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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier All out of Löw – bringen wir es hinter uns

Micky Beisenherz über Joachim Löw und die DFB-Elf
Joachim Löw muss sich mit heftiger Kritik auseinandersetzen. Da, wo früher alles babyblau war, ist längst alles angegraut.
© Picture Alliance
Die EM geht ins Viertelfinale – und die deutsche Mannschaft ist nicht mehr dabei. Joachim Löw muss sich mit heftiger Kritik auseinandersetzen. Da, wo früher alles babyblau war, ist längst alles angegraut, findet Micky Beisenherz.

Sicher, es ist schon schön, nicht so angespannt aufzuwachen. Aber diese seltsame Leere muss ja auch nicht sein. Die EM geht ins Viertelfinale – und die deutsche Mannschaft ist nicht mehr dabei.

EM und Corona: Die Uefa möchte ihre eigene Mutante züchten

Gut, möchte man sagen, im Vergleich zur WM 2018 ist das Erreichen zumindest einer K.o.-Runde dennoch ein Fortschritt, aber dass Angela Merkel sich bei ihrem Besuch in London gleich von Boris Johnson und der Queen auslachen lassen darf, ist auch nicht so schön. Als coronabesorgter Bürger bin ich seit Dienstagabend ohnehin dafür, das Turnier aus Infektionsschutzgründen umgehend abzubrechen.  

Es ist auch wirklich ein Wahnsinn: Da grassiert seit anderthalb Jahren ein Virus, eine Pandemie legt den Kultur-, Schul- und was weiß ich welchen Betrieb lahm, alle haben gelernt, sich infektionsschützend zu verhalten – und mittendrin knubbeln sich Zehntausende in Fußballstadien, weil die Uefa ihre eigene Mutante züchten will. Das kannst du keinem vermitteln, der nicht in Vereinsbettwäsche schlafen geht.

Der Bedarf an Fußball dürfte bei den meisten Deutschen derzeit ohnehin gedeckt sein. Jogi Löw hat sich verabschiedet, und wir müssen uns eingestehen: Wir haben eine Lüge gelebt. Vielleicht haben wir es auch zu gerne geglaubt, dass man mit dem Campo Bavaria noch einmal den Geist von 2014 reanimieren könnte. Herzogenaurach ist nicht Santo André, die Kröten keine Schlangen – und Thomas Müller nicht, nun ja, Thomas Müller.

Vergleiche zwischen Löw und Merkel

Auch, wenn er nach 2018 gar nicht erst weg war, so fingen wir doch an, unsere Beziehung zum Bundestrainer mit so viel Glauben aufzuladen, als würden wir wieder mit dem Ex zusammen kommen. Und das geht bekanntlich selten gut. Bei diesem Turnier sieht das Coronavirus bedeutend mehr von Europa als die DFB-Elf. Es werden wegen der in etwa gleichen Amtszeit gerne Parallelen gezogen zur Kanzlerin, und wenn man sieht mit welcher stoischen Ruhe Löw die letzten Spiele einfach ausgesessen, ja weggemerkelt hat, dann ist da durchaus was dran.

Während die Kanzlerin noch während der Amtszeit verbale Blumenkränze und wohlmeinende Nachrufe bekommt, muss der ehemalige Bundestrainer sich mit heftiger Kritik auseinandersetzen. Da, wo früher alles babyblau war, ist längst alles angegraut. Nicht wenige glauben, dass der Mann uns einen Titel schuldet: Gewinner des Turniers 2016. In der Tat ein Wettbewerb mit einem sagenhaft miesen Niveau, bei dem die deutsche Mannschaft wohl den besten Kader gestellt hatte.

Kein Vergleich zu dieser Europameisterschaft, die zumindest sportlich wirklich Spaß macht und sehr ansehnliche Spiele bietet. Wenn auch nicht von unserer Mannschaft. Auch in den nächsten Jahren werden Bierbänke beben über die Frage, ob Deutschland trotz oder wegen Löw 2014 Weltmeister geworden ist. Dieser Mann, der offenkundig nie mit einem Plan B in die Spiele gegangen ist und häufig wirkte, als könne man sich verändernde Spielverläufe einfach so nieder starren.

Toni Kroos in Wembley

Zwischen Held und Vollidiot liegt oft nur ein Sekundenbruchteil

Wahr ist: zwischen 2008 und 2016 ist die deutsche Mannschaft immer mindestens bis ins Halbfinale gekommen, und das schafft man nicht mit einem Trainer, dessen Kernkompetenz das Erforschen des eigenen Körpers ist. Das Tolle am Fußball ist, dass es ein Sport ist, bei dem man nur sehr wenige Tore erzielen kann und deshalb jede Spielsituation zur Münzwurf wird. Zwischen Held und Vollidiot liegt oft nur ein Sekundenbruchteil, ein Flügelschlag, eine Stollenspitze.

Hätte Neuer 2014 nicht "Manu, den Libero" gegeben und im Alleingang eine komplette Abwehr ersetzt, dann wäre die deutsche Mannschaft im Achtelfinale gegen Algerien rausgeflogen, sie wären nicht die Helden von Rio gewesen, Belo Horizonte hätte nie stattgefunden (zumindest nicht mit uns) und "unser Jogi" würde längst regelmäßig im SPORT1 Doppelpass sitzen, um sich als Experte für Jobs in Vereinen wie Ingolstadt oder Chemnitz zu empfehlen.

Der Fußball, diese sagenhaft unzuverlässige Geliebte, hat uns immer wieder an sich gezogen, umarmt und weggestoßen. Uns verhöhnt mit den immer gleichen, unbeantworteten Fragen, wie schön es doch hätte sein können. Hätte Thomas Müller am Dienstag doch einfach diesen Konter erfolgreich abgeschlossen. Wir hätten im Elfmeterschießen gewonnen, wie üblich die Engländer verlacht, neuen Schwung gehabt – und wären dann stumpf gegen die Ukrainer rausgeflogen.

Machen wir uns doch nichts vor. Wäre da nicht die vierte Welle – wir hätten überhaupt nichts von dieser EM. Jetzt kommt also der Hoffnungsträger Flick. Alles wird anders. Besser. Unser Hansi. Bis wir im nächsten Jahr in Qatar dann im Viertelfinale ausscheiden und feststellen: Dieser Flick war dann doch noch zu viel DFB und zu wenig Erneuerung.

Und alles muss sich mal wieder ändern. Bierhoff wird’s schon machen.


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