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Medienkolumne: Das steckt in Pocher

Spätestens seit seiner Stauffenberg-Parodie ist Oliver Pocher das Enfant terrible der ARD. Einen Vorteil hat Pocher auf jeden Fall: Er zwingt alle - Zuschauer wie Entscheider - zu Bekenntnissen. Nicht immer fallen sie eindeutig aus. Bernd Gäbler analysiert das Potential Pochers.

Über Oliver Pocher plaudern und streiten alle. Selbst wenn heute und morgen, auf der Tagung der ARD-Intendanten, nichts entschieden wird, ist das künftige Engagement des Comedians ein großes Tuschelthema auf den Fluren und in den Beratungspausen. Oliver Pocher zwingt dazu, Position zu beziehen. Die Intendantin des größten Einzelsenders der ARD, WDR-Chefin Monika Piel, hat sich inzwischen unzweideutig dafür ausgesprochen, Bleibeverhandlungen mit Pocher zu führen. Auch der ARD-Programmdirektor Volker Herres ist dieser Meinung. Extrem entgegengesetzt votiert eine satte Mehrheit der SWR-Gremienvertreter. Sie halten Pochers Wirken in der ARD mindestens für geschmacklos. Auch unter den einigermaßen ernst zu nehmenden Kritikern gehen die Meinungen stark auseinander.

Was ich an Pocher mag

Wie halte ich es nun mit Pocher? Ich bekenne: Ich bin gespalten. Ich mag ihn und ich finde ihn unmöglich. Ich halte Oliver Pocher nach wie vor für eines der größten Talente im deutschen Fernsehen, und finde es furchtbar, wie sehr er damit schludert. Sortieren wir also. Ich mag an Pocher, dass er so selbstbewusst ist, mutig, frech, antiautoritär. Er ist kein Schleimer und Opportunist. Den frischen ARD-Programmdirektor Volker Herres hat er jedenfalls schon wunderbar vorgeführt.

Pocher kann sehr schlagfertig sein, herrlich gemein und federt dies oft elegant durch ein spitzbübisches Lächeln wieder ab. Immer noch hat er etwas von einem kleinen, frechen Jungen, der gerne Streiche spielt. Er kann sehr schelmisch sein. Ab und an fällt er aus seiner Rolle, hält sie nicht durch, lacht schon mal vorweg über sich selbst. Das ist nicht unsympathisch. Oliver Pocher ist sehr ehrgeizig und schont sich selber nicht. Er hat keine Angst. Keine Angst, sich selber lächerlich zu machen. Er hat das Zeug zu einer großen Karriere.

Was ich an Pocher nicht mag

Dass er nicht systematisch an sich arbeitet. Dass er auf jeder Hochzeit mittanzt. Dass er so wenig Bewusstsein für Qualität hat. Ich verstehe einfach nicht, warum einer, der gerade noch mit einer treffenden Britney-Spears-Parodie brillierte, sofort danach mit absolut schlechten und unwitzigen Parodien (Jogi Löw, Kevin Kuranyi) zufrieden ist. Warum übt er nicht? Richtig gut kann er nur Poldi. Pochers Talent als Entertainer ist größer als das als Darsteller. Er hat wenig Tiefe.

Ich mag nicht, dass er so unintellektuell ist, so oberflächlich. Dass er so einen engen Horizont hat. Er kennt sich aus und agiert sicher und schnell, wenn es um "Yellow Press", B-und C-Promis, TV-Trash oder Fußball geht. Im Zweifel gröhlt er Ballermann-kompatibel herum. Von Kultur, Geschichte, Politik hat er keine Ahnung. Da fehlt ihm nicht Schlagfertigkeit, sondern der richtige Ton. Mich stört, dass er immer wieder bei immer denselben Leuten nachtritt, wenn diese ohnehin schon am Boden liegen (Franjo Pooth). Das ist auf Dauer nicht sehr ergiebig. Ich weiß nicht, was ihn letztlich antreibt. Verwechselt er nicht doch Krawall und Kritik? Lässt er sich etwas sagen?

Zwei erhellende TV-Auftritte

Es waren vor allem zwei kleinere Auftritte im Fernsehen, die meine Skepsis bestärkt haben. In der Arte-Serie "Durch die Nacht mit..." unternahm er gemeinsam mit Moritz Bleibtreu eine Tour durch Hamburg. Eine Station war eine Ausstellung schräger französischer Dada-Künstler der dreißiger Jahre. Pocher konnte damit nichts anfangen. Das wäre ja nicht weiter schlimm. Pocher aber machte nichts als ein paar miese Spießer-Gags über moderne, unverständliche Kunst und war nicht bereit, sich auch nur für einen Millimeter gegenüber dieser Welt zu öffnen.

