worte, die Geschichte schrieben, und die Zuschauer von "Citizenfour" sind mittendrin. Sie erleben eine minutiöse Bestandsaufnahme des größten Geheimnisverrats aller Zeiten, spannend wie ein Krimi. Vor Snowden wäre es undenkbar gewesen, dass ein einzelner Mitarbeiter des US-Sicherheitsapparates, noch dazu einer außerhalb der Hierarchie, den Präsidenten der Vereinigten Staaten - und mit ihm den ganzen Überwachungswahn der Supermacht - derartig bloßstellt und gegenüber dem Rest der Welt in Erklärungsnöte bringt. Es gibt nicht wenige in den USA, die Snowden als Verräter am liebsten "an einer großen Eiche baumeln" sehen würden, wie der frühere US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, John Bolton, sagte. Auch Ex-CIA-Direktor James Woolsey forderte, man sollte Snowden wegen Hochverrats verurteilen und "aufhängen".

Dreharbeiten in Snowdens Versteck

Doch dazu müsste man ihn zunächst einmal haben und genau das war und ist für die USA das Problem. "Citizenfour" spielt über weite Strecken im engen Versteck des Whistleblowers in Hongkong, wohin er sich im Sommer 2013 abgesetzt hatte - im Gepäck Laptops und Festplatten mit rund 1,7 Millionen gespeicherten Geheimdokumenten. Seiner Freundin Lindsay hatte er auf Hawaii eine kurze Nachricht hinterlassen, er müsse "aus beruflichen Gründen" für einige Zeit weg.

Im Zimmer 1014 des Hongkonger Designerhotels Mira werden die Zuschauer zu Zeugen, wie sich Snowden und der "Guardian"-Journalist Glenn Greenwald in endlosen Gesprächen über acht Tage hinweg annähern, wie sie nach und nach Vertrauen fassen, und wie Snowden letztlich sein lange geplantes Vorhaben umsetzt, sich der Weltöffentlichkeit zu präsentieren.

Der Film zeigt einen stillen, sympathischen, in sich gekehrten Helden und einen faszinierten, zuweilen ungläubig staunenden Reporter, dem gerade klar wird, dass er die Geschichte seines Lebens gefunden hat - oder dass sie ihn gefunden hat. Snowden erklärt geduldig, wie die NSA arbeitet, und welche Möglichkeiten er als Infrastruktur-Analytiker an seinem Arbeitsplatz hatte ("Von meinem Schreibtisch aus hatte ich die Berechtigung, jeden abzuschöpfen, angefangen von Ihrem Buchhalter über einen Bundesrichter bis zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, wenn ich seine persönliche E-Mail-Adresse gehabt hätte").

Computergenie trifft Computer-Analphabeten

Nachsichtig und mit feiner Ironie führt Snowden, den NSA-Kollegen auch nach seinem Ausscheiden noch als "Computergenie" bezeichneten, sein Gegenüber Greenwald, der sich selbst als "Computer-Analphabeten" bezeichtete, in die Geheimnisse der verschlüsselten Komunikation ein. In der skurrilsten Szene des Films wirft sich der Ex-NSA-Hacker eine rote Decke als "visuelle Datenschutzmaßnahme" über den Kopf, damit ihn niemand bei der Eingabe eines Passwortes beobachten kann. Angesichts dessen, was Snowden den Journalisten zu berichten hat, wirkt das alles andere als paranoid. Das Hoteltelefon stöpselt er aus mit den Worten, für seine Feinde sei es ein Leichtes, die Gespräche im Zimmer über das eingebaute Mikrofon abzuhören.

Bei all dem hält sich Laura Poitras, die die gesamte Szenerie mit einer kleinen Handkamera filmt, wohltuend im Hintergrund. Kein einziges Mal ist sie im Film zu sehen, ihre Kommentare beschränken sich auf wenige, in nüchternen Sätzen gehaltene Zwischentitel. Dabei war sie die Erste, die mit Snowden Anfang 2013 über verschlüsselte E-Mails vorsichtig Kontakt aufgenommen hatte. "Ich bin leitender Mitarbeiter eines Geheimdienstes", schrieb ihr damals ein Absender, der sich "Citizenfour" nannte, "das hier wird keine Zeitverschwendung sein."

