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Internationale Filmfestspiele 2017: Der entscheidende Mann bei der Berlinale

Der Chef der Berlinale-Jury heißt in diesem Jahr Paul Verhoeven. Der Regisseur kann auf große Erfolge, aber auch einige Pannen in der Filmbranche zurückblicken. 

Eigentlich hat der Regisseur Paul Verhoeven Mathematik und Physik studiert

Eigentlich hat der Regisseur Paul Verhoeven Mathematik und Physik studiert

Paul Verhoeven leitet in diesem Jahr die Jury der Berlinale. Fast wäre der Niederländer jedoch gar nicht ins Filmgeschäft eingestiegen: Verhoeven studierte ursprünglich Mathematik und Physik. Der wissenschaftlichen Karriere kam 1966 die Schwangerschaft seiner damaligen Freundin und späteren Ehefrau in die Quere - und der heute 78-Jährige dachte an eine Laufbahn als Lehrer. Doch er war, wie er selbst einmal sagte, "vom Kino-Virus infiziert". Seit 30 Jahren gehört er nun bereits zu den erfolgreichsten Hollywood-Regisseuren.

Paul Verhoevens größter Hit

Paul Verhoeven hat bei vielen erfolgreichen Filmen Regie geführt. Derzeit sorgt sein Vergewaltigungsdrama "Elle" (ab 16. Februar in den deutschen Kinos) für Furore. Hauptdarstellerin Isabelle Huppert bekam bereits einen Golden Globe und darf auf einen Oscar hoffen. Doch Filmfans verbinden seinen Namen vor allem mit der Schlüsselszene des Erotik-Thrillers "Basic Instinct" (1992): Hauptdarstellerin Sharon Stone schlägt bei einem Verhör ihre Beine übereinander - und unter dem knappen Kleid trägt sie, weithin sichtbar, keine Unterwäsche.

Dem in Den Haag aufgewachsenen Sohn eines Lehrers und einer Hutmacherin brachte "Basic Instinct" endgültig den Ruf eines Skandal-Regisseurs ein. Die Ursache für seine Lust am Schockieren hat er bei sich selbst ausgemacht: Die ungewollte Schwangerschaft habe ihn verwirrt, weshalb er sich einer sehr gläubigen Pfingstgemeinde angeschlossen habe. Diese Zeit nannte er später "religiöse Psychose". Er habe dabei die dunklen Seiten in sich entdeckt, erklärte er in einem Interview: "Meine Arbeit wurde zu einem Anker in der Wirklichkeit, darum hatte ich das Bedürfnis, alles so explizit darzustellen."

Aus den Niederlanden nach Hollywood

Das Besessensein vom Extremen durchzieht sein gesamtes Werk. So erzählt er in "RoboCop" (1987), seinem ersten großen Hollywood-Erfolg, die Geschichte eines zum Roboter geklonten Ex-Polizisten, der mit seiner Vergangenheit als Mensch ringt. Die Darstellung brutaler Gewalt löste heftige Kontroversen aus. Der Schocker kam erst nach vielen Schnittauflagen in die Kinos. Kritiker allerdings lobten den Film für seine unterschwellige Kritik an einer ganz auf Profitsucht ausgerichteten Gesellschaft.

Bekannt geworden war Paul Verhoeven schon 1973 in seiner Heimat, den Niederlanden, durch die erotisch aufgeheizte Liebesgeschichte "Türkische Früchte". Mit mehr als 3,3 Millionen Kinobesuchern gilt der 1984 für einen Oscar nominierte Film noch heute als einer der größten Hits der niederländischen Kinos und öffnete Verhoeven die Tore in Hollywood. Nach "RoboCop" gelangen ihm mit "Total Recall" (1990) mit Arnold Schwarzenegger und "Basic Instinct" mit Michael Douglas enorme Kassenerfolge.

Star-Regisseur mit Misserfolgen

Ähnlich erfolgreich an den Kassen war Paul Verhoeven nie wieder. "Showgirls" (1995), sein mit expliziten Gewalt- und Sex-Szenen gespicktes Drama um eine Tänzerin in Las Vegas, fiel beim Publikum durch. Verhoeven bekam dafür mehrere "Goldene Himbeeren" für die schlechtesten Filme des Jahres. Wobei er sich sportlich gab: Der charmante Mann holte die satirisch gemeinte Ehrung als erster Regisseur überhaupt persönlich ab.

Nach zwei weiteren künstlerisch nicht sonderlich erfolgreichen Filmen ging Verhoeven in seine Heimat und arbeitete 2006 ein traumatisches historisches Kapitel filmisch auf, die deutsche Besatzung der Niederlande. In "Schwarzbuch" erzählt er die Geschichte einer Jüdin (Carice van Houten), die während des Zweiten Weltkrieges eine Liebesbeziehung mit einem SS-Offizier (Sebastian Koch) hat. Der Film gegen alle Klischees von den nur guten Widerstandskämpfern und den nur schlechten Deutschen wurde ein großer Kritikererfolg.

Verhoeven-Film mit Oscar-Aussicht

Zuletzt kam seine französisch-deutsch-belgische Produktion "Elle" heraus. Der Thriller um eine Frau (Isabelle Huppert), die auf sehr ungewöhnliche Weise mit ihrem Vergewaltiger umgeht, wurde seit der Uraufführung beim Filmfestival von Cannes im Mai vorigen Jahres weltweit mit Auszeichnungen überschüttet. Isabelle Huppert gilt vielen als aussichtsreichste Kandidatin für die Auszeichnung mit dem Oscar als beste Hauptdarstellerin. In Deutschland startet der Film am 16. Februar, während der Berlinale, in den Kinos.

Verhoeven, jetzt 78, hat noch viele Pläne. Sein ehrgeizigster: die Adaption seines eigenen Bestsellers "Jesus: Die Geschichte eines Menschen" aus dem Jahr 2009. In dem Buch wird Jesus als Revoluzzer gezeigt. Auch hier gibt es zahlreiche provozierende Gewaltdarstellungen. Am Beginn etwa steht eine Vergewaltigung Marias durch einen römischen Soldaten. Konservative Christen in den USA haben mit Empörung reagiert, Kritiker mit Verwirrung. Ein Geldgeber für eine Verfilmung hat sich bisher nicht gefunden.

Jetzt leitet Paul Verhoeven als erster niederländischer Jury-Präsident die Wettbewerbsjury der 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Man darf gespannt sein, ob die von ihm angeführten Juroren, darunter auch die deutsche Schauspielerin Julia Jentsch ("24 Wochen"), am Ende der Filmfestspiele mit ungewöhnlichen, gar schockierenden Entscheidungen überraschen.

fri / DPA