HOME

Peter Jackson: Es lebe der König!

Ende des Jahres bringt "Herr der Ringe"-Regisseur Peter Jackson den größten Affenzirkus der Filmgeschichte zurück ins Kino: King Kong. Der stern war am Set in Neuseeland.

Arme Blondinen. Sind immer die Ersten, die von den haarigen, alten Kerlen rausgepickt werden. Heute Nacht muss wohl wieder eine dran glauben. Es ist empfindlich kühl am Berghang, durch die Kiefern linst ein bleicher Mond, im Schein der Fackeln glänzen bleicher noch die Totenschädel auf den Speeren. Überall ragen Speere auf entlang der Pfade in dieser labyrinthischen Festung, die seit Jahrzehnten verfällt und verfault.

Ihr Herzstück ist ein mächtiges Tor aus Holz, steil zwischen die hier versammelten Menschen und die Dunkelheit gerammt. Die Leute tanzen, ihre Füße stampfen einen uralten Rhythmus, ihr Gebrüll - "Kong! Kong!" - könnte Tote und Schlimmeres wecken. Ein heftiger Regen kommt auf. Fackeln zischen. Und dann teilt sich die Menge plötzlich, und es wird still. Und da steht sie, die Blondine, hängt vielmehr in den Armen ihrer Widersacher, zitternd vor Angst und Kälte, betäubt von dem Geschrei um sie herum und wie geblitzt von der Ahnung ihres Untergangs.

"Danke, Naomi,

das war sehr schön", unterbricht eine freundliche Männerstimme den Opfergang. Der Regen aus den Wasserkanonen hört schlagartig auf, und aus allen Ecken der sorgfältig in Gammelbraun bemalten Styroporfestung huschen junge Leute in Daunenjacken herbei, die Decken bringen für die erleichtert scherzende Dorfgemeinde. Die Blondine wird wie ein Püppchen in Wolle eingeschlagen. Sie bekommt heißen Tee eingeflößt. Ein paar Martyrien hat sie heute Nacht noch vor sich, immer das Gleiche: Schwarze Männer zerren und binden sie an einen Pfahl, wo sie hilflos ihr Schicksal erwartet, das zu diesem Zeitpunkt noch hinter dem Tor lauert. Und sich vermutlich laust.

Es ist nicht der subtilste aller Kinomythen, der in den vergangenen Monaten an der üppig grünen Südspitze von Neuseelands Nordinsel wiederbelebt wurde. "King Kong", das ist das Märchen vom Affen und der weißen Frau, von der ungezähmten Natur und der großen Stadt, von der guten Seele im aggressiven Pelz. 1933 erschien der monströse Menschenaffe zum ersten Mal auf der Leinwand: Er krallte sich die ihm zur Besänftigung dargebotene Blondine, wurde gefangen und nach New York verschifft, kletterte aufs noch junge Empire State Building und wurde von Flugzeugen abgeschossen. Abspann.

Fay Wray, die damals als kreischende Opfergabe weltberühmt wurde, erzählte gern, dass sie, als man ihr einen hochgewachsenen, dunkelhaarigen Leinwandpartner ankündigte, gehofft hatte, es handle sich um Cary Grant. Aber nein: Es war sozusagen die Ur-, die Backform künftiger Actionhelden - ein grunzender Kraftmeier, vergessen von der Evolution, Schrecken der Zivilisation. Ein 15 Meter hohes Monster, das den neunjährigen Zuschauer Peter Jackson in einen heute millionenschweren, "Oscar"-ausgezeichneten Filmemacher verwandelte. Ohne "King Kong", sagt der Mann, der in Hollywood als Genie und in seiner Heimat Neuseeland als Nationalheld gefeiert wird, wäre er nie auf die Idee gekommen, Regisseur zu werden - gäb's also keine "Herr der Ringe"-Trilogie und keinen Wirtschaftsboom in Wellington.

Auf der Halbinsel Miramar, gegenüber von Wellingtons Hafen, begannen im September vergangenen Jahres die sieben Monate dauernden Dreharbeiten zu Jacksons 150-Millionen-Dollar-Produktion. Vollständig an den 3500 Rechnern der örtlichen Trickwerkstatt Weta entstanden, wurde der King selbst von seinen engsten Mitarbeitern nie am Set gesichtet. Die blonde australische Beauty Naomi Watts, um die Kong sein Affentheater veranstaltet, musste hauptsächlich vor Blue-Screen-Leinwänden kreischen. Spezialeffekte-Chef Joe Letteri sagt, dass er für "King Kong" so viele computergenerierte Szenen schaffen muss wie für alle drei "Ringe"-Folgen zusammen. Auch das New York der dreißiger Jahre ist bloß Software aus den Weta-Computern; allemal billiger als Drehen vor Ort samt Straßensperren und Komparsen und zeitgenössischen Automobilen.

Weta, benannt nach einer einheimischen, ziemlich hässlichen Heuschrecke, ist das Herz von Jacksons Imperium. In einem Wohngebiet von Wellington gelegen, verbirgt sich in den schmucklosen Hallen nicht nur die größte Ansammlung von Computern der südlichen Hemisphäre, sondern auch die Geburtsstätte von Ork-Armeen und Disney-Helden (das Hollywood-Studio lässt seine neue Mammutproduktion "Narnia" hier ausstatten). Für "King Kong" wurden beispielsweise 280 Plastikbäume gebaut, die auf Knopfdruck mit den Zweigen wedeln, weil Meister Jackson zeigen will, wie Wind über sein düsteres Eiland raschelt, das in Studio K entsteht. Alles muss perfekt sein - kein Wunder, dass Kongs Väter sich noch nicht richtig einig sind, wie ihr Bursche nun aussehen soll.

Allein die Augenfarbe! Und die Wülste über den Brauen - mehr wie ein echter Gorilla oder eher Russell Crowe? Die Haare im Gesicht - schwarz oder ein Jack-Nicholson-Salz-und-Pfeffer? Als vor einigen Wochen, nach Monaten der Geheimnistuerei, in Werbespots erstmals Kongs Visage auftauchte, war jedenfalls eines klar: Dieses Männchen hat seine Alpha-Zeiten hinter sich. "Ein alter Kerl", sagt Jackson. "Ein müder Krieger. Hat nie einen Funken Mitgefühl für ein anderes lebendes Wesen empfunden. Vielleicht will er gar nicht mehr kämpfen. Aber er kommt nicht zur Ruhe. Ein gebrochener Held, verstehen Sie? Fast ein Sozialfall."

Jackson steht in seiner Styropor-Festung, vor ein paar Totenschädeln. Der 43-jährige Superstar trägt ein gelbrot gestreiftes Hemd mit Flecken auf der Brust, seine dunklen Haare stehen wolkig vom Kopf. Ein Abenteuer will er erzählen, "altmodisch wie die Filme, die ich als Kind gesehen habe. Wo Tarzan gegen Saurier kämpfte... Klinge ich wie ein alter Sack? Heutzutage ist alles "postmodern" und "postapokalyptisch", das interessiert mich nicht. Ich will zurück zu Inseln, auf denen Monster und hysterische Eingeborene leben!"

Im Dezember wird "King Kong" in die Kinos kommen. Ist die Welt bis dahin reif für Jacksons Insel? Naomi Watts glaubt fest an die Anziehungskraft des Animalischen. "Kong ist so mächtig und männlich", spricht die Blondine. "Schätzen wir das nicht alle an einem Mann?"

Christine Kruttschnitt / print