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Medienkolumne zu "Beckmann" Verlierer ohne Schuld


Von der ARD-Talkshow-Offensive hat nur Günther Jauch profitiert. Alle anderen haben verloren. Am härtesten hat es Reinhold Beckmann getroffen. Er droht, zwischen Illner und Lanz zerrieben zu werden.
Von Bernd Gäbler

Um "Auswege aus der Krise" soll es an diesem Donnerstag bei "Beckmann" gehen. Der Fernseh-Vorzeigewissenschaftler Ranga Yogeshwar und der ehemalige Umweltminister Klaus Töpfer haben dazu gerade ein Bestseller-verdächtiges Büchlein produziert, das sie bei "Beckmann" erläutern dürfen. Dazu stößt Anja Kohl, eine studierte Publizistin, die im Fernsehen als "ARD-Börsengesicht" und in Talkshows permanent als ausgewiesene Kennerin der Wirtschaft auftritt.

Von großem Ideenreichtum zeugt diese Planung nicht. Das Kalkül lautet: Zuschauer schalten dann in Massen ein, wenn sie alle Beteiligten schon kennen. Und nach Massen von Zuschauern lechzt die Sendung "Beckmann". Sie hat es nötig. Sie ist in Not. Früher lockte sie im Durchschnitt 1,55 Millionen Zuschauer. Dann würfelte die ARD ihre Sendeplätze für den Talk wild durcheinander: Beckmann wanderte vom Montag auf den Donnerstag, seitdem sind es kaum eine Millionen. Ein zweistelliger Marktanteil wurde seit September nur einmal erreicht - ausgerechnet in der ersten Sendung nach der Sommerpause.

Zerrieben zwischen Illner und Lanz

"Beckmann" muss vorerst weiter am Donnerstag senden Das Argument für schlechtere Quoten lautete zunächst, das Publikum müsse sich erst an die neuen Sendeplätze gewöhnen. Aber je mehr Zeit es dazu hatte, desto schlechter wurden die Quoten. Bei "Beckmann" liegt es vor allem an der Konkurrenz. Wer das ernste politische Gespräch will, schaltet donnerstags "Maybrit Illner" ein, die im ZDF früher startet als "Beckman" in der ARD. Wer es eher boulevardesk mag, lauscht lieber gleich Markus Lanz. Obwohl er noch später talkt, hat er regelmäßig deutlich mehr Zuschauer. Dazwischen wird "Beckmann" zerrieben.

Demnächst kommt auf Sat.1 auch noch Harald Schmidt als weiterer Konkurrent dazu. Das macht die Lage nicht leichter. Ein schneller Salto rückwärts mit der Rückverlegung der Sendung auf den angestammten Montag wäre eine vernünftige Entscheidung. Allein - die ARD-Intendanten wollten sie auf ihrer letzten Sitzung in Bremen noch nicht treffen. Sie ahnen wohl, dass beim Talk mehr zu berichtigen ist als nur der Sendeplatz für "Beckmann". Das soll dann später in einem Aufwasch geschehen. Also muss Beckmann zäh weitermachen auf dem ungeliebten und ungünstigen Sendeplatz.

Der alte und der neue Beckmann

Als Talkmaster hat Reinhold Beckmann zwei Schwächen: Oft will er sich zu sehr hinein versetzen in sein Gegenüber. Dann kriecht er dem Talkgast geradezu entgegen, schleicht sich ein. Das kann anbiedernd wirken. Außerdem kiekst und scherzt er, wenn er Unsicherheit überdecken will. Beides hat sich im Laufe der Zeit gebessert. Die Gespräche gewannen an Tiefe. Es erwies sich als kluge Entscheidung, auf ein Saalpublikum zu verzichten. Die Gäste wollten nicht mehr mit Pointen punkten. Immer wieder waren bei Themenwahl und Gästekonstellation auch die Erfahrung einer guten Redaktion spürbar. Allmählich hatte "Beckmann" eine spezifische Tonalität gefunden, die jenseits der Tagespolitik lag, aber auch kein Trash war. Die Sendung war auf dem Weg zu einem gleichwertigen Ersatz für "Boulevard Bio". Dafür war der ruhige Platz am späten Montagabend gut geeignet. Dem Sonntagstalk kam er nicht ins Gehege. Ohne Not hat die ARD diese positive Entwicklung jäh abgebrochen und die Sendung nicht nur in ein Quotenloch, sondern auch in eine Identitätskrise geschickt.

Auf dem neuen Sendeplatz am Donnerstag begann "Beckmann" wie die Sendung aufgehört hatte: mit einem gepflegten Talk gesetzter Herren. Am 1. September gingen Björn Engholm und Winfried Kretschmann sehr sanft mit Enoch zu Guttenberg um. Fast konnte man vergessen, dass Kretschmann keineswegs zu den ehemaligen Politikern gehörte, sondern soeben erst zum ersten grünen Ministerpräsidenten gewählt worden war. Die 1,47 Millionen Zuschauer waren nicht sensationell, erschienen aber als eine gute Ausgangsposition, um die Sendung an neuer Stelle wie gewohnt zu gestalten.