Moritz Bleibtreu, ja nun auch nicht gerade der Typ es feinnervigen Intellektuellen, wollte mehrmals wissen, was denn Pochers eigentliche Intention sei, jenseits von Ruhm und Krawall. Oliver Pocher verweigerte das Gespräch darüber. Nur, dass ihm das Filmen viel zu aufwändig und langwierig sei, betonte er mehrmals. Bei ihm müsse alles viel schneller gehen.

Ein zweites Erlebnis war sein Auftritt in der WDR-Sendung "Zimmer frei". Eigentlich ist jeder Gast von Christine Westermann und Götz Alsmann bereit, ein paar Spielchen mitzumachen und etwas von sich preiszugeben. Für die musikalische Darbietung strengen sich die meisten sogar an. Nicht so Pocher. Im Gespräch mit Christine Westermann mauerte er, für Götz Alsmann hatte er nichts vorbereitet, krächzte nur ein bißchen 'rum, weil er gerade vom Fußball kam. Er trat auf, als sei er zwangsverpflichtet worden, lustlos und herablassend. In beiden Sendungen wirkte er schlimmer als während der Konfrontation mit Lady Bitch Ray Bitch, die ihn überforderte.

Pocher passt gut zu Pro Sieben oder RTL

Dass Harald Schmidt und Oliver Pocher sich wieder trennen, ist ein Segen. Gut funktioniert hat es nicht - auf keinen Fall haben sich beide gegenseitig beflügelt. Dass Schmidt wieder mehr beißende Satire fürs Wahljahr ankündigt, ist eine Verheißung. Im Gegenzug hat Pocher erklärt, wie gerne er mal etwas zusammen mit Dieter Bohlen machen würde. Das wäre bestimmt "nicht unerfolgreich".

Vermutlich hat er Recht. Aber es beweist auch, wie gleichgültig ihm schon der Inhalt potentiellen Erfolgs geworden ist. Mit dieser Auffassung, mit dem Spektrum seines Interesses und seinem oft noch pubertären Agieren wider alle Autoritäten passt er eigentlich wunderbar zu Pro Sieben oder RTL. Die ARD könnte mit ihm sehr leicht in die Versuchung geraten, ihr Jugendproblem auf falsche Art und Weise zu lösen. Insofern könnte es einem herzlich egal sein, wo und wie Pocher seine Karriere nun fortsetzt. Nur ein Argument spricht für ein Verbleiben in der ARD: Die Spießer dürfen nicht recht behalten!

ARD: Spießer als Humor-Polizei

Es gibt also viele gute Gründe, Oliver Pocher eine fröhliche Fortsetzung seines Höhenflugs an der Seite Dieter Bohlens, bei RTL oder Pro Sieben zu wünschen. Die ARD könnte ihn mit berechtigten Verweisen auf seine Defizite ziehen lassen. Was allerdings zur Zeit in der ARD an Argumenten gegen Pocher kolportiert wird, ist falsch und peinlich. Da wird ihm eine völlig harmlose Tom-Cruise/Stauffenberg-Parodie vorgehalten als habe er nationale Heiligtümer beschmutzt. Absurd! Baden-Württembergische Gremien-Spießer spielen sich als Geschmackspolizei auf und liegen dabei fast immer falsch.

So zwang die ARD Schmidt/Pocher zum Verzicht auf eine ihrer besten und spitzfindigsten satirischen Einrichtungen: das "Naz-o-meter"! Bei "heiklen" Worten - wie "Duschen" - schlug es aus. Es war eine treffende Reaktion auf die Eva-Herman-TV-Selbstreinigung, auf einen begriffslosen Anti-Faschismus, der nur alles "heikel" findet und auf Sprach-Verbote statt Klarttext setzt. Einen solch harten Witz durfte es in der ARD nicht geben, die allzu gern zu jeder Volksgemeinschaftsmusik schunkelt. Schon um dieser neuen "Saubere-Leinwand"-Tendenz nicht recht zu geben, müsste man eigentlich für den Verbleib Pochers in der ARD sein. Ein kleiner Stachel im satten Fleisch ist er ja vielleicht doch. Wenn er nur mehr im Sinne hätte als sich selber.