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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Tschüs. 2017.

Was soll daran gut sein, dass ein Jahr zu Ende geht, fragt sich Micky Beisenherz und blickt noch einmal zurück. Auf die letzten zwölf Monate und das letzte richtig geile Silvester vor einer gefühlten Ewigkeit.

"Elektriker erwürgt sich in selbstgebautem Porno-Raumschiff". Scheint so, als hätte 2017 alles erreicht, was drin war. Okay, gut, Hitler hätte das Raumschiff schon auch mal steuern dürfen, aber man kann ja nicht alles haben.

Ansonsten war es ein... tja, was war's für ein Jahr?
Wie bilanziert man das? Läuft Trump nicht bereits außer Konkurrenz? So wie ein völlig absurder Wettbewerbsbeitrag, den man unmöglich werten kann?

Einige drücken es wie folgt aus: "Verpiss Dich, 2017. Zum biste bald Geschichte." Offensichtlich können auch schlauen Leuten dumme Sätze entfahren. Ich hab nie so ganz begriffen, was für eine Hoffnung dahinter stecken soll, das Jahr zu den Akten legen zu können. Als würden 2018 Terroranschläge, Umweltkatastrophen oder private Dramen ausbleiben, weil 2017 schon so satt auf das Katastrophenkonto eingezahlt hat.

Nein, das Schicksal ist keine Kreditanstalt.

Noch nicht mal ein .

Wobei der in seiner Unberechenbarkeit und der absurd steilen Amplitude den Volten der Welt noch am nächsten kommt. Hätte ich mir von dieser Krypto-Währung vielleicht mal was zulegen sollen? Gut, wenn ich an den Engländer denke, der eine Festplatte mit Bitcoins im Wert von 100 Millionen irgendwo auf einer Mülldeponie liegen hat - es hätte schlimmer kommen können.

Ich bin vierzig. Sollte ich nicht langsam eine Eigentumswohnung besitzen?

2018 muss da was passieren. Von wegen Vorsorge und so. Andererseits: Jetzt kaufen? In Hamburgs Schanze? Lieber warten, bis die Blase platzt! Was vermutlich so realistisch ist wie, dass alle anderen Blasen platzen, in denen wir uns täglich bewegen.

Haben wir uns im politischen Diskurs in diesem Jahr eigentlich irgendwie aufeinander zubewegt? Nicht wirklich, oder? Vielmehr haben sich die durchlässigen Membranen eines jeden Einzelnen zusehends verhärtet, sodass kaum noch etwas durchdringt. Zumindest das wäre für 2018 doch schön: Eine gewisse Durchlässigkeit, was andere Perspektiven und Wirklichkeiten angeht.

Aber im Grunde habe ich auch gerade gar keinen Bock, über dieses Thema groß zu reden.
Es muss ja auch mal gut sein! (Schöner deutscher Satz.)

Lieber lache ich über die . Zuverlässiger Lieferant allerlei Peinlichkeiten - von A. Nahles bis Banales. Und natürlich "Martin! Martin!" Schulz, der sich für den "Spiegel" so nackig gemacht hat, als liefe er im RTL-Abendprogrammm.

Nix dagegen, wenn einer die Hosen runter lässt - man sollte nur selbst der mit der Hand an der Gürtelschnalle bleiben. Aber er bleibt kämpferisch. Nur: Wann sagt ihm einer, dass es vorbei ist? Also, vor allem für ihn. Seit dem Schließen der Wahllokale rennt der arme Mann herum wie einer, der im Luftschutzbunker war und verpasst hat, dass der Krieg zu Ende ist.

Ich wollte erst mit Mike the Chicken anfangen, aber dieser Vergleich wäre unpassend gewesen. Das Hähnchen war seinerzeit ein echter Publikumsmagnet. Mal sehen, mit welcher Mannschaft die Sozen Mitte nächsten Jahres aufwarten.

