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Medienkolumne: Steinmeier, der Quotenkiller

Frank-Walter Steinmeier ängstigt die TV-Sender: Regelmäßig erzielt er nur die Hälfte der Quote von Merkel. Das kann nicht nur am Politikverdruss der Zuschauer liegen. Ein Plädoyer für die Griffigkeit von politischen Statements.

Von Bernd Gäbler

Auch die finalen ARD- und ZDF-"Sommerinterviews" an diesem Sonntag haben den bisherigen Eindruck bestätigt: Angela Merkel will keinen Wahlkampf, Frank-Walter Steinmeier kann keinen Wahlkampf. Das schlimmste aber, was einem Wahlkämpfer passieren kann, ist Mitleid. Aber was soll man Frank-Walter Steinmeier nach den letzten TV-Auftritten noch Tröstendes zukommen lassen? Selbst wenn er ein grandioses Feuerwerk schlagfertiger Antworten entzündet hätte, bereits sein "Townhall-Meeting" auf RTL war ein Desaster. Schon allein wegen der Quote.

Sonntags zu guter Sendezeit bescherte der politische Herausforderer in einem der am stärksten krisengeschüttelten Industrieländer dem stets zuverlässig zuschauerstärksten Privatsender eine Einschaltquote, die allenfalls Spartensender erfreut hätte. Sage und schreibe 810.000 Zuschauer im Alter zwischen 14 und 49 Jahren wollten sich ansehen, was der SPD-Kanzlerkandidat anzubieten hat.

Vergleichen wir einmal ein wenig willkürlich: "Iron Calli", eine Abnehmshow mit dem gehörig schwabbelig ins Bild gesetzten Rainer Calmund auf Vox verfolgten 950.000 jüngere Zuschauer; das "Perfekte Promi-Dinner Mallorca spezial" mit "Stars" wie Martin Semmelrogge und Monica Ivancan am Wochenende zuvor sahen sogar 1,13 Mio. jüngere Zuschauer. Das spricht gewiss auch gegen diese Zuschauer, wenn sie sechs Wochen vor der Wahl derart wenig politisches Interesse bekunden. Aber immerhin geben sie bei Umfragen "Barack Obama" als eines ihrer Idole an. Keinerlei Neugier zu wecken, das hat auch mit dem Kandidaten zu tun. Aktuell wird in Talk-Show-Redaktionen schon die Sorge artikuliert, ob eine Frage nach den SPD-Chancen überhaupt noch Quote bringe. Auch bei RTL dürften es diejenigen, die noch tapfer für die Ausstrahlung politischer Sendungen zu halbwegs normalen Sendezeit plädieren, schwerer haben denn je.

Steinmeier ist eben kein Show-Typ

Manche sagen: Solche Argumente, wie die oben angeführten, zeigten ja nur, wie sehr auch die Erwartung an politische Kontroversen schon durchwirkt sei vom Entertainment. Es spräche nicht gegen, sondern eher für Steinmeier, wenn er Showmaster-Qualitäten nicht aufweise, sondern stattdessen Substanz biete. Ja, wenn es denn so wäre! In einem 67-seitigen Papier hat sich Frank-Walter Steinmeier zur Arbeit von morgen und zu den produktiven Potentialen Deutschlands geäußert. Im Kern hat er Elemente eines grünen Industrialismus zusammengestellt und diese Addition dann "Deutschlandplan" genannt. Meine These: Wäre dieses Papier wirklich ein konzises, in sich widerspruchsfreies Konzept, dann ließe sich sein Kern auf einleuchtende Thesen und Forderungen reduzieren.

Es ist ein Missverständnis der Wohlmeinenden, wenn geglaubt wird, Politik entstehe so, dass zunächst komplizierte Substanz erarbeitet würde, die dann nur noch schlagkräftig "verpackt" werden müsse. Tatsächlich gehen beide Seiten - Strategie und Kommunikation - Hand in Hand. Das ist so, seit der erste griechische Politiker auf dem Marktplatz der Polis eine Rede gehalten hat. Steinmeiers "Deutschland-Plan" ist ein wertvolles Referenten-Papier zur SPD-Programmdebatte - mehr nicht! Wie das Papier, so agiert er auch: zaudernd in der "Dienstwagen-Affäre"; absurd bei der Präsentation eines überfülltes "Kompetenzteams", dessen Mitglieder dann zum Schweigen verurteilt werden. Steinmeier mag ein wägender Politiker sein, ein führender ist er nicht.

Endspurt? Wen schickt die SPD zu Raab?

Auch wer glaubt, hier messe ein TV-Junkie den Quoten einfach zu hohe Bedeutung zu, auf eine Frage müssten alle, die dieser Argumentation nicht folgen, eine Antwort finden: Wie kommt es, dass bisher bei allen gleichartigen TV-Formaten, in den Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier zu sehen waren - egal ob in filmischen ZDF-Porträts oder in RTL-Bürgerbegegnungen - die Einschaltquote für die Kanzlerin etwa doppelt so hoch war?

Einiges kommt ja noch. Die ARD-Jugendradios befragen beide jeweils eine Stunde lang - erstmals bundesweit synchronisiert. Und ganz am Ende, am Samstagabend vor der Wahl, am 26.September, wird es als vermutlichen Höhepunkt für junge Zuschauer (2005 gab es eine gute Quote und ungefähr die beste Ergebnisprognose in der gesamten TV-Welt) wieder Stefan Raabs "TV total zur Bundestagswahl" mit allen Spitzenkandidaten geben. Vielleicht schickt die Kanzlerin ja wieder Christian Wulff vor wie bei der CDU-Präsentation für "Illner intensiv". Was macht dann die SPD? Schon mal Wowereit zu Raab schicken? Auf jeden Fall ist jetzt schon klar: Wie auch immer die Wahl ausgehen wird - niemand wird, anders als es bei Heinz Eggert, Lothar Späth oder sogar Roman Herzog war, Frank-Walter Steinmeier hinterher eine Talk-Show anbieten.