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Bollywood: Der große Bollywood-Musical-Test

Die schwingen, die Inder: jetzt auch auf der Bühne. Die beiden Kitschmärchen Bollywood - The Show und Bharati sorgen in den kommenden Wochen in ganz Deutschland für exotische Nächte.

Von Matthias Schmidt

Forever Bollywood. Die farbseligen Tanz- und Tralala-Spektakel aus dem Dunstkreis von Bombay haben längst Europa erobert. Aus dem exotischen Geheimtipp für Cineasten wurde innerhalb weniger Jahre ein kulturelles Phänomen, das sich inzwischen auch in Mode-Accessoires und Freizeitsport ("Bollyrobics - Tanzen wie die Bollywood-Stars") niederschlägt. Wer tatsächlich noch nie auf DVD, im Kino oder im Kabelfernsehen (RTL 2, Kabel Eins) Hindi-Filme mit so schön-schmalzigen Titeln wie "In guten wie in schweren Tagen" oder "Veer & Zaara - Die Legende einer Liebe" genossen hat, kann das bald auf einer Theaterbühne nachholen. Gleich zwei Musicals touren ab Ende September/Anfang Oktober durch ganz Deutschland.

Um beide zu vergleichen, haben wir einfach die Erfolgsformeln eines klassischen Bollywood-Films angewendet. Der dauert mindestens drei Stunden, hat sechs große Tanz- und Gesangseinlagen mit Mut zum Kitsch, darf keinen direkten Kuss zeigen, dafür wird oft der eng anliegende Sari der Heldin nass gemacht (Stichwort Monsun). Dazu gibt es reichlich Musik auf klassischen indischen Instrumenten wie dem Sitar und schließlich, nach allerlei Irrungen und Wirrungen, ein ordentliches Happy End.
Matthias Schmidt

Bharati

www.bharati.de

Worum geht's?

Liebe, was sonst? Der in den USA aufgewachsene Ingenieur Siddharta kehrt wegen einer Ganges-Kläranlage nach Indien zurück und verguckt sich in die lokale Schönheit Bharati. Die natürlich schon einem anderen versprochen ist.

Wer steckt dahinter?

Ein israelisch-indisches Produktionsteam um den Produzenten Gashash Deshe, der selbst jahrelang in Indien gelebt hat. Für die Show castete er 6000 Tänzer in Bombay.

I-like-to-move-it-Faktor

60 Tänzerinnen und Tänzer, toben in tollen Massenszenen, die jeden Bollywood-Film zieren würden, über die Bühne. Die Haupttänzerin hat schon nach wenigen Drehungen und Handgelenks-Schlenkern ihr Publikum im Griff. Zwischen den insgesamt 24 Tanz- und Gesangsdarbietungen treibt ein witziger Erzähler die Handlung voran und schafft Atempausen.

Shah-Rukh-Khan-Faktor

Gute Leute, aber keine echten Indien-Superstars. Die bildschöne, aber um die Hüften etwas mollige Bhavna Pani, ausgebildet im klassischen indischen Tanz, hat immerhin den All-India-Dance-Wettbewerb gewonnen. Der hübsche, aberetwas blasse Gagan Malik machte sich bisher vor allem in Werbespots und Musikvideos ein Gesicht.

LSD-Faktor

Angeblich über 1000 Kostüme. Eine Symphonie aus Seide, die einem in kürzester Zeit die Augen verdreht. Dazu verpassen Tücher und Stoffbahnen der Bühne zusätzliche Farbtupfer.

Nasser-Sari-Faktor

Die Kostüme sind eher altmodisch prüde gehalten. Weiblicher Erregungsgipfel: schwarze Leggings. Die durchtrainierten Männer machen gern mal ihre rasierten Oberkörper nackig, und bei einer leidenschaftlichen Szene turnen im Hintergrund Tänzer an einem Pfahl (!) herum. Ein Kuss verschwindet hinter einer Wand von Regenschirmen.

Sitar-Faktor

15 Musiker, sechs Sänger, die den eigens komponierten Soundtrack live auf traditionellen indischen Instrumenten spielen und sogar eine A-cappella-Einlage bieten. Das ist besser als jede Bollywood-CD und schon alleine den Eintritt wert.

Heilige-Kuh-Faktor

Sechs Pferde, nun gut Männer in Pferdekostümen. Zwei Elefanten, nun gut, gezeichnet auf einem Bühnenvorhang. Dafür gibt's eine kurze, tierisch gute Einlage mit Schwertkämpfern.

Sitzfleisch-Faktor

Knapp unter zwei Stunden mit einer Pause.