Oder macht's am Ende doch ? Ein Mann, der innerhalb seiner Partei als äußerst unbeliebt gilt. Ein schöneres Kompliment kann man einem Sozialdemokraten eigentlich nicht machen.

Im Juli dieses Jahres waren seine Umfragewerte auch nicht besonders hoch. Da kreisten hier in die Helikopter und zum zweiten Geburtstag meiner Tochter brannten zur Feier des Tages Kerzen und Autos vorm Haus. Rund ein halbes Jahr nach dem verheerenden G20-Gipfel verkaufen sie in meinem Lieblingsspäti bei Biggi in der Schanze dermaßen viele Feuerwerksartikel, dass es aussieht wie in der Waffenkammer vom IS.

Silvester. Will ich das groß feiern?

Beim Bleigießen kommt doch eigentlich immer raus, dass man im nächsten Jahr ein Alien gebiert. Außerdem ist das ab 2018 eh verboten. Wegen der giftigen Dämpfe. Wer im nächsten Jahr nicht auf die Wachs-Variante ausweichen will, muss das Zeug schon im Darknet bestellen.

Wann war das letzte richtig geile "Silvester"? Das muss so Mitte der '90er gewesen sein, als Alkoholisierung und Beischlafung unumstößliche Gewissheiten waren, man im letzten Drittel auf irgendeiner Matratze aneinander klebte wie die Flasche Eckes Edelkirsch auf dem versilberten Servierteller der elterlichen Hausbar und ein Kater in Raubkatzengröße am nächsten Morgen mit MTV im Hintergrund halbwegs erträglich wurde. Aufwachen war vor 13 Uhr nicht drin - und Abreisen war allemal schöner als den eigenen Keller durchzuwischen.

Je älter Du wirst, desto mehr ist Silvester im Kleinen ein so uneingelöstes Versprechen wie das Jahr, das darauf folgen soll. Bis es irgendwann egal ist und Du Dich dabei erwischst, wie Du zuhause bleibst und Pilawas Silvesterstadl guckst. (Das allerdings ist dann der Punkt, an dem wieder das feste Vorhaben erstarkt, im nächsten Jahr doch wieder zu feiern.) Und überhaupt: Wie sollen Leute auch anständig Silvester feiern, wenn sie es nicht einmal schreiben können.

Silvester 1995 war ein toller Jahrgang. Soviel vorweg: Danach haben viele Eltern in unserer Stadt ihrem Nachwuchs verboten, selbst eine Party auszurichten.

Tja, wie beschreibe ich das jetzt?

Ihr kennt den Film "Project X"?

Diese Nachrichten von verunglückten "Facebook-Parties"?

Okay, anders: Wie hat Ihnen Vietnam gefallen?

Ein partytechnischer Präzendenzfall in Castrop-Rauxel

Jep. Es war schlimm. Jugendliche. Viele Jugendliche. Viele betrunkene Jugendliche, die zum Rauchen aus dem Keller in den verschlammten Garten gegangen sind, und sich dazu die Schuhe an- und ausgezogen haben. Zumindest zwischen 20.17 Uhr und 21.22 Uhr. Danach: Nicht mehr.
So sahen alle Räume des elterlichen Kellers binnen weniger Stunden aus wie ein Festivalgelände am letzten Tag, während der Gastgeber (ich) zwischenzeitlich durch Geschrei aus verheißungsvollem Gefummel in besagten Garten gelockt wurde.

Oben kniete mein Bruder gerade auf dem frisch bedrogten Helge*, um ihm schnell und unbürokratisch die – ich zitiere den am Boden liegend Schreienden - "Dämonen!" aus dem Körper zu prügeln. Der war für seine ca. 23 Kilo aber doch recht wehrhaft. Fanden auch die Sanitäter.

Notarzt. Gebrüll. Anspucken. Polizei. Wer kennt das nicht? Ich, betrunken und schwer versnoopt in den Schuhen der Dame, der ich gerade noch ein wenig Selbstbewusstsein beizuschlafen gedachte, habe das aber auch nur noch periphär mitbekommen. Hui. Das war schön.