Risiko wird nicht belohnt

Dann tat Reinhold Beckmann etwas, was selten ist im deutschen Fernsehen: Er wählte das Risiko. Mit betroffenen Eltern sprach er über deutsche "Kinder des Dschihad", jugendliche Konvertiten, die sich dem militanten Islamismus verschrieben hatten. Und das Tolle - außer Peter Scholl-Latour gab es endlich einmal jüngere Journalisten, die sich mit dem Thema auch auskannten. Es war eine gute Sendung, aber das Publikum belohnte das Risiko nicht. Der Marktanteil sank auf 7,6 Prozent.

In den nächsten Talk kamen die McCanns, die Eltern der vermissten "Maddie". Einen "Knüller" erwartete die Redaktion. Allein: Das deutsche Publikum mag nicht eine Stunde lang den Übersetzungen fremdsprachiger Gäste zuhören. Die Zuschauerzahl sank auf unter eine Million.

"Laber-Sendungen"

Dann folgte eine furchtbare Sendung: Heiner Geißler, Miriam Meckel und der penetrant auf diesem Ticket fahrende Ulrich Wickert berieten über Wirtschaft und Moral. So wie es in der Schule "Laber"-fächer gibt, gibt es im Fernsehen "Laber-Sendungen". Das war so eine. Die Zuschauerzahl sank weiter.

Und plötzlich gab es eine Sendung, die zwar toll war, aber einen völlig andern Charakter hatte als die bisherigen. Es war eine Unterhaltungssendung, sie kreiste um Udo Jürgens. Das Gespräch war gut, die Quote erholte sich leicht. Bald darauf aber veranstaltet auch "Beckmann" plötzlich dieselbe Euro-Rettungs-Sendung wie alle anderen Talks - mit "Mister Dax" Dirk Müller, Theo Waigel und Philipp Rösler. Gelohnt hat es sich nicht. Minimal mehr als eine Million Zuschauer ergaben einen Marktanteil von 8,0 Prozent.

Das Traumschiff war der Untergang

Als die ARD-Intendanten berieten, ob "Beckmann" zurück auf den Montag verlegt werden sollte, lobten sie diesen Talk wegen seiner Inhalte. Auch ARD-Chefredakteur Thomas Baumann entgegnet dem Vorwurf, die ARD-Talks würden verwässern, mit dem Hinweis auf eine "Beckmann"-Sendung. Am 20. Oktober habe er sofort auf den Tod Gaddafis reagiert. Das stimmt - und das war auch eine gute Entscheidung. Aber kann man das von einer öffentlich-rechtlichen "politischen Gesprächsendung" nicht auch erwarten? Oder müssen schon Lobeshymnen angestimmt werden, wenn außer Burnout, "Altern in Würde" und Trunksucht auch einmal tatsächlich politische Themen verhandelt werden? Die Unsicherheit bei "Beckmann" aber setzte sich fort.

Einmal sollte es so richtig brummen - ein Quotenbringer musste her. Das Traumschiff des ZDF - so spekulierten die Talk-Produzenten - lockt doch immer viele, viele Millionen Zuschauer. Da kann doch ein Talk zum Traumschiff-Jubiläum nicht schief gehen. Und ob! Die Millionen ZDF-Fans wollen nämlich schöne Strände, leichten Liebeshändel und immer ein Happy End sehen, aber kein endloses Gequatsche alter Männer darüber, wie der Dreh vor fünfzehn Jahren war und wie Jutta Speidel einmal nicht mehr an Bord kam. Obwohl Harald Schmidt und "Traumschiff"-Produzent Wolfgang Rademann mit Reinhold Beckmann plauschten, war es inhaltlich öde und ein Quotendesaster (5,7 Prozent Marktanteil) noch dazu.

Was tun?

Beckmann muss eigentlich wieder neu anfangen. Am Besten knüpft er wieder da an, wo er im Sommer aufgehört hat. Im letzten Halbjahr auf dem alten Sendeplatz am Montag war die Sendung auf einem guten Weg. In diese Spur muss sie wieder zurückfinden. Alle Hektik, alle Sendungen, die nur nach offenkundiger Quotenspekulation zusammengestöpselt sind, helfen jetzt nicht weiter. Beckmann ist weitgehend schuldlos in eine missliche Lage gebracht worden - er darf sie jetzt nicht durch konzeptionsloses Hin und Her noch verschlimmern. Er kann nur hoffen und durchhalten - bis eines Tages doch so entschieden wird wie es vernünftig wäre und es zum General-Revirement der Talkshow-Offensive kommt.


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