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Medienkolumne: Das Schachern um die Olympia-Rechte

Höher, schneller, teurer - die öffentlich-rechtlichen Sender bekommen nicht mehr automatisch die Rechte für die Übertragung der Olympischen Spiele. Jetzt können auch die Privaten mitbieten. Was bedeutet das für den Sport, das Geschäft und die Zuschauer?

Von Bernd Gäbler

Kleiner wollte er die Entscheidung nicht präsentieren. "Dieser Abschluss eröffnet eine neue Ära", tönte Jacques Rogge, der Präsident des Olypmischen Komitees (IOC), als klar war, dass die Olympia-Übertragungsrechte für 2014 und 2016 in Europa nicht mehr automatisch an den Sendeverbund der öffentlich-rechtlichen Anstalten (EBU) gehen. Seit 1956, als Karl-Friedrich Haas die Fahne für die gesamtdeutsche Mannschaft ins Stadion von Melbourne trug, war das Tradition. Jetzt erhielt die Agentur "Sportfive" für vorerst 40 Länder den Zuschlag. Mit den wichtigsten Ländern - dazu gehören neben Frankreich, Großbritannien und Spanien auch Deutschland - soll getrennt und einzeln verhandelt werden.

Für die Spiele von Turin und Peking (2006 und 2008) hatte die EBU 578,4 Millionen Dollar gezahlt; für Vancouver und London (2010 und 2012) werden es 746 Millionen Dollar sein. Nun will das IOC für 2014 und 2016 eine glatte Milliarde US-Dollar erlösen. Für die traditionellen Olympia-Sender ARD und ZDF ist also noch lange nicht aller Tage Abend.

Kein Dabeisein um jeden Preis

Stattdessen geht nun ein flottes nationales Wettbieten los. Wenn also der ARD-Programmdirektor Volker Herres erklärt, "die Vorstellungen über den wirtschaftlichen Wert der Fernsehrechte" seitens des IOC seien "völlig überzogen", und das ZDF gar treuherzig beteuert, auch bei Olympia könne es "kein Dabeisein um jeden Preis" geben, dann ist das nur der Auftakt für das Pokern um den Big Deal.

IOC-Vize Thomas Bach als Vollstrecker

Sport, Fernsehen und Politik sind in Deutschland so eng miteinander verzahnt wie in kaum einem anderen demokratischen Land. Die Sportfunktionäre sind Politiker und sitzen neben den Partei-Politikern in den Aufsichtsgremien der öffentlich-rechtlichen Sender als Vertreter "gesellschaftlich relevanter Gruppen". Es gibt ein ausgefeiltes System von Abhängigkeiten und wechselseitigem Druck. So wie das IOC wie ein Sport-Vatikan über der weltweiten olympischen Bewegung thront, dirigiert hierzulande der Multi-Funktionär und Lobbyist Thomas Bach den Sport-Politik-Komplex.

Und das war die tatsächliche Überraschung - dass dieser so gut vernetzte IOC-Vize kurzerhand alle Traditions- und Freundschaftsbande kappte und rigoros die ökonomischen Interessen des IOC vollstreckte. Er hat nämlich die Verhandlungen geführt und die EBU ausgebremst. Da schauten ARD und ZDF etwas perplex in die Röhre. Nun müssen sie sich für einen nationalen Bieterwettbewerb mit dem frei empfangbaren Privat-Fernsehen, Pay-TV-Angeboten und womöglich sehr umfassend interessierten Telekommunikationsunternehmen rüsten. Da kann Thomas Bach gelassen zusehen und von einer "größtmöglichen Auswahl für die Olympia-Fans" schwadronieren. Wir ahnen schon: Das wird teuer werden.

Der epochale Erfolg des Pierre de Coubertin

Nimmt man den sportreligiösen Quatsch weg, ebenso die Renaissance-Ideen eines Neo-Hellenentums, zieht davon noch das Erbauungspathos von Fair Play und friedlicher Begegnung der Jugend der Welt sowie die ursprüngliche Frauenfeindlichkeit ab, dann kann die olympische Neugründung des Baron Pierre de Coubertin als eine der erfolgreichsten Bewegungen des 20. Jahrhunderts angesehen werden. Nie zuvor hat es in der Geschichte der Menschheit eine selbständige Sphäre trainierter Körper außerhalb von Arbeit und Krieg gegeben. Sie wurde zeitgerecht globalisiert und ökonomisiert. Willig ließ sie sich politisch instrumentalisieren - ob in Berlin (1936), in Peking (2008), in Moskau (1980) oder Los Angeles (1984).

Unter Abschliff aller ursprünglichen Absichten wurde sie zugleich zum Motor einer medialen Event-Industrie. Mit Wimbledon, Tour de France oder Fußballweltmeisterschaften verfügen zwar auch sportliche Einzeldisziplinen über globale Event-Höhepunkte, Olympia aber lebt - trotz aller Profanisierung - von der Idee eines "ganzheitlichen" Sportwettkampfes.