Ein kleiner G20 Gipfel nur für besoffene Jugendliche, das "Planspiel Böse". Am 2. Januar waren bereits alle Teppiche aus dem Kellergeschoss gerissen und ein partytechnischer Präzendenzfall in Castrop-Rauxel geschaffen.

Das Milleniumssilvester war dann einfach nur noch langweilig. Alles und alle schon gesehen und gemacht. Das Missverhältnis zwischen Erwartung und Erfüllung war an diesem Abend besonders eklatant. Es gab ja nicht einmal den Millenium Bug. (Eigentlich sollte es uns seit 17 Jahren gar nicht mehr geben!)

Wann habe ich mir das letzte mal Böller gekauft? Keine Ahnung. Raketen? Gute Frage.

Ich bin wirklich kein Grünen-Wähler, aber wie stark muss die Böller-Lobby (tolles Wort!) in Deutschland sein, dass es im Helmpflichtsstaat BRD nach wie vor ernsthaft gestattet ist, Hunderttausenden Besoffenen Feuerwerksartikel (!) in die Hand zu drücken.

Oder jemandem wie dem total bekifften Kumpel, eine Art jugendhafte Version von Thomas Chong, den ich während der Böllerei bat, kurz auf meine Raketen aufzupassen, während ich Bier hole. Wenige Minuten später zurück, musste ich feststellen, dass der Eimer mit dem Feuerwerk leer war. Der Vogel lallte mir mit chinaböllerroten Augen entgegen, dass er annahm, er solle die Raketen für mich abfeuern. Was an keinem Ort dieser Erde Sinn ergibt.

Wo feiere ich Silvester?

Am Brandenburger Tor wurden gerade die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Die Frage muss erlaubt sein, wie sehr Menschen an ihrem Leben hängen, die freiwillig am 31. Dezember bei Nieselregen dorthin pilgern, um Whigfield oder die Lochis zu sehen.

Gern erinnere ich mich an die Party, bei der ich so schlau war, meinen geleasten Neuwagen gegenüber von der Party-Location abzustellen, was nach zwölf bei einem weißen Dach besonders gut kommt. (lesen Sie dazu auch > Schmauchspuren, die).

Das war derselbe Abend, an dem meine damalige Freundin versehentlich einen Böller auf die andere Straßenseite warf. Was ein betrunkener Pole als Angriff auf seine schwangere Frau wertete und sich seinerseits mit einem Flaschenwurf revanchierte. Die Pulle explodierte neben meinem Kopf an der Hauswand. So ein Jahr muss nicht alt sein, um Dein Leben entscheidend zu ändern.

Für manche war es auch das letzte.

2017 war in Sachen Promisterblichkeit ein durchschnittliches Jahr.

Nicht wie 2016, als eine gewaltige Sense über die Welt der Celebrities hinwegfuhr. Im letzten Jahr haben uns die Stars den Gefallen getan, einfach nur zu versterben - bevor unschöne Details über ihr Sexualverhalten sie auf Jahre hinweg kontaminieren konnten.
Spacey, Hoffmann, Stallone und so weiter und so Ford (?).

Schrödingers Prominente: Faktisch noch am Leben und doch irgendwie gestorben.
(Bis sie irgendwann aus der Sexklinik zurückkommen, das autobiographische Buch veröffentlichen und nach einem melgibsonartigen Moratorium zurück in die Spur gelassen werden. Und der ganze Scheiß von vorne los geht.)

Vielleicht aber sehe ich das auch nur falsch und gewichte als der Kunst Zugeneigter den Tod von Bowie, Prince oder George Michael anders. Sollte ich für einen Helmut Kohl nicht fünf Götz Georges bekommen? (Ich hab das nochmal gegoogelt. Fuck, 2016 war WIRKLICH ein schlimmer Jahrgang.)

