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Regisseur Shiar Abdi drehte Film in Kobane: "Ich dachte, gleich bin ich tot"

Shiar Abdi wollte unbedingt diesen Film machen: Ein Sohn sucht mitten im syrischen Bürgerkrieg seine Mutter. Dem stern erzählt der Kölner Regisseur von den wahnwitzigen Dreharbeiten in Kobane.

Shiar Abdi (l.) bei den Filmarbeiten zu "The Road to Aleppo". "Heute kann man in Kobane nicht mehr drehen, alle Straßen, alle Häuser sind zerstört. Alles unter Feuer."

Shiar Abdi (l.) bei den Filmarbeiten zu "The Road to Aleppo". "Heute kann man in Kobane nicht mehr drehen, alle Straßen, alle Häuser sind zerstört. Alles unter Feuer."

Als er den Freunden von seinem Vorhaben erzählte, erklärten einige ihn für verrückt. Aber der Kölner Regisseur Shiar Abdi, 41, wollte unbedingt diesen Film: die Geschichte von der Suche eines Sohnes nach seiner Mutter, mitten im syrischen Bürgerkrieg. Also fuhr er ins heute heftig umkämpfte Kobane an der syrisch-türkischen Grenze und drehte vor einem Jahr 38 Tage lang unter lebensgefährlichen Bedingungen. "The Road to Aleppo" ist wohl eines der waghalsigsten Projekte in der Filmgeschichte.

Shiar Abdi, Sie haben 20 Kilometer von der Front entfernt gearbeitet. Sind Sie lebensmüde?

Ich komme aus Kobane. Mit 20 Jahren kam ich nach Europa, um hier zu studieren. Aber mich macht wahnsinnig, was in meiner Heimat passiert. Und nichts tun zu können. Bis ich diese Idee hatte

Hatten Sie keine Angst?

Darüber habe ich nicht nachgedacht. Als Künstler habe ich die Aufgabe, das Leben der Menschen zu zeigen. Ihren Kampf ums tägliche Brot, um Würde, um Freiheit. Sie haben wie jeder Mensch auf der Welt das Recht, in Frieden zu leben. Und ruhig schlafen zu können.

Es klingt wirklich wahnwitzig: So viele Menschen wie möglich wollen raus aus Syrien, und Sie wollten rein ...

... und das ist nicht einfach. Ich bin nach Istanbul und von dort an die Grenze. Dort hat mir ein Schmuggler eine Stelle im Stacheldraht gezeigt, unter die ich kriechen konnte. Er hatte gesagt, die Grenzsoldaten würden nicht schiessen. Aber als sie mich bemerkten, legten sie ihr Gewehr an. Da dachte ich, gleich bin ich tot.

Und Sie verfluchten sich selbst, dass Sie sich freiwillig in den Krieg begeben?

Nein, das hat schon meine Mutter gemacht. Ich war 13 Jahre nicht mehr zu Hause, und plötzlich stand ich vor ihrer Tür. Ich hatte außer meinem Bruder niemandem gesagt, dass ich komme. Meine Mutter war aus Aleppo hierher geflüchtet; sie meinte, es sei jetzt nicht die Zeit, einen Film zu drehen und auf die Straße zu gehen, viel zu gefährlich. Und wie um ihre Worte zu bestätigen, rannten plötzlich alle aufs Dach.

Was war passiert?

Die syrische Luftwaffe flog einen Angriff und warf aus Hubschraubern Fassbomben ab. Die Leute in Kobane fühlen sich auf dem Dach sicherer als im Keller. Es gibt im Krieg viele Geschichten, die man nicht begreift. In diesem Moment war ich mir sehr sicher, dass ich diesen Film machen werde: die Geschichte eines nach Deutschland ausgewanderten Syrers, der seine Mutter in den Gefängnissen des Assad-Regimes sucht. Fünf Tage blieb ich auf der Suche nach Drehorten in der Stadt und entschied, zurückzukommen. Wenn man Großes will, muss man Risiken eingehen.

Und dann?

Bin ich nach Istanbul und habe mir einen Kameramann gesucht. Als ich mich in einem Cafe mit einem befreundeten Regisseur traf, kam dessen Kameramann dazu. Emre Konuk, 25 Jahre alt. Er fragte mich, wer der Hauptdarsteller sei. Ich sagte: "Til Schweiger". Er sagte: "Kenne ich nicht". Ich lachte: "Ich auch nicht". Dann meinte er: "Okay, ich gehe mit."

Und sind dann nach Köln zurück und haben Ihre Sachen gepackt?

So ähnlich. Wir haben das Material und uns ins Land geschmuggelt, ich habe mir ein Megaphon besorgt und die Dreharbeiten gingen los. Vorher hatte ich noch einen Freund aus Saarlouis angerufen, Roni Shamilian, einen Modedesigner aus Saarlouis, und ihm die Hauptrolle angeboten.

Entschuldigung, diese Geschichte klingt zu irrwitzig. Ist das wirklich wahr?

Es ist so. Ich hatte keine Crew, ich hatte kein Geld. Okay, 50 Euro, mehr nicht. Aber ich hatte eben diese Idee. Die Zeit, die ich mit der Suche nach Finanziers verbracht hätte, wollte ich lieber drehen. Heute kann man das nicht mehr in Kobane, alle Straßen, alle Häuser sind zerstört. Alles unter Feuer.

Waren die Leute nicht komplett überfordert, dass da jemand aus Deutschland kommt, ihr Elend zu filmen?