Der epochale Erfolg des Karl Ferdinand Braun

Was Pierre de Coubertins Neo-Olympismus für die Körperwelten bedeutet, bedeutet die Braunsche Röhre für die Welt der Wahrnehmung. Bis tief hinein in den Alltag hat das unterhaltende Fernsehen sie verändert. Der Event-Charakter steht mittlerweile im Vordergrund, dabei treiben sich Sport und Fernsehen wechselseitig an. Längst prägt er Ablauf und Austragungsmodus vieler Sportarten. Auch der Zeitplan Olympischer Spiele richtet sich nach dem Fernsehen. Das US-Fernsehen konzentriert sich noch viel stärker als hierzulande auf nur sehr wenige Stars und Disziplinen. Dort konnte Olympia ohne weiteres als ein "Michael-Phelps-Festival" mit Beiwerk rezipiert werden. Aber auch bei uns gibt es ähnliche Verzerrungen. In der (irrealen) Erwartung eines Medaillensegens für Fabian Hambüchen wurde stundenlang vom Turnen berichtet, während parallel interessante Mannschaftswettbewerbe ins Digital-Bouquet verbannt wurden Felsenfest hielten unsere "eingebetteten" Reporter zu den der Manipulation angeklagten Reitern.

Olympia ist längst "filetiert"

"Olympia" ist ein großer Eisberg, und das Fernsehen interessiert sich vor allem für die nationalen Spitzen. Dennoch ist das IOC auch daran interessiert, den Mythos zu erhalten, dass "Olympische Spiele" mehr sind als eine Addition von Weltmeisterschaften. Es legt Wert darauf, dass mindestens 200 Stunden der Sommerspiele frei empfangbar sein müssen und nicht im Pay-TV verschwinden dürfen. Darauf hoffen ARD und ZDF; Interesse an einzelnen Disziplinen kann aber auch RTL haben. Fritz Pleitgen, früher Intendant des WDR und Präsident der EBU, kritisierte jetzt die Sportfunktionäre, sie würden Olympia willkürlich "filetieren" - als sei eben dies nicht längst üblich.

Der Paradigmenwechsel zum Internet

Noch ist die mediale "Ökonomie der Aufmerksamkeit" stark vom Medium Fernsehen geprägt, das passiven Konsum fördert. Aber allmählich vollzieht sich ein Paradigmenwechsel. Die neuen Verträge für die Olympischen Spiele werden das schon signalisieren. Zwar gibt es noch den großen TV-Massenmarkt, aber interessant werden auch die vielen Nischen. Statt Sofa und Glotze werden Mobilität, flexible Endgeräte, Kanalvielfalt, Zeitsouveränität und Spezial-Interessen eine größere Rolle spielen. Die raffinierten Olympia-Funktionäre wissen, dass da eine neue Chance lauert. Wurde das Ins-Netz-Stellen von Bewegtbilder 2004 noch unter Strafandrohung untersagt, will das IOC spätestens ab 2014 daraus großen Gewinn ziehen. Dann wird es keinem Intendanten mehr etwas nutzen, dass er Thomas Bach aus vielen Sitzungen gut kennt. Das große Fernsehen wird nicht unbedeutend sein, aber nur noch ein Player auf dem vergrößerten Spielfeld der Medien.

ARD und ZDF - Anhängsel der Olympia-Industrie?

Nicht viel nutzen wird da der Verweis auf die eigene vielfältige Sportberichterstattung, die allerdings auch längst eingeschränkt ist, und der Appell an die Tradition der guten Zusammenarbeit von ARD und ZDF mit den olympischen Sportverbänden. "Sollte es zu einem Verlust der Fernsehrechte an den Olympischen Spielen kommen, würde dies zahlreiche, vor allem kleinere Sportarten, entwerten", droht ARD-Programmdirektor Volker Herres überraschend unverhohlen: "Wir würden unser Engagement zwischen den Spielen für jede Einzelsportart überprüfen."

Ist das eine überzeugende Idee für den künftigen Bieter-Wettbewerb? Wenn Fritz Pleitgen dem IOC vorwirft: "Gewinnmaximierung geht vor Programm", dann formuliert er zugleich eine sportjournalistische Aufgabe an die eigene Adresse: Wie kann auch in der Medienlandschaft der Zukunft ein massenattraktives, vielfältiges Sportprogramm aussehen, das journalistische Eigenständigkeit wahrt und ARD und ZDF nicht zu einem Anhängsel der "Gewinnmaximierung" degradiert? Eine überzeugende Antwort darauf müsste für die kommenden Verhandlungen dann nur noch kombiniert werden mit der glaubwürdigen Festlegung einer finanziellen Obergrenze, wie viel Gebührengeld Olympia wirklich wert sein soll.

  • Bernd Gäbler