Rupien-Faktor

Preise ca. 38 bis 68 Euro plus Systemgebühren.

Wann kann ich das sehen?

Hamburg (28. September), Frankfurt (29. September bis 1. Oktober), Köln (2. und 3. Oktober), München (9. und 10. Oktober), Nürnberg (11. Oktober), Berlin (4. bis 7. Januar), Mannheim (9. und 10. Januar), Leipzig (12. bis 14. Januar), Oberhausen (19. bis 21. Januar), Stuttgart (30. Januar bis 2. Februar).

Fazit

Unglaublich präzise Tanzparaden, farbenfunkelnde Kostüme und ein abwechslungsreiches Bühnenbild, das mit eigens produzierten Kurzfilmen und Computeranimationen angereichert wird. Die bewegende Livemusik begeistert bis zur letzten Zugabe. Ein prachtvoller Augen- und Ohrenschmaus, der jedem Maharadscha gefallen würde.

Bollywood - The Show

www.bollywoodshow.de

Worum geht's?

Familie und Liebe, natürlich. Die junge Choreografin Ayesha verkracht sich mit ihrem altmodischen Tanzguru-Opa und macht in Bombay Karriere. Als Opa im Sterben liegt, kehrt sie zurück und trifft ihre Jugendliebe Uday.

Wer steckt dahinter?

Australische Produzenten, ein britischer Regisseur, der bereits mit Kylie Minogue gearbeitet hat. Unterstützt von der berühmten indischen Filmdynastie Merchant: Die Jüngste besorgte die Choreografie, zwei männliche Abkömmlinge komponierten die Musik.

I-like-to-move-it-Faktor

28 Tänzerinnen und Tänzer, die sich zum Teil aufführen, als wären siein der Diskothek: mit Jeans, T-Shirts, Stiefel zum Minirock, dazu Techno- Beats. Deutlich moderner und jugendlicher angelegt als "Bharati". Manche Auftritte erinnern sogar an die Backstreet Boys. Insgesamt 29 Tanz- und Gesangsnummern, die teilweise atemlos ineinander übergehen. Wer da nicht mitwippt, hat schon verloren.

Shah-Rukh-Khan-Faktor

Model und Profi-Tänzerin Carol Furtado (nicht mit Nelly verwandt), in Indien bekannt durch Musikvideos und eine Yoga-TV-Sendung. Und die männliche Neuentdeckung Deepak Rawat, der mehr wie ein Japaner aussieht und kaum überzeugt. Dafür gibt es eine kurze Hommage an Megastar Shah Rukh Khan mit einem Doppelgänger, der ihm leider nicht wirklich ähnelt.

LSD-Faktor

Angeblich über 1000 Kostüme und 4000 Schmuckstücke, aber da wurde wohl jeder Schuh und jeder Ohrring einzeln verbucht. Mitzählen kann man in dem munteren Körperwirbel sowieso nicht.

Nasser-Sari-Faktor

Goldene Hotpants, knappe Bustiers und extremes Bauchnabeling bei den Damen, freigelegte Oberkörper bei den Herren.Ziemlich sexy, diese Show! Einen Kuss gibt's trotzdem nicht, nur Schmelzen und Schmachten.

Sitar-Faktor

Außer einer kurzen Trommelei kommt nur Musik aus der Konserve. Dafür sind bei der Song-Zusammenstellung einige der richtig großen Bollywood-Hits der letzten Jahre dabei.

Heilige-Kuh-Faktor

Vier Elefanten, vier Pferde. Aber auch hier sind das nur Menschen in Masken und Kostümen. Dazu gibt es eine komische Einlage mit einem unsichtbaren Kamel.

Sitzfleisch-Faktor

Knapp unter zwei Stunden mit einer Pause.

Rupien-Faktor

Preise ca. 18 bis 56 Euro inkl. Systemgebühren.

Wann kann ich das sehen?

Berlin (4. bis 21. Oktober), Bremen (9. bis 14. Januar), Frankfurt (1. bis 4. Februar), Würzburg (6. Februar), Halle (7. Februar), Chemnitz (8. Februar), Bamberg (9. Februar), Bielefeld (10. Februar), Kiel (11. Februar), Hamburg (16. und 17. Februar), Hannover (18. Februar), Braunschweig (20. Februar), München (22. Februar bis 18. März), Köln (21. und 22. März), Oberhausen (23. März), Leipzig(27. März), Dresden (28. März), Nürnberg (29. März), Erfurt (30. März), Stuttgart (31. März und 1. April).

Fazit

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