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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Schöne alte Welt

Es hat schon was, dieses Leben im Global Village, mit neuer Technik und neuem Tempo und ganz viel Information. Aber früher war’s auch nett.

Von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz

Das Jahr 2020 hatte keinen besonders erhebenden Start. Was eigentlich eine Unverschämtheit ist. Noch an Silvester standen wir alle mit Sekt auf dem Balkon und wünschten uns ein frohes neues Jahr.

Es hat nicht auf uns gehört. Früher hätten wir das womöglich gar nicht so schnell gemerkt. Aber jetzt, da jeder Winkel der Welt via Twitter oder Facebook ausgeleuchtet wird, ist an eine gnadenvolle Informationsunterdeckung kaum noch zu denken.

Das war schon sehr angenehm überschaubar damals, sagen wir mal 1988. Da war ich elf. Es gab Deutschland, im Urlaubsfalle vielleicht noch Spanien, Italien oder Frankreich. Dann noch die Amerikaner und die Russen. Irgendwo Asien. Und Afrika. Aber eigentlich immer nur dann, wenn irgendwelche Popstars für hungernde Kinder ein Video drehten.

Die Welt war eine Kommode mit nur einer Handvoll Schubladen. Und das Fernsehen hatte traditionell drei Programme, aus denen man gerade in einem Akt beispielloser Kühnheit fünf gemacht hatte. Es war: übersichtlich.

Hochzeit. Kinder. Haus. Auto. Alles nicht billig, aber langfristig abzahlbar.

Es war einfach klar. Man hatte Orientierung. Und für den Rest gab es Dénes Törzs, den netten Onkel, der uns in gewagten Strickjacken durchs Programm führte.

Ein Leben wie auf Netflix

Heute gleicht das Leben –speziell in den Großstädten – dem trostlosen Herumoptionieren auf Netflix. Ein überlebensgroßes Angebot aus Serien und Filmen lässt dich unschlüssig wieder und wieder über die Benutzeroberfläche streifen, sechsmal irgendwelche Dinge kurzfristig anklicken und nach zehn Minuten gelangweilt wieder abstellen.

Kaum hast du eine Lieblingsserie, wird die plötzlich wieder eingestellt. Früher kam achtmal im Jahr "Wetten, dass..?" Und im Sommer nix.

Was aber nicht schlimm war, denn im Sommer waren wir drei Wochen im Jahresurlaub – damit sich Papa von einem Job erholen konnte, den er 45 Jahre lang machte.

Heute haben wir bis zum offiziellen Rentenalter vermutlich 20 "feste" Jobs und müssen 15 Jahre nach dem offiziellen Renteneintritt noch bei Mc-Donald's an der Kasse arbeiten. Wo wir mit einem Bus hinkommen, über dessen Fahrer wir uns nicht mehr ärgern können – weil es keinen Fahrer mehr gibt.

Die Bäcker verschwinden, die Einzelhändler und auch diese Wurstverkäuferin mit der kleinen goldenen Uhr, die den Unterarm langsam von der Hand abzutrennen droht.

Selbst Hoeneß ist weg

Kein Wunder, dass der Wunsch nach Orientierung und Halt so groß ist. Doch, selbst Substitute wie Schalke oder der FC Bayern haben mit Assauer oder Hoeneß ihre "religiösen Führer" verloren. Stattdessen regulieren dort austauschbare Figuren den Personalzufluss.

Von politischer Stabilität ganz zu schweigen. Auf dem Affenfelsen gewinnt der lauteste, und wer zuerst den Knopf drückt, gewinnt. Es ist das Ende der Verlässlichkeit.

Das kann einen verängstigen. Es kann aber auch befreien. Wer keine Sicherheiten geschaffen hat, der kann auch nichts verlieren.

Möglicherweise erzieht uns all das dazu, den Moment mehr zu genießen. Der Tanz auf der Rasierklinge ist immerhin eine lustvolle Bewegung - das sollte man bedenken, wenn einem gerade mal wieder nach Weltuntergang ist.

Dénes Törzs will ich trotzdem zurück.

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