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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: NUR, WENN ER LAUT IST - über Grönemeyer und einen irren Vergleich

Für seine Texte wird Herbert Grönemeyer häufig gelobt. Doch sein Aufruf gegen Rechts brachte ihm nun absurde Vergleiche ein. Micky Beisenherz bricht eine Lanze für den Sänger.

Herbert Grönemeyer

Herbert Grönemeyer hat ja schon viel Unsinn erzählt beziehungsweise gesungen: Der Song "Currywurst" hat aus ernährungspsychologischer Sicht nicht nur im Ruhrgebiet viel Schaden angerichtet. "Kinder an die Macht" ist für jeden, der sich auch nur länger als fünf Minuten in der Kita aufhält, um seinen rotzversandeten Nachwuchs aus der Traube der Peppa-Wutz-Taliban zu zerren, ja nun mal der absolute Blödsinn. Und in "Bochum" habe ich an der Stelle, wo er "Oh, Glück auf!" singt, immer "Afrika" verstanden.

Seit ich denken kann, ist der Ex-Herbie so etwas wie der Bundesmusikpräsident, ja, viele haben sich nach 2002 sogar eine neue Oderflut gewünscht, in der Hoffnung, er würde wieder so einen schönen Soundtrack dazu aufnehmen. Für seine Texte wird er häufig gelobt. Ähnlich wie für "seine Haltung". Das kommt nicht bei allen gut an. Nicht jede Aktion glückt. Wenn der gut situierte Sangeskünstler auf dem Cover der Polokragen-Bravo "GQ" in einem 2000 Euro-Smoking prangt mit einem Button auf dem "Ruhig, Brauner" steht, habe ich meine Zweifel, ob ein AfD-Sympathisant im Dortmunder Norden sich "da abgeholt fühlt".

Herbert Grönemeyer

Herbert Grönemeyer positioniert sich klar gegen Rechts.

DPA

So wenig mich persönlich solche Titelseiten oder hashtaggebundene Domestizierungs-Memes erreichen, so sehr muss ich zugeben, dass mich so ziemlich jedes Interview mit dem Sänger der Person Grönemeyer näher bringt. Das alles ist reflektiert, humorvoll und zeugt von einem überraschend großen Verständnis auch für die Belange der sogenannten "kleinen Leute". Es zeugt durchweg von großer Klarheit und ist sehr differenziert.

Ganz so differenziert ging es bei seiner Rede auf seinem Konzert in Wien nicht zu, aber das muss man auf so einem Konzert nicht erwarten. Sein Aufruf gegen Rechts, als er das Publikum aufforderte, "Keinen Millimeter nach rechts! Keinen einzigen Millimeter nach rechts!" zu rücken, kann man durchaus als leidenschaftlich bezeichnen. Laut. Wie Flugzeuge im Ohr. Oder in einer auf rund 15.000 Menschen angelegten Arena als durchaus normalgröhlige Lautstärke.

Dennoch brachte ihm diese von rechten Trollen im Internet einen Vergleich ein mit Goebbels. Dieser hinkt natürlich. Zum einen war Goebbels ja immer recht klar zu verstehen. Zum anderen bleibt man verwirrt zurück: Wenn die Rechten Grönemeyer jetzt mit Goebbels vergleichen - fanden die die Rede dann gut? Und würde es stimmen - wäre das dann nicht auch eine unverschämte künstlerische Aneignung des Key-Selling-Points von Bernd Höcke, der seit Jahren recht erfolgreich als Imitator des ehemaligen Propagandaministers durch deutsche Bierzelte tourt? (Wenn er nicht gerade Interviews abbricht, weil er sich länger auf die Fragen vorbereiten muss.) Und dabei übrigens in ein Gebrüll verfällt, das für ungefähr 120 Besoffene gar nicht nötig wäre.

Schöne Grüße an Alice Weidel

Höcke ist es dann auch, der bei Twitter etwas Brisantes aufgedeckt haben will: Grönemeyer sei aus dem "bunten Bochum" geflüchtet und wolle "jene belehren, die mit den Konsequenzen seiner politischen Spinnereien leben und mit ihren Steuern alles bezahlen müssen". Dass Grönemeyer neben seinem Wohnsitz London auch seine Steuern in Berlin abführt, vergisst Höcke glatt und gerne. Übrigens wäre es auch durchaus legitim, sich zur politischen Situation in Deutschland zu äußern, obwohl man dort nicht Steuern zahlt. Schöne Grüße an Alice Weidel.

Gut, okay, einen Satz wie "dann liegt es an uns zu diktieren, wie 'ne Gesellschaft auszusehen hat", würde Grönemeyer nach vorherigem dreimal Drüberlesen auf der Bühne womöglich anders formulieren. Dass aber dieselben, die bei dem Wort "diktieren" gleich die große Unterjochung durch die Bessermenschen wittern, zum Beispiel die "Vogelschiss"-Rede von Gauland wiederum für absolut herbeihysterisiert halten, überrascht.

Obwohl. Eigentlich, nein. Man muss bei der Rede nicht heulen vor Ergriffenheit. Noch nicht einmal die Ehrennadel anstecken muss man Grönemeyer. Er ist auch kein Stauffenberg. Was zumindest mir immer Respekt abnötigt ist eine politische Positionierung, die man durchaus als geschäftsschädigend bezeichnen kann.

Herbert Grönemeyer riskiert etwas

Ähnlich wie bei einem Til Schweiger, bei dem man davon ausgehen kann, dass es zwischen "Keinohrhasen"-Publikum und AfD-Sympathisanten eine Schnittmenge gegeben haben dürfte, werden auch nicht wenige noch Grönemeyer-CDs im Schrank stehen haben, die aufgrund der Aussagen der letzten Jahre sicher nicht mehr heiß auf das neue Album sind. Oder den neuen Schweiger-Film.

Ob die Rede das politische Klima in Deutschland in Sachen Wortwahl und Tonfall positiv verändert, da kann man durchaus geteilter Meinung sein. Aber für eine glaubhafte und leidenschaftliche Überzeugung bereit zu sein, weniger Tickets oder Alben zu verkaufen, das ist eine Haltung, die ich respektiere. Ganz im Gegensatz zum kalten, geschäftsmäßigen Rassismus derer, die er angreift.

Von daher: Danke, Herbert!