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HINTERGRUND: Der Stoff, aus dem die Filme sind

In Ted Demmes Drogendrama »Blow« spielt Johnny Depp den größten Koksdealer Amerikas. Es ist die Geschichte von George Jung. Ein Knastbesuch

Von Philipp Oehmke

Zwei Packungen Camel ohne Filter gehen über den Tisch im Besuchergarten vom Bundesgefängnis in Otisville, New York. In vier Stunden wird George Jung sie weggeraucht haben, sie sind der Lohn für seine Geschichte. Jung, 59 Jahre alt, Gefangenennummer 19225004, hat frei bekommen heute; normalerweise pflegt er um die Zeit Blumen im Gefängnisgarten. 22 Cent bekommt er dafür. Es gab eine Zeit, da verdiente Jung schon mal anderthalb Millionen Dollar am Tag.

Das war die Zeit, als er zweimotorige Cessnas bis unters Dach mit Kokain beladen von Kolumbien nach Florida fliegen ließ. Als er, in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern, der größte Dealer von Pablo Escobar war, dem kolumbianischen Drogenboss und damals einer der meistgejagten Verbrecher der Welt. Und als er selbst, George Jung aus Massachusetts, zu den reichsten Männern der Vereinigten Staaten zählte, mit einem geschätzten Vermögen von 100 Millionen Dollar und einem Kokainverbrauch von fünf Gramm am Tag, was etwa 80 »lines« entspricht.

Heute lebt Jung in einer Fünf-Quadratmeter-Zelle, die er teilt mit einem anderen Häftling. Er wird dort sitzen, bis er 74 ist. Irgendwie bewundern ihn die Wärter und schenken ihm Bücher. Und noch mehr Menschen bewundern ihn jetzt, da der Film »Blow« in die Kinos gekommen ist und er, der faltige Jung mit den Zottelhaaren, vom hübschen Johnny Depp gespielt wird. »Johnny hat mich gut getroffen«, sagt Jung über sein Hollywood-Porträt, »denn ich war wirklich ein Star. Ein Drogen-Star.« Vor zwei Jahren kam ihn ein Mister Depp zum ersten Mal besuchen, erzählt Jung. Er kannte ihn nicht, doch der Wärter sagte, er sei in einer riesigen Limousine angekommen. »Hat er Camel ohne mitgebracht?«, fragte Jung - seine übliche Bedingung für ein Gespräch. Ja, sagte der Wärter und ließ Depp rein. »Ich frage ihn also«, sagt Jung, »ob er John oder Johnny genannt werden will, und er antwortet: Ist mir so was von scheißegal. Da wusste ich, der Typ kann mich spielen.«

Jung musste ja selber so vieles egal sein; anders hätte er sein Leben manchmal gar nicht verkraftet. Dass seine eigene Mutter ihn an die Drogenfahnder verriet zum Beispiel, dass seine Frau Mirtha, eine Kubanerin, cracksüchtig wurde oder dass Pablo Escobar kolumbianische Polizisten vor seinen Augen mit Kopfschüssen in den Sand streckte.

»Irgendwann überschreitest du die Grenze«, sagt Jung, »danach kannst du nur noch sagen: Scheiß drauf. Ich dachte, ich habe alles unter Kontrolle. Und ich war so scharf auf das alles - auf die Porsches, die Flugzeuge, die Frauen. Und auf den Kick, mit dem Staatsfeind Nummer eins der USA auf seiner Ranch zu sitzen, wo Polizisten abgeknallt werden.«

Jung bemerkt, wie seltsam er klingt. Er sucht nach einem Vergleich. »Du sitzt im Sportwagen auf einer kurvigen Straße«, beginnt er, »du weißt, du solltest nicht mehr schneller fahren. Du riskierst dein Leben und tust es trotzdem. Danach bist du stärker.«

Soll man ihm das abkaufen? Im Rückblick ist Jung selbst nicht ganz klar, wann ihm die Dinge entglitten. Er erinnert sich, wie er, ein Kleinstadtjunge, einmal ein viel versprechender High-School-Footballer war, dann aber 1967 nach Manhattan Beach, Los Angeles, zog. Er hatte gehört, dass junge Menschen mit langen Haaren dort eine neue Art von Leben führten. Bald hatte Jung immer Marihuana in der Tasche, LSD im Kopf und Mädchen um sich, die ständig nach Drogen fragten. Da kam er auf die Idee, selbst Marihuana aus Mexiko zu besorgen.

»Ich nahm ein paar Flugstunden und flog, um es auszuprobieren, einen Tag lang hin und her über der Grenze zu Mexiko. Keine Sau hat das gekümmert.« Von da an kaufte Jung Rekordmengen an Marihuana - 300 bis 400 Kilo im Monat - von Cannabis-Bauern in Mexikos Sierra Madre und landete mit dem Stoff in der kalifornischen Wüste. Dann fuhr er die Pakete in Wohnmobilen in seine alte Heimat nach Amherst, Massachusetts, wo es fünf Hochschulen mit Zehntausenden Studenten gab, aber kaum Marihuana. Es war, sagt Jung heute, die beste Zeit seines Lebens.

1974 landete er zum ersten Mal im Bau; das war, als seine Mutter ihn verraten hatte. Er hatte vier Jahre lang erfolgreich Marihuana geschmuggelt und in einer riesigen Strandvilla in Mexiko gelebt. Im Gefängnis lernte er den deutsch-kolumbianischen Autodieb Carlos Lehder kennen, der Kontakte zum Drogen-Dorado Medell?n hatte. Und von da an wurde alles anders. Bald war Jung kein Playboy im Marihuana-Handel mehr, sondern ein Gangster, dem ständig eine Magnum im Hosenbund steckte. Mit einer Ladung von 300 Kilo Kokain machte er drei Millionen Dollar, die er meist mit dem Piloten teilte. »Jede Viertelstunde nahm ich eine Nase Kokain durch den Strohhalm aus einem Fläschchen in meiner Brusttasche. Ich merkte gar nicht, dass ich meine Geschäfte nicht mehr mit einer Flasche Whiskey und Handschlag besiegelte, sondern im Angesicht von Sturmgewehren.«

Jung unterbricht seine Kette von Zigaretten und denkt nach über seine Schuld. In den frühen Achtzigern schaufelte er so große Mengen Kokain in die USA, dass es aus Hollywood und aus Glitzertempeln wie dem New Yorker »Studio 54« in die Ghettos der Großstädte schwappte; die Crack-Welle begann. Aber war das seine Schuld? Er meint, dass er Amerika nur gab, wonach es verlangte. Und dann zitiert er den Satz, den er zu der Frage immer aufsagt: »Wenn ich und Carlos den Mut hatten, so schlecht zu sein, warum hatten 250 Millionen Amerikaner nicht den Mut, gut zu sein?«

Immer wieder landete er im Gefängnis. Mal verriet ihn seine Frau, damals von Crack und Alkohol zerfressen. Mal entpuppten sich Leute, denen er vertraute, als Drogenfahnder. Wie bei dem Deal 1985 in Florida, als seine engsten Komplizen insgeheim für die Drogenbehörde arbeiteten. Ihm drohten 60 Jahre Gefängnis. Er bekam 15. Im Knast sagte er aus gegen seinen Kumpel und späteren Erzfeind Carlos Lehder, der inzwischen selbst Drogenboss war und durch Jungs Aussage »lebenslänglich« plus 135 Jahre bekam. Jung wurde 1989 entlassen. Er habe, hieß es in den Papieren, seine Schuld gegenüber der Gesellschaft »voll bezahlt«.

Doch er ist ja schon wieder im Gefängnis, diesmal für 22 Jahre. Was genau passiert ist, kann er, will er nicht sagen. Fest steht nur, dass nach seiner Entlassung der New Yorker Journalist Bruce Porter mit Jung an alle Originalschauplätze reiste - Mexiko, Kolumbien, Florida, Los Angeles - und alte Kumpane wieder traf. 1994 schnappte die Drogenfahndung ihn erneut, mit 220 Kilo Marihuana an der mexikanischen Grenze.

Seit dem US-Start von »Blow« bekam Jung 500 Fanbriefe. Vielleicht, weil Johnny ihn so cool spielt. Vielleicht auch, weil er im Film so einsam endet: träumt von seiner geliebten Tochter Kristina, die ihn nie besuchen kommt. Im wahren Leben kam die heute 23-Jährige vor ein paar Jahren doch mal vorbei. Man sprach kurz über ihre Pläne, Jung war stolz, man blieb sich fremd. Jung lächelt mit gesenktem Kopf. Es war ein guter Tag für ihn. Er hat zwei Päckchen geraucht, ein drittes versucht er noch in die Zelle zu schmuggeln.

Vielleicht wird der stellvertretende Gefängnisdirektor Paul Ott es ja nicht so genau nehmen. »Ich mag George echt gern«, sagt er. »Er hat in seinem Leben einfach das gemacht, was er am besten konnte.«