Die haben ganz andere Dinge erlebt. Einige Leute in der Stadtverwaltung hielten mich für einen Spinner, aber sehr rasch bekam ich Unterstützung. Eine kleine Hilfewelle setzte ein: Wir bezogen eine kleine Wohnung neben dem Kulturzentrum, einige Leute organisierten eine Art Diesel, ein Eigengemisch, hochgefährlich und hochexplosiv, aber damit konnten wir ein Stromaggregat betreiben.

Ein Film in dieser Größenordnung kostet, normalerweise, um die zwei Millionen Euro.

Nun, die habe ich eben nicht. Ich hatte aber Sorge, dass die Leute aus Istanbul, Kameramann, Beleuchter, Toningenieur, gleich am ersten Tag wieder heimfahren. Doch der Film wurde für sie wie für alle anderen zu einer Herzenssache. Ich habe die Menschen gebeten: Helft mir, der Welt zu zeigen, wie es euch geht. Was hier passiert. Jetzt habt ihr Gelegenheit dazu, das war natürlich auch eine Motivation.

Wie groß war Ihr Team?

Wir waren sieben Laien-Schauspieler und zwei Dutzend Helfer, zwischen 18 und 25 Jahre alt. Die Anderen spielten sich selbst: Soldaten, Straßenhändler, Kinder. Das Einzige, worum ich sie bat, war, nicht in die Kamera zu schauen. Manchmal waren 200, manchmal 2000 Leute am Set.

In ihrem Film zeigen Sie brutale Szenen, Massaker und Folter. War es für alle Beteiligten nicht unfassbar schwer, das zu spielen, was wirklich geschieht?

Shiar Abdi (4.v. r.) drehte seinen Film mit sieben Laien-Schauspielern und zwei Dutzend Helfern

Shiar Abdi (4.v. r.) drehte seinen Film mit sieben Laien-Schauspielern und zwei Dutzend Helfern

Natürlich, wir waren alle an der Grenze. Vor allem Rijam Ibrahim, die Hauptdarstellerin. Sie spielt Nora, eine junge Journalistin, die gefoltert und an den Füssen aufgehängt wird. Ich habe sie in einem kleinen Dorf gefunden, auf eine Empfehlung hin, auch eine Geschichte für sich. Einige Male musste ich die Dreharbeiten unterbrechen, wir konnten nur noch weinen. Da habe ich einen kleinen Jungen, der mir einigermaßen stabil erschien, gebeten, ab und zu einen Witz zu erzählen, um die Situation zu entspannen. Es gab viele dieser herausfordernden Situationen.

Zum Beispiel?

Wir wollten den Angriff auf ein Dorf zeigen. Aber es war kein Diesel oder Benzin aufzutreiben, Häuser in Flammen aufgehen zu lassen. Das war natürlich schwer auszuhalten: mit dem, was an allen Ecken und Enden fehlte, auch noch zu zerstören, was Angreifer übrig gelassen hatten. Und kurz vorher waren Jungs, die von ihren Eltern in die Nachbarstadt geschickt worden waren, Diesel zu organisieren, durch eine Autobombe getötet worden.

Gab es Momente, in denen Ihr Traum zu platzen drohte?

Ja, gleich am Anfang. Diese Szene ist auch im Film zu sehen: Hinter der Grenze tauchten an einem Kontrollpunkt Kämpfer der Freien Syrischen Armee auf, uns eigentlich Wohlgesonnene, wenn man so will, Verbündete. Die jungen Männer konnten aber nicht einordnen, was wir tun, drohten mit ihren Waffen und stellten uns an die Wand. Ich erklärte ihnen meinen Plan, und dieser erschien allen zu ungeheuerlich, als erfunden zu sein. Nach ein paar Telefonanrufen ließen sie uns laufen.

Gab es noch andere gefährliche Situationen?

Am Ende der Dreharbeiten tauchten Typen in schwarzen Autos auf und fotografierten uns. Da war dann nur noch pure Panik: dass diese Männer diese Bilder an Killer weitergeben, die uns für 100 Dollar umlegen. Da fragte ich mich ernsthaft, ob mein Plan es wert war, mich und das Leben der Anderen zu gefährden, nur für diesen einen Film.

Hatten Sie Leute, die Sie bewachten?

Nur für zwei Tage, aber ich konnte die Männer nicht bezahlen. Nachts haben sich Leute aus der Stadt angeboten, in unserem Haus zu schlafen, es war ein wenig Schutz, mehr nicht. Ehrlich gesagt bin ich jeden Morgen mit dem schönen Gefühl aufgewacht, noch am Leben zu sein. Das tröstet, wenn es kaum was zu essen gibt und man sich nach der Arbeit auf der Suche nach einer Mahlzeit von Haus zu Haus betteln muss.

Wie haben Sie all diese Belastungen nervlich ertragen?

Ich stand unter Adrenalin. Ich habe kaum geschlafen, vielleicht zwei, drei Stunden, weil ich nach jedem Drehtag die Geschichte weiterschreiben musste. Wir konnten auch nichts nachdrehen, keine Szene zweimal machen. Wir haben von morgens sieben bis Sonnenuntergang gearbeitet, gegen fünf, sechs Uhr; danach war es zu gefährlich. Irgendwann erreichten uns mehr und mehr Drohungen, die Dreharbeiten nicht fortzusetzen. Und wir haben nach dem Ende unserer Arbeit keine Zeit verloren, uns in die Türkei zu flüchten, im Strom all der Anderen.

Wie geht es jetzt für Sie weiter?

Der Film ist fertig, jetzt suchen wir einen internationalen Verleiher. Ein Freund hat mir 20.000 Euro von der Filmförderung Nordrhein-Westfalen organisiert, aber natürlich habe ich Schulden. Mein Bruder hat mir angeboten, sein Haus zu verkaufen; aber wer will das schon haben, in einem Land, in dem sich Terroristen breit machen.

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