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Stadtschloss in Berlin: Kein großer Wurf, der Entwurf!

Nun bekommt Berlin tatsächlich wieder sein Stadtschloss. Ein Italiener soll es bauen, aber die Entscheidung ist ein fauler Kompromiss. Den besten Entwurf mochte aus Feigheit niemand aufs Podest heben.

Von Anja Lösel

Sie wollten ein Schloss. Unbedingt. Thierse und Tiefensee und all die anderen Vorsichtigen und Phantasielosen. Deshalb krönten sie heute den Italiener Francesco Stella aus Vicenza mit dem ersten Preis im Wettbewerb um das so genannte Humboldt-Forum, das in Berlin an der Stelle des 1950 gesprengten barocken Stadtschlosses wieder erstehen soll.

Francesco Who? Wer ist das denn? Fragten sich sogar die Architekturkritiker im Publikum. In der Fachwelt ist Franco Stella, wie er selbst sich nennt, weitgehend unbekannt. Zwar hat der wohlhabende Spross einer Industriellenfamilie bereits 65 Jahre auf dem Buckel, aber in Deutschland kennen nur wenige seine Gebäude wie etwa die Messe in Padua oder ein paar Schulen bei Vicenza.

Warum nur bekam gerade er den mit 100.000 Euro dotierten ersten Preis im Architektenwettbewerb? Außen sieht sein Schloss aus wie es vor dem Krieg war: eintönige Fassaden, mehr als hundert Meter lang, langweilig und öde. Sogar die barocke Kuppel will Stella sorgfältig rekonstruieren. Niemand soll erkennen können, dass hier ein kompletter Neubau entsteht.

Innen immerhin ist Stellas neues Schloss ganz anregend. Er erfand einen neuen Durchgang vom Lustgarten aus quer durch das gesamte Gebäude, der Alt und Neu geschickt verbindet und in seiner Formensprache an Florenz oder Venedig erinnert. Hier können Passanten auch noch abends und nachts mitten durch das Gebäude flanieren wie durch eine Passage. Einer der beiden Höfe, der Schlüterhof, wird überdacht und als Museumsraum genutzt. Im Osten, an der Spree, prangt ein "Belvedere", eine verglaste Loggia, die schöne Blicke aufs Wasser und auf den Alexanderplatz erlaubt und möglicherweise einmal die Bibliothek beherbergen wird. "1000 Interpretationen sind möglich", sagt Franco Stella. "Man muss aber doch die Geschichte wiederfinden" und "weiterbauen".

Preußen: ja gern. DDR: nein danke

Die Erinnerung an den geschichtsträchtigen Volkskammersaal, in dem das Ende der DDR beschlossen worden war, hat er allerdings gestrichen. Barock und Preußen: ja gern. DDR: nein danke. Wäre wohl doch zu peinlich gewesen, zuerst den Palast der Republik abzureißen, dann aber Teile davon wieder im Schloss aufzubauen.

Jurorin Gesine Weinmiller aus Berlin lobt trotzdem: "Stellas Entwurf ist raffiniert. Ich werde mich nicht vor meinen Enkeln verstecken müssen, wenn das Gebäude mal steht." Die Nutzung durch Museen, Bibliotheken und die Humboldt-Universität sei zwar "ein bisschen ein Gemischtwarenladen", Stella habe das aber alles "extrem fein" hingekriegt.

Jurypräsident Vittoria Lampugnani hingegen sieht blass und schmal aus, als er das Wettbewerbs-Ergebnis verkündet. Er hätte sich offenere Vorgaben des Bundestags gewünscht, gab er zu, wenn auch das Ergebnis jetzt "sehr schön, sehr stark, sehr mutig" sei. Offenbar war heftig diskutiert und gestritten worden. Am Ende urteilte die Jury zwar einstimmig, aber offenbar sehen viele das Ergebnis als Kompromiss und "kleinsten gemeinsamen Nenner". David Chipperfield, stets ein kluger und mutiger Verfechter der Moderne, hatte sich der versammelten Presse erst gar nicht gestellt.

Der Bundestag hatte 2003 für die historischen Schloss-Fassaden gestimmt und sich eine Kuppel gewünscht. Auch eine moderne wäre möglich gewesen, vergleichbar der von Norman Foster auf dem Reichstag, die sich zu einem der beliebtesten und meistbesuchten Orte in Berlin entwickelt hat. So oder ähnlich hätte die Schlosskuppel auch aussehen können. Chance vertan.

Sympathie der Jury für freche Alternative

Dabei hätte es durchaus Alternativen gegeben. Den Entwurf der Berliner Architekten Kuehn Malvezzi zum Beispiel. Sie hatten sich frech über einige Vorgaben hinweggesetzt - und bekamen deshalb nicht den ersten, aber einen mit 60.000 Euro extrem hoch dotierten "Sonderpreis": deutliches Zeichen für die große Sympathie der Jury.

Nun stehen die beiden Brüder Johannes und Wilfried Kuehn vor ihrem Entwurf und strahlen. Nein traurig sind sie nicht, der Sonderpreis ist eine Riesenanerkennung. Aber Chancen, ja, Chancen hatten sie sich schon ausgerechnet. "Wir hätten das gern gebaut." Leider hätten sie "rein rechtlich keine Chance" gehabt, sagt Gesine Weinmiller.

Schade eigentlich, denn ihre Idee ist bestechend. Die Fassade wollten sie aus Backstein bauen, so wie der allseits geschätzte Baumeister Schinkel es bei vielen seiner Gebäude vorgemacht hat. Darauf sollten die noch erhaltenen Schlossteile und nach und nach auch neue appliziert werden. Denn im Ernst rechnet niemand damit, dass in nur drei Jahren vom Baubeginn 2010 bis zur Fertigstellung 2013 sämtliche Steinmetzarbeiten für die Fassade fertig sein können.

Der Clou des Entwurfs ist aber die negative Kuppel. Sie reckt sich nicht halbkugelförmig in die Höhe, sondern wölbt sich nach Innen. Und bildet so einen aufregenden Eingangs- und Versammlungsraum: die Agora (griechisch: Marktplatz). Weil die Kuppel aus Glas ist, würde sie nachts wie eine Leuchte über dem Humboldt-Forum prangen.

Gesine Weinmiller ist das "zu viel Ironie" und "eine Provokation dem Bauherrn gegenüber". Aber was eigentlich ist gegen ein wenig Ironie beim Bauen zu sagen? Ist ein bierernstes Schloss besser?

Die Diskussion wird jetzt erst beginnen

Die Diskussion wird ohnehin jetzt erst beginnen: Wie genau sehen die Museums- und Bibliotheksräume aus? Wie die Details und die Materialien? Wie die genauen Grundrisse? Dass das Gebäude tatsächlich 2013 fertig sein wird, glaubt kein Mensch. Und viel zu gering ist der Kostenrahmen von 552 Millionen Euro. Von den versprochenen 80 Millionen für die Fassade, die der Förderverein Berliner Schloss seit Jahren verspricht, ist noch nicht einmal ein Zehntel eingesammelt.

Jury-Präsident Vittorio Lampugnani: "Wir haben heute nicht etwas ausgewählt, was wörtlich so gebaut werden soll, sondern etwas, was einen guten, starken Ausgangspunkt bildet."

Nun denn. Die Diskussion ist eröffnet.

Die Wettbewerbs-Entwürfe sind vom 3. bis 21. Dezember ausgestellt im Kronprinzenpalais, Unter den Linden

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