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Daniel Richter: "Viel Denken, viel Malen!"

Seinen Studenten predigt er die Tat, und die sollten ihm wohl gut zuhören. Denn der Mann hat eine höchst lukrative Karriere hingelegt - vom Punk-Musiker und Hausbesetzer zum Popstar unter Deutschlands Künstlern. Ein Atelier-Besuch bei Daniel Richter.

Von Jochen Siemens

Ob er jetzt mal etwas malen könnte? Da an dem Bild, nur so ein paar Striche, damit man sehen kann, wie er das macht? Nee, sagt Daniel Richter, kann er nicht. Nicht mal eben fünf oder zehn Minuten. Macht er nie, so malt man nicht. Zumindest er nicht. Das noch nicht fertige Bild ist natürlich groß, Richter malt fast immer groß, zwei mal drei Meter mindestens. Man sieht eine kleine, irgendwie grob umrissene Eros-Center-Hütte mit blauen Schaufenstern, in denen zwei Frauen sitzen. Und man sieht die Konturen eines Vogels. Auf der Straße sitzt ein Mann - oder vielmehr wird später ein Mann sitzen, mit einem Laptop auf den Knien und einem schlauchartigen Etwas zwischen den Beinen; könnte der Penis sein. Ist so ein typisches Richter-Bild: mit der Schaufel erst einmal Farben auf die Leinwand und dann mit dem Pinsel die Feinheiten darauf. Aus dem Schriftzug Eros hat er schon Heros gemacht, aber das "o" könnte auch ein "p" sein, und dann stünde da "Herpes" oder so, Richter weiß es noch nicht genau. Und wenn er vor dem Bild steht und einem alle diese Andeutungen erklärt, dann fängt er doch an zu malen, im Kopf jedenfalls. "Malen", hat Richter einmal gesagt, "heißt denken", und das macht er jetzt gerade.

Den Pinsel wird er nicht in die Hand nehmen. Es ist ein Nachmittag in Berlin-Mitte, und wir sind in seinem Atelier: ein Hinterhof, eine quietschende Tür und dahinter Daniel Richter, der eine eigenartig graue, dicke Grillschürze mit Farbflecken trägt. Irgendwann ist mal eine Delegation der Deutschen Bank hierhergekommen, da war Rolf Breuer noch im Aufsichtsrat, und die Herren standen alle in ihren feinen Anzügen zwischen Richters Bildern herum. Der trug Schürze. Hätte sich nur einer der Herren zwischen den farbfeuchten Bildern falsch bewegt, ein schöner Schiss Vanadiumgelb oder Kobaltviolett wäre für immer am teuren Anzugstoff geblieben. Ein Bild, das Daniel Richter noch heute gefällt: Das Großkapital kommt in sein Atelier, könnte sich die Garderobe versauen und, ja, bewundert Richter.

Großkapital im Atelier des ehemaligen Hausbesetzers

Der Breuer, sagt Richter, habe ihn überrascht, der kannte sich aus in der modernen Oper. Und der Breuer in seinem hellblauen Hemd mit weißem Stegkragen wird von diesem Richter beeindruckt gewesen sein. Junge, Junge, wird er gedacht haben, kommt vom Land, war mal Hausbesetzer, produzierte in schrammeligen Hinterhöfen Punk-Musik und malt heute Bilder, die auf Kunstauktionen für eine halbe Million weggehen. So etwas mögen die Leute aus der Geldwelt - malt da einer eine Leinwand voll, die dann, kaum ist sie aus dem Atelier, abgeht wie eine Aktie. Dass der Mann da seine linksautonome Gedankenwelt zu Bildern verarbeitet, dass er mit Pinsel, Spachtel und Mussini-Farben den fast vergessenen Barmbeker Arbeiteraufstand, den Mauerfall oder das freudlose mittelständische Taumeln vor einer Eros-Spelunke zum Thema macht, dass er die "Welt so malt, wie sie ihm missfällt" ("Süddeutsche Zeitung"), finden sie sogar irgendwie sexy.

Daniel Richter wiederum sagt: "Ich bin jetzt mal die Beatles." Um Richters Werke und ihren Erfolg zu verstehen, braucht man ihn, den Maler, eigentlich immer dazu. Muss ihn hören, wie er sich schelmisch über den deutschen Museumsbau beklagt, weil er in kaum einem Haus seine großen Bilder so hängen kann, wie er sie im Kopf hat. Nein, nicht in einer Reihe, um dann mit einem Weinglas in der Hand daran entlangzuspazieren, sondern besser gegenüberhängend, verschachtelt, wie ein Labyrinth aus großen, sich brechenden Bildwellen. Und man muss ihn dazwischen erleben - groß, mit einer markanten Nase und einer Art zu sprechen, die manche arrogant nennen, andere selbstbewusst und die Deutsche-Bank-Männer sicher charaktervoll.

"Ich bin jetzt mal die Beatles"

Neben dem Leipziger Neo Rauch und Jonathan Meese aus Hamburg ist Daniel Richter der größte Popstar der deutschen Maler. Kein unpolitischer wortkarger Geheimniskrämer, sondern ein handfester Radikalinski, dessen Malerei einem sein Denken aufzwingt. Richters Bilder sind brüllende Statements. Und wenn man ihm sagt, mit einem Richter-Bild in einer Wohnung zu leben wäre so, als hätte man Che Guevara oder den flammenden venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez als Untermieter, dann lächelt Richter und überlegt, wie er das findet. Ein Kompliment, weil der politische Richter verstanden wird? Ja. Kein Kompliment, weil der Maler Richter ja auch verkaufen will? Auch ja. Und genau in dieser schwankenden Balance zwischen Kunst und Kommerz lebt der Künstler Richter. Wenn so ein Maler in der weltweiten Kunst einen solchen Erfolg hat und Auktionshäuser wie Christie's schon anfragen, ob er nicht ein wenig schneller und mehr malen könne, freut sich auch die deutsche Kunstkritik. Nun endlich wird gedruckt, was man sich sonst nur auf Vernissagen zuflüstert, nun endlich dürfen sie ausholen und werden gelesen. Hören wir mal rein: "Es geht also um das Schichten und Anhäufen von Chiffren des Gesellschaftlichen im Pigment, um das paranoide Glühen der Hoffnung, letzten Endes: um Malerei", erkennt zum Beispiel der Kritiker der "Süddeutschen Zeitung".

Richter ist amüsiert, wenn er so etwas liest. Er mag es, wenn sich andere viele Wörter suchen für das, was er mit dem Pinsel macht. Er selbst erklärt Motive und Vorlagen schlichter: "Ich bin als kleiner Junge immer nachts in den Wald geschlichen und habe Menschen beobachtet, also meist nur ihre Umrisse, war ja nicht so hell." Deshalb findet man auf seinen Bildern heute immer noch viel Wald, Parks und Lichtungen, sie waren die Bühnen seiner ersten Erlebnisse.

Sozialisiert im Anarcho-Disneyland Hafenstraße

Richter ist 1962 im schleswig-holsteinischen Eutin geboren. Nach der Schule ging er nach Hamburg, tauchte ein in eine politisierte Jugendkultur und war, wie er sagt, "recht aktiv in der Autonomen-Szene". Im berühmten Anarcho-Disneyland Hafenstraße wohnte er jedoch entgegen vielen Legenden nicht, "die waren mir zu selbstautoritär". Richter, der Freigeist, trieb sich herum und wollte "die Macht übernehmen, was ein ziemlich blöder Gedanke war", und vielleicht wäre aus ihm nicht viel mehr geworden als ein links denkender Besserwisser, hätte der Malerei-Professor Werner Büttner ihn Anfang der 90er Jahre nicht an der Hamburger Kunsthochschule angenommen. Richter fing an, Kunstgeschichte zu saufen. Punk und Caravaggio, Anarchie und Antike, sein Hirn goss sich bis zum Rand voll mit Stilgeschichte, Freskentechnik und Pablo Picassos frühen und späten Phasen. "Und nun mach was draus. Mal!", hat ihm Büttner gesagt. Ein Imperativ, den Richter, der heute auch an der Wiener Kunstakademie als Dozent tätig ist, seinen Studenten weitergibt. "Viel denken, viel malen!" So wie er, Daniel Richter!

Nee, er nimmt jetzt trotzdem nicht den Pinsel, das kann er nur, wenn der ganze Tag dafür da ist, das muss sich in ihm aufbauen, aufstapeln und aufbäumen. Und er muss Impulse finden. Auf dem Tisch in seinem Atelier liegt ein zerknittertes Foto des Eros-Shops, den er als Grundlage auf die Leinwand gemalt hat. Und für sein berühmtes Bild "Phienox" (2000), über das die Kritik jubelte, es sei das Bild zum Mauerfall, nutzte Richter in Wahrheit ein Zeitungsfoto des Attentats auf die amerikanische Botschaft in Nairobi 1998. So verweben sich auf seinen Bildern Fundstücke aus der Gegenwart mit Anspielungen und Zitaten und dazu Prisen Francisco de Goya, Edouard Manet, Pierre Bonnard oder Otto Dix. Das Wort "gemalte Kunst" ergibt bei Richter doppelten Sinn.

Seine Bilder sind so teuer wie Eigentumswohnungen in Berlin-Mitte

Ein paar Jahre malte er so vor sich hin, verkaufte ein paar Bilder, machte Ausstellungen; ein deutscher Künstler eben. Manche im Markt sagten "Geheimtipp", andere urteilten: "ein Kind der alten Wilden". Doch dann, irgendwann 2003, geht's plötzlich ab. Richter sagt noch heute, dass er völlig überrascht war. Sein Bild "Gedion" wird für 206 688 Euro in New York versteigert. Und drei Jahre später pendeln sich die Preise auf dem doppelten Niveau ein: "Süden" bei Christie's für 434 456 Euro, "Über die Toten nichts Schlechtes" bei Sotheby's für 358 173 Euro, "Elvis" für 327 278 Euro und so weiter. Für den Kunstmarkt malen konnte er nicht, der sucht sich seine eigenen Vorlieben, um zu spekulieren. Und Anfang des Jahrtausends gelten die Vorlieben eben den Deutschen. Rauch, Meese, Richter. Irgendwann sind es die jungen Russen oder die Chinesen, wer weiß.

Darling des Kunstmarktes zu sein stört Richter nicht

Dass er nun nicht nur Bilder, sondern eben Aktien malt, schreckt ihn, den Linken, wenig. Marx hat den Kapitalmarkt ja gut erklärt, da wird man nicht sentimental, sondern Realist, sagt er. Einmal, da habe ihn die Kühle der Kapitals schon noch überraschen können. Da wollte Richter von einem Käufer eines seiner Bilder für eine Ausstellung leihen, "aber der Mann hatte es in einem Lagerhaus und wollte es nicht ausleihen. Der wartet nur, dass es teurer wird". Doch der Darling des Kunstkapitals zu sein, das hat Richter mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein aufgenommen. Deshalb haben ihn die Herren von der Deutschen Bank auch beeindruckt, "die sind ja das Kapital, die sind nicht korrumpierbar". Alles andere ist das schon, sagt der Radikalinski. Richter und Breuer, das war auf Augenhöhe, irgendwie.

Er hat seine Grillschürze immer noch an, aber heute wird das nichts mehr mit dem Malen. Obwohl das Bild fertig werden müsste. Das noch und auch noch ein anderes, sie sollen mit in die Hamburger Ausstellung. Dabei hat der Mann, der in Berlin arbeitet und in der Hansestadt lebt, weniger Zeit als früher. Vor sieben Monaten haben Daniel und seine Frau, die Regisseurin und Theatergründerin Angela Richter, einen Sohn bekommen. Das hat das Denken verlagert: "Vergangenheit, Zukunft, Verantwortung - muss ich alles neu ordnen."

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