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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Thomas Berthold – ein Typ wie ein Kokosölgemälde. Eine Stilkritik

Thomas Berthold
Fußball-Weltmeister Thomas Berthold hat am Samstag auf der Kundgebung der Initiative "Querdenken 711" in Stuttgart gesprochen, die sich gegen die Corona-Maßnahmen richtet.
© Sebastian Gollnow / DPA
Fußball-Weltmeister Thomas Berthold hat sich stets für gewagte Welterklärungsmodelle interessiert. So ist der Auftritt vom "Roy Black des Außenrists" auf der Querdenkerdemo in Stuttgart gar nicht so verwunderlich.

Was soll man über jemanden sagen, der es fertig gebracht hat, als Spieler in einer Saison gleich fünfmal mit Rot vom Platz zu fliegen und generell zu der Kategorie Mensch gehört, die fragwürdiges Sozialverhalten stets subsumieren unter "ich bin immer zu ehrlich gewesen".

Vielleicht aber auch ist jemand, der schon damals komplett isoliert von der Mannschaft war und mit viel Abstand über Monate hinweg allein auf der Tribüne gesessen hat, eben doch ein ziemlich guter Experte für Infektionsschutz.

Dass er vor Jahrzehnten mal unter "Lieblingsfachbuch" den Schwurbelschmöker "Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert" des antisemitischen Bestsellerautoren (seufz) Jan van Helsing angegeben hatte - geschenkt. Diese geschmackliche Klatsche allerdings legt den Schluss nahe, dass der Mann sich stets für gewagte Welterklärungsmodelle interessiert hatte.

So ist der Auftritt vom "Roy Black des Außenrists", Thomas Berthold, auf der Querdenkerdemo in Stuttgart am Wochenende gar nicht so verwunderlich. Dort berichtet er von Nachbarn, die sich und ihre Kinder über Monate weggesperrt hatten. Da darf man schon mal fragen, ob seine Bekannten die Empfehlungen seitens Jens Spahn und Co. zuletzt überhaupt mitbekommen hatten, denn dort wird "sich mit Dosenravioli im Keller einschließen" nicht explizit empfohlen.

Andererseits muss man sagen: So ein gnädiges Wegsperren zur richtigen Zeit kann einem peinliche Dinge ersparen. Dinge, die man Jahre später noch als kulturelle Bauruine bei Youtube bestaunen kann: So warb Berthold vor Jahren für die "Premium Bio-Kokosnussprodukte" eines gewissen Dr. Goerg. Also, streng genommen warb Frau Berthold mit ihrem Mann, dem "Weltmeister 1990", der gleich zu Beginn des Werbefilms durch die fränkische Pampa joggt während die Gute von seiner Fitness schwärmt, als ginge es darum, den rüstigen Renner bei "Tiere suchen ein Zuhause" anzupreisen.

Thomas Berthold als hessischer Jackie Chan

Kurz bevor sie von seinem seidigen Fell und dem festen Stuhl schwärmen kann, kommt es bereits zum Äußersten: In einem roten Karate-Outfit sehen wir Berthold als hessischen Jackie Chan beim Schattenboxen, der - so Frau Berthold - "Schnellkraft und Muskeln" trainiert. Eine Performance, die man so zuletzt nur von Brock Landers gesehen hat, dem Alter Ego von "Boogie Nights"-Pornorakete Dirk Diggler, der mit diesem schlagfertigen Avatar versuchte, sich ein viertes Standbein als Actionheld aufzubauen.

Die Szene, in der sie ihn zwischen zwei Bäumen an Seilen in den Spagat zieht, muss dem Schnitt zum Opfer gefallen sein. Nicht aber das Highlight der Reklame, als Berthold sich bei einem Hackentrick die Nüsse bricht oder, um es genauer zu formulieren: Mit einem gezielten Kick mit der satanischen Ferse eine Kokosnuss förmlich atomisiert.

Die Gattin garniert den Stunt mit einem bewundernden "mens sana in corpore sana", was als lateinisches Zitat prinzipiell ja schon mal gut kommt und offenkundig als Slogan auf dem bertholdschen Familienwappen steht.