Der Tod. Ach ja, der Tod. Wenn Du vierzig bist, wird der mehr und mehr zu jemandem, der irgendwann im Bekanntenkreis aufgetaucht ist und von dem du hörst, dass er plötzlich auch schon bei Freunden zuhause war. Alles ganz beschissen.

Mein Facebook-Account verkommt langsam zu einem digitalen Friedhof. Ein Gästebuch vom Hotel Jenseits, in dem die Neuankömmlinge sich eben noch eingetragen haben. Was lehrt uns das?

Leben. Mehr leben.

Und auch, wenn es nach irgendeiner Spendengalalaudatio klingt: Mehr Zeit mit Kindern verbringen. Im besten Falle mit den eigenen. Sie sind oft die Einzigen, die mich WIRKLICH zu überraschen wissen.

Wenn ich in diesem Jahr richtig herzlich gelacht habe, war meistens meine Tochter, mein Neffe, meine Nichte im Spiel.

Um es mal für die Generation Netflix auszudrücken: Ein Kind zu haben ist wie mit einer Serie anzufangen, die immer geiler und herrlich absurder wird - und Du freust Dich schon wie verrückt auf die nächste Staffel.

Wo ich gerade davon rede: Ich muss lernen, mich mehr zu konzentrieren. Das ist ja schlimm!

"Manhunt: Unabomber"! Ich kriege nur die Hälfte mit, weil ich es kaum schaffe, parallel das iPhone aus der Hand zu legen. Und ich Arsch muss das Ganze natürlich auch noch auf Englisch gucken.

Mehr wissen: Auf Radioeins unterhält sich der Kinoexperte leidenschaftlich über das kirgisische Kino und es ist mir kaum möglich, mich castroprauxeliger zu fühlen als in diesem Augenblick.
Was weiß ich denn schon?

Bei Facebook besprechen Menschen die Platten des Jahres. Platten, die ich a) nicht kenne oder b) mir nicht ansatzweise etwas von dem geben, was da wortreich besprochen wird.

Mehr lesen. Ich habe bis heute den Nahost-Konflikt noch nicht umfassend verstanden. Ich sollte mich da dringend informieren. Und sei es nur, um im Internet endlich lautstark mitdiskutieren zu können. (Als hätte Unkenntnis mich bei den letzten 32563 Sachverhalten je davon abgehalten.)

Gut, das Verständnis für manche Dinge werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr aufbringen.

Darts WM. Ernsthaft?

Am Anfang dachte ich, es ginge darum, zu zeigen, wie voll man den Unterarm eines fetten, versoffenen englischen Frührentners kritzeln kann. Bis mir aufgefallen ist, dass da wohl auch noch Pfeile geworfen werden? Und dann ist das auch noch ein Hype? Was kommt als nächstes? Kniffeln gucken auf der Fan-Meile?

In Erikas Eck baue sie demnächst 20 Kameras ein, um die Typen an den Merkur-Spielautomaten live im Eurosport-Player zu zeigen. (Womit deren Anonymität auch wieder gewahrt bliebe).

Da Vincis "Salvator Mundi" ist gerade für 450 Millionen verkauft worden. An den Louvre in Abu Dhabi. Den ich mir weniger als Museum, denn eher als so eine Art Showroom vorstelle. 450 Millionen. Das sind rund zwei Neymars!

Oder vier Ronaldos.

Demnächst kauft sich irgendein verrückter Scheich den HSV und lässt ihn zu seinem Amusement im Vorgarten kicken. Wär auch nicht mehr weiter schlimm. Es ist ohnehin alles so absurd.

Worüber rege ich mich eigentlich auf! Für wen schreibe ich das alles hier. Wissen Sie, wer 2017 in Deutschland die meistgegoogelte Person war?

Donald Trump.

Okay. Dann folgen:

Shirin David.

Und auf 3: Kader Loth.

Was sitze ich eigentlich noch hier und schreibe!

Ich geh nach Hause und mach mir ein Bier auf.

Vorher allerdings kaufe ich mir noch ein Bleigieß-Set. So richtig mit Bleidämpfen.

2017. Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen.