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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Bibi - der Wolf im scharfen Pelz

Bibi singt jetzt? Das ist Micky Beisenherz egal. Er hat ein ganz anderes Problem mit der 24-Jährigen, die das Werbegebläse auf der YouTuba perfekt beherrscht.

Bibi Heinicke

Bibi Heinicke singt jetzt auch. Das ist aber gar nicht so schlimm.

Ich will ehrlich sein: Diese Woche hatte ich keine andere Chance, als über Sänger mit fragwürdiger Gesinnung zu schreiben. Xavier Naidoo hat's ohnehin schon reichlich gekriegt. Immerhin hat jetzt sogar bereits Claudia Roth mahnende Worte an den Eugen Jehovas gerichtet. Was sie schier überfordern musste. Einerseits: mutmaßlicher Nazi. Andererseits: Migrationshintergrund. Ein Dilemma bis zum Synapsenabsturz.

Nebenbei: Was hat die Roth damals eigentlich der von ihr gemanagten Gruppe Ton, Steine, Scherben zu Texten wie "Macht kaputt, was Euch kaputt macht" erzählt? Egal.

Wer noch? Ach, ja. Bibi! Diese YouTuberin, die jetzt ihren ersten Song veröffentlicht und dafür circa 1,9 Millionen Daumen runter kassiert hat. Was mir wirklich ganz egal ist. Wenn überhaupt bedaure ich all die Idioten, die nix Besseres zu tun haben, als ein junges Mädchen im Netz abzusauen.

Wenn Millionen dieser Song gefällt, völlig okay. WapBap klingt ja auch deutlich weniger aluhutig als "Marionetten", und das ist ja auch schon mal schön. Das war mein Gefühl Sonntagmorgen. Sonntagmittag dann erzählt mir meine zehnjährige Nichte, dass ihr ebendiese Bibi in ihrem YouTube-Kanal ein Kokos-Blablabla-Shampoo empfohlen hatte, welches natürlich umgehend gekauft wurde.

Da durchfuhr mich ein Gefühl des Ekels, das mich selbst überrascht hat. Mir war das System ehrlich nie so bewusst. Klar habe ich schon von Y-Titty gehört, Gronkh oder den Lochis. Da werden lustige Musikparodien gemacht, Sketche aufgeführt oder Videospiele gespielt und besprochen.

Haben wir mit 16 so in etwa auch gemacht. Nur, dass es nach dem Abfilmen zum Glück keine Möglichkeit gab, das zu veröffentlichen (vom offenen Kanal Dortmund mal abgesehen). Gab ja noch kein Internet (was für uns mit 16 aus vielerlei Gründen schade war). Zum Glück!

Oder nicht? Meine Eltern könnten jetzt Millionäre sein und der Junge müsste nicht mehr für die Lügenpresse, Asi TV und Systemmedien arbeiten! Ein Jammer! Es ist so dermaßen leicht, Geld zu verdienen. Kinderzimmer sind die neuen Goldminen, und YouTube ist der Stollen.

Bibis Beauty Palace

Marketing gab es immer schon

Normalerweise sollte sich jemand um die 40 gar nicht mit so einer Scheiße befassen. Da ich aber mittlerweile zur Elterngeneration zähle, nehme ich mir das Recht heraus, etwas zu erwähnen, das selbst einen abgezockten Typen wie mich nochmal stutzen lässt, weil es mir so unlauter vorkommt.

Und ja, hier schriebt "der Dschungelautor". Marketing gab es immer schon. Schon in den 80ern hat Rudi Carrell für Verpoorten geworben, der Weihnachtsmann ist rot wegen Coca Cola und im Heidepark Soltau gab es immer einen "Hallo Spencer"-Fanshop. Und doch war es immer so, dass die Werbung die Show unterbrochen hatte.

Jetzt aber IST die Werbung die Show. Und wir reden hier nicht von einer kleinen Sponsorennennung, um das eigene Tun zu finanzieren. Kajalratten wie Sami Slimani, Dagi Bee oder eben "Bibi's Beauty Palace" (man wird bereits dümmer beim ersten lesen, oder?) gaukeln Minderjährigen vor, ihre Freundinnen zu sein (je dilettantischer der Vortrag, desto authentischer), um das Kindergehirn von Shampoo bis zu teuren Uhren mit möglichst vielen Produkten bzw. Wünschen zu harpunieren. Das Ganze wird noch mit ein paar Glückskeksweisheiten und verlogenen "Liebe Dich selbst"- Botschaften garniert und fertig ist die Dauerwerbesendung. Die natürlich nicht als solche deklariert ist.

Das Werbegebläse auf der YouTuba

Das ist ein sehr einträgliches Geschäft, da besagte Protagonisten und ihre Kolleginnen für das Werbegebläse auf der YouTuba prozentual beteiligt werden. Jedes beworbene Produkt, sofern es denn verkauft wird, wirft etwas für den Präsentator ab. Das ist natürlich sehr schön für Bibi und Co. Ich erwähne nicht, was da im Monat zusammenkommt. Das soll hier keine Neiddebatte werden. Und bereits 5 Euro im Monat wären schäbig.

Dieses Geschäftsmodell ist nicht neu. Meine Omma wurde schon in den Neunzigern von Staubsaugervertretern zuhause belagert, die sie psychisch so unter Druck gesetzt haben, bis sie konsumreif war. Dumm für die, dass in dem Moment mein großer Bruder auftauchte, der den beiden Kobolden den schlimmsten Nachmittag ihres Lebens bescherte.

Jetzt quatschen halt Sami und Co. die Teeniehirne weich, bis die Eltern finanziell komplett ausgeblutet sind. Als wären die Jahre mit der Quengelware an der Supermarktkasse oder Pokemon-Karten nicht hart genug gewesen, stehen schon die nächsten Taschengeldeintreiber auf der Matte, nur dass sie jetzt "Influencer" heißen. Was ja schon irgendwie nach Seuche klingt.

Meine Bibi hieß damals noch Blocksberg

"Ja! Da sind die Eltern doch selber schuld, wenn sie ihre Kinder stundenlang vor Youtube hängen lassen!" Schlaue Einwürfe von Menschen, die gern in die Lebensferne schweifen. Versuch mal, eine Zehnjährige komplett von YouTube und Co. fernzuhalten. Viel Glück, Du Genie.

"Werbung gab's immer schon. Get over it!" Stimmt. Ist richtig. Aber wenn ein Pick Up im Dschungelcamp oder Mascara bei GNTM auftaucht, dann geschieht das immer noch vor den Augen vergleichsweise mündiger Bürger.

Meine Bibi hieß damals noch Blocksberg, und ich kann mich nicht erinnern, dass Kermit oder Grobi mir als Kröte während der Sesamstraße ein Armband oder Lippenstift verkaufen wollten. Okay, Schlemihl. Ein E. Aber das zählt nicht. Selbst der Li-La-Launebär empfahl nie ein bestimmtes Müsli - und DER war schon bei RTL!

Was bietet Bibi?

Klar, He-Man-Kassetten waren letztlich auch nur ein Vehikel, immer neue Spielzeuge in der Story zu etablieren. Und ja, die Fußballbilder in den Hanuta-Tafeln oder unter den Fanta-Deckeln waren auch irgendwie Abzocke. Allerdings hat man für das Taschengeld wenigstens noch eine echte Chance gekriegt, sich die Zähne zu ruinieren! Was bietet Bibi? Außer falscher Freundschaft?

Was jetzt passiert, ist der umgekehrte Enkeltrick. Und das jeden Tag tausendfach. Hier versucht der Wolf, den Kleinen sogar noch den Schafspelz gleich mit zu verkaufen. Das gibt mir tatsächlich nochmal ein unschönes Gefühl im Magen. Und das nach Fifa, IOC oder United Airlines.

Ich wünsche den Slimanis und ihrer digitalen Drückerkolonne, dass sie in ein paar Jahren mit Epigonen behelligt werden, die ihre eigenen Kinder mit noch größerer Kaltschnäuzigkeit und Turbohütchenspielerei abziehen.

"Du bist doch nur neidisch auf ihre vielen Abonnenten!" Natürlich bin ich das. Ehrlich: Das am wenigsten Schlimme an Bibi ist ihr Song. Und das will 'ne Menge heißen.