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"Contagion" im Kino: Spannende Quarantäne auf der Leinwand

Der Thriller "Contagion" zeigt die Panik nach Ausbruch einer weltweiten Infektionswelle. In der beklemmend realitätsnahen Darstellung brillieren viele Stars: Gwyneth Paltrow, Matt Damon, Laurence Fishburne, Kate Winslet, Marion Cotillard und Jude Law.

Seuchen sind im Katastrophenkino kein seltenes Thema. Aber anders als frühere Filme dieses Genres, die wie beispielsweise "28 Tage später" vor allem auf mörderische Bestien oder andere Grusel-Effekte setzen, inszeniert der US-Regisseur Steven Soderbergh ("Ocean's Eleven", "Erin Brockovich") den Thriller "Contagion" mit großer Wirklichkeitsnähe - und umso eindrucksvoller.

Temporeich gegeneinander geschnittene Erzählstränge schildern Tag für Tag den Verlauf einer todbringenden Pandemie, also einer Infektionswelle, die explosionsartig gleich mehrere Kontinente überrollt. Die Stärke dieses Science-Fiction-Films liegt in der fast dokumentarischen Darstellung der Virus-Verbreitung. Selbst drastische Szenen der Qual - die Menschen gehen unter Krämpfen und mit Schaum vorm Mund elendig zugrunde - wirken oft so, als würde die Kamera mit den Blicken der Ärzte nach einer Diagnose suchen. Durch die eher sachliche Inszenierung der Epidemie kann man sich gelegentlich schon mal vor eine Nachrichtensendung im Fernsehen versetzt fühlen. Auch die Geschichte dürfte einige Zuschauer an Medienbilder der jüngsten Vergangenheit erinnern, als Krankheitserreger wie H1N1, BSE oder SARS Anlass zu Sorge gaben.

Staraufgebot auf fiebriger Suche

MEV-1 - so heißt das Virus, das in diesem Drama viele Millionen Opfer fordert. Im Mittelpunkt des Films steht denn auch die Angst vor der Ansteckung, auf Englisch: "Contagion". Besonders in den Ballungszentren. So benennt der Film mit den Städtenamen immer auch deren Einwohnerzahlen. Eigentlich eine simple Information, hier jedoch eine präzise Ziffer für das Ausmaß der Bedrohung - in Zeiten der Pandemie kann jeder menschliche Kontakt zum tödlichen Verhängnis werden.

Der Film beginnt an Tag zwei der Epidemie. Beth Emhoff (Gwyneth Paltrow) kommt mit Grippe-Symptomen von einer Hongkong-Reise nach Hause zu ihrer Familie in Minneapolis zurück. Hilflos muss ihr Mann Mitch (Matt Damon) dabei zusehen, wie kurz darauf erst sie, dann ihr Sohn Clark an einem Virusinfekt sterben. Der Tod von Mutter und Sohn wird schnell Thema auf höchster Ebene aller Institutionen. Denn der Erreger, durch den sie ums Leben gekommen sind, gerät außer Kontrolle.

Was geschah an Tag eins der Epidemie? Wo kommt der Erreger her? Diesen Fragen gehen die Teams um den Seuchenbekämpfer Dr. Ellis Cheever (Laurence Fishburne) und die Ärztin Dr. Erin Mears (Kate Winslet) nach. Die Wissenschaftler ermitteln mit fiebriger Hetze, wo der Ursprung der Infektionswelle liegen könnte, um einen Impfstoff gegen das Virus zu finden.

Stille der Quarantäne

Sie kooperieren dabei mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf, für die sich Dr. Leonora Orantes (Marion Cotillard) auf die Suche nach der Virus-Quelle begibt. Den kritischen Kommentar zum Vorgehen der offiziellen Akteure liefert der Blogger Alan (Jude Law). Seine Rolle entspricht fast der eines antiken Chores: Er stellt die Verbindung zur Masse der Betroffenen her, zu ihren Ängsten und Nöten.

Der Schrecken entsteht hier ganz beiläufig. Je stärker staatlich vorgegebene Quarantäne-Regeln in den Alltag der Bürger eingreifen, desto lautloser wird es an öffentlichen Plätzen. In einer beklemmenden Sequenz von Stillleben zeigt der Thriller eine Reihe menschenleerer Orte: Flughäfen, Wartesäle, Fitness-Studios.

So entstehen plötzlich rechtsfreie Räume. Supermärkte werden geplündert. Und dann beobachtet Mitch gar, wie im Nachbarhaus Schüsse fallen und sich zwei Einbrecher - vermutlich auf der Suche nach Lebensmitteln - mit ihren Gewehren davon machen. In der Notruf-Zentrale erreicht er nur noch einen Anrufbeantworter.

Die Tragödie in "Contagion" geht unter die Haut. Wenn man den Kinosaal Richtung Toiletten verlässt, kommt man nicht umhin, die Desinfektionsmittel-Spender am Waschbecken mit anderen Augen zu betrachten. Denn zu Beginn des Jahres waren sie noch gut gefüllt: zur Zeit der EHEC-Epidemie.

Von Franziska Bossy/DPA / DPA