Ersteres war eine Übertreibung, wie sich später herausstellte, das Zweite nicht. In den Wochen nach der ersten Mail von "Citizenfour" entwickelte sich eine rege Konversation, wobei er stets Wert auf größte Vorsichtsmaßnahmen legte. "Nimm an, dein Gegenspieler kann eine Billion Versuche pro Sekunde leisten", schrieb er, und er meinte damit: um die Verschlüsselung zu knacken. "Ich war sofort wie elektrisiert", sagte Poitras später dem "Guardian", "und ich dachte, entweder meint es jemand ernst, oder es ist eine Falle".

Die US-amerikanische Journalistin Laura Poitras war während ihrer Arbeit mit Snowden selbst zum Ziel staatlicher Repression geworden

Die US-amerikanische Journalistin Laura Poitras war während ihrer Arbeit mit Snowden selbst zum Ziel staatlicher Repression geworden

Laura Poitras selbst im Visier

Poitras war auf der Hut: Seit sie in mehreren, zum Teil preisgekrönten Dokumentarfilmen kritisch über die Folgen des US-Kriegs gegen den Terror berichtet hatte, war sie selbst zum Ziel staatlicher Repression geworden. Das Heimatschutzministerium stufte die Regisseurin und Produzentin als "terrorverdächtig" ein, das Außenministerium führte sie auf einer "Watchlist" verdächtiger Personen. Wann immer die gebürtige Bostonerin aus dem Ausland kommend in die USA einreiste, wurde sie stundenlang festgehalten und vernommen, ihre Computer, ihre Handys und ihre Kameraausrüstung wurden beschlagnahmt – gefunden wurde nie etwas.

Im August 2012 produzierte sie einen achtminütigen Film mit Ex-NSA-Direktor William Binney über den Mega-Datenspeicher der NSA in Bluffdale. Titel: "The Program". Binney, der Snowden als Whistleblower vorausgegangen war, aber bei Weitem nicht dessen Bekanntheit erlangte, ist der zweite Held des Films "Citizenfour". Um diesen letzten Teil ihrer Trilogie über die amerikanische Sicherheitspolitik fertigzustellen, war Poitras nach Berlin gezogen. "Die Privatsphäre ist in Deutschland einfach besser geschützt", sagt Laura Poitras, "in den USA hätte ich nicht weiterarbeiten können. Irgendwann wären sie gekommen und hätten mein Material beschlagnahmt."

Ein unerwartetes Happy End

"Citizenfour" endet mit Szenen in Moskau, die Snowden zusammen mit seiner Freundin Lindsay zeigen. Nach einem Jahr der exil-bedingten Trennung, so die Botschaft, ist das Paar wieder vereint. "Ich habe nie ein Happy End erwartet", hatte Snowden vor einiger Zeit noch bekannt, "wie auch, wenn man die mächtigsten Menschen der Welt so offen herausfordert."

Nun gibt es doch, so scheint es, ein glückliches Ende - wenigstens auf absehbare Zeit.

Für einige Jahre wird er sich noch im Moskauer Exil einrichten müssen - und viele Frage bleiben noch offen, die auch der Film nicht beantworten kann oder will: Unter welchen Umständen gelangte Snowden wirklich nach Moskau, wieviel wussten die russischen Geheimdienste, und vor allem: Was geschieht mit den rund 1,7 Millionen Dokumenten, die Snowden an Greenwald und Poitras übergeben hatte? Bislang wurde erst ein verachwindend kleiner Bruchteil davon veröffentlicht.

Dennoch: "Citizenfour" ist in seiner kargen Bildsprache, seiner simplen Struktur und der Zurückhaltung der Regisseurin und Autorin ein radikales Manifest. So radikal wie Poitras selbst, die entschieden hatte, den rätselhaten Informanten aufzuspüren, koste es, was es wolle - und so radikal wie Snowden, der beschlossen hatte, die Totalüberwachung der Menschheit nicht mehr mitzumachen, sondern nur noch seinem Gewissen zu folgen. Beides sollte einen Oscar Wert sein.