Mutti wartet aufgedirndlt wie fürs Käferzelt

Spätestens jetzt aber wird der Spot zur gelebten Antithese der dreisten Behauptung, einem fitten Körper wohne ein ebenso tüchtiger Geist inne. Die Reklame beweist eindrucksvoll das Gegenteil. Wie ein treuer Hund bringt der ehemalige Bundesabräumer die Kokosteilchen in die Küche, wo Mutti aufgedirndlt wie fürs Käferzelt schon wartet.

Im Hintergrund läuft Warteschleifenjazz, zu dem sich sonst nachts bei Sport1 junge Ostblocklerinnen das Studium ertanzen. Würde jetzt irgendwer von den beiden bemerken, dass hier Stroh liegt, es würde niemanden weiter wundern. Der Satz "und warum hast du eine Maske auf" entfällt im Querdenkerhaushalt.

Auf der Hälfte des Spots zeigt sich die ganze Perfidie des teuflischen Weibes. All die Martial-Arts-Hampeleien des Gatten dienten lediglich dem Zwecke, ihn als übereifrigen, gleichsam dümmlichen Kokoskiller vorzuführen, dem bis dato nicht klar war, dass all die Grobschlächtigkeiten zur Kokosölgewinnung gänzlich überflüssig waren. Schließlich gibt es ja all die tollen Produkte dieses ominösen Palmenmelkers, die die bertholde Schönheit bereits in die Pfanne gießt.

Des Doktors Kokoselixier

An dieser Stelle kippt das Sozialgefüge daheim angenehm zurück in die 50er: Die Alte kocht, während ER draußen mit den Kindern wartet, bis es Essen gibt. Die Vorfreude ist mehr als berechtigt: Nicht nur, dass die Emanzipation hier im Hause so kunstfertig zerlegt wurde wie Papas Nüsse, nein - hier kann man sicher sein, dass einfach ALLES mit des Doktors Kokoselixier zubereitet wurde.

Im Off-Text schwärmt Muttern noch vom hohen Anspruch der Firma und den strengen Qualitätskontrollen. Ob die Lindelbacher Kokosjunkies regelmäßig so streng die Vorgänge begutachten, wie man es von der Kijimea Corporation gewohnt ist, wenn die mal wieder zur Stichprobe auf der Abwurstungsturbowurzelplantage auftauchen, um die Landbevökerung bei der Ernte mit teutonischer TÜVigkeit zu gängeln - das erfahren wir in dem Spot nicht.

Wohl aber, dass Papa durch das Kokosnassfutter jetzt so gut drauf ist, dass er in einem irrationalen Anfall von Tatendrang sogar Lust hat, mit den eigenen Kindern im Garten zu spielen. Fußball, na klar. Er ist ja Weltmeister 1990. Und immer noch coco schanell. (Hihi)

Ein starker Tag für die Emanzipation

Dann: Applaus! Wie die Schickeria-Version von Mama Miracoli ruft sie aus der Küche hinaus ins Freie, dass es jetzt Essen gebe. Esktase. Papa und die Kinder klatschen sich fast wund, weil die systemrelevante Mutter nun das Essen auftischt. Ein starker Tag für die Emanzipation.

Die Luft riecht nach Bounty. Sag mal weinst du oder ist das Kokoswasser? Der Food Porno erreicht seine Climax, als der geheimnisumwitterte Dr. Goerg sogar noch selbst auftaucht und für die Qualität seiner Produkte "mit meinem Namen bürgt". Es hippt ganz gewaltig.

Goerg - ein Name, wohlgemerkt, der so klingt, als käme einem die Palmensuppe direkt wieder hoch. Warum Dottore überhaupt noch auftreten muss, kann nur seinem Geltungsdrang geschuldet sein. Weshalb sollte ein Mediziner, der aussieht wie ein Bottroper Diskothekenbetreiber mit seinem Namen für ein Produkt werben, das ein Weltmeister von 1990 (!) bereits angepriesen hat. 

Ein Weltmeister! Und jemand, dem wir das Schicksal einer ganzen Fußballnation in die Hände, oder zumindest die Schuhe, gelegt haben, der wird ja wohl wissen, was gut für uns ist! Doktor Goerg und seine Promis unter Palmen - eine Familie wie ein Kokosölgemälde.

Fall sich die Nachbarn von Thomas Berthold wieder über Monate im Bunker einschließen - mit Doktor Goergs Palmen-Impfung kommt man im Falle einer Apokalypse lachend über die Runden.

Ich vergebe 4 von 5 Nüssen.


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