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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Frühjahr war alles besser – warum wir jetzt in die entscheidende Phase kommen

Micky Beisenherz über Corona-Lockerungen
Wir biegen ein in die vielleicht entscheidende Phase der nächsten Monate. Doch die Politik ist viel zu unkreativ.
© Picture Alliance
Nimmt man das Mutationsgeschehen ernst, müsste man den Lockdown eigentlich verschärfen. Doch viele Menschen sind pandemiemüde – und die Politik viel zu unkreativ, moniert Micky Beisenherz

"Länger stehen verboten" – spätestens als diese Information über "ein Verweilverbot in der Düsseldorfer Altstadt" als Push Mitteilung auf meinem Smartphone aufpoppte, war klar: Die Zeiten größtmöglicher Hilflosigkeit sind zurück. So wie im letzten Frühling, als die Münchener Polizei sich nicht entblödete, Menschen mit Büchern unter Androhung empfindlicher Strafen von Parkbänken zu vertreiben. "I'm still Standing", aber als Protestsong. Frühling lässt sein Absperrband wieder flattern ...

Entscheidende Phase der Pandemie

Nun kommt ebendieser Frühling 2021 recht schnell, und man wünschte sich, beim Impfen gäbe es ein ähnliches Tempo wie beim Klimawandel. Für den allerdings zeichnet die tankerträge EU nicht allein verantwortlich, und das ist auch ein anderes Thema, das wir gerne einmal besprechen können, wenn es im Januar bereits eine Wespenplage am Osnabrücker Nordseeufer gibt.

Gestern noch spazierte ich durch Berlin. Im Monbijoupark saßen Menschen auf Decken, junge Leute spielten in einem Käfig und wieder andere gemeinsam Basketball. Und auch wenn dieses verlernte Bild in mir mittelschwere pandemische Rauchmeldereien auslöste, so empfand ich doch: Beruhigung. Ja, vielleicht sogar leise Freude. Ich habe mich für diese Frauen und Männer gefreut.

Die Art, wie sie sich diesen virologischen Fronturlaub genommen und kurzzeitig so gelebt haben, wie wir es kennen. Mit all der für Berlin üblichen lustvollen Dummheit, aber ähnlich dem Beobachten kindlichen Gemütes hat das ja auch was. Diese Leute sind keine Idioten, keine Ignoranten oder rücksichtslose Schweine, die unsere Omas töten wollen, sondern Menschen, die es raus an die frische Luft gezogen hat. Dass es am Rhein, der Elbe oder der Isar exakt alle an dieselben Stellen gezogen hat, ist gleichermaßen unkreativ wie virologisch bedenklich. Der Mensch sollte sein Dasein bis auf Weiteres als Aerosolist fristen.

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Nachvollziehbares Drängen auf Lockerungen

Wir biegen ein in die vielleicht entscheidende Phase der nächsten Monate, stehen an einer Weggabelung. Zu verhandeln sind Dinge, die eigentlich nicht in Einklang zu bringen sind. Da ist zum einen die viel zitierte "Pandemiemüdigkeit", das nachvollziehbare Drängen auf Lockerungen. Aufgrund sinkender Fallzahlen gäbe es dafür gewiss auch eine Grundlage. Dummerweise bezieht sich das auf "Corona-Classic" und nicht auf die nunmehr zahllosen Varianten. Von Corona gibt es mittlerweile mehr Versionen als von "Jerusalema", und wer bei C3PO oder den B52s nicht an Mutanten denkt, der hat diese Pandemie eh nie richtig geliebt.

Während also in den letzten Wochen aus unserem gemeinsamen Boot brav langsam und engagiert das kniehohe Wasser rausgeschaufelt wurde, regnen uns jetzt heftig die Mutationen rein, versauen den Schnitt. Streng genommen steuern wir auf den dunklen Bruder des März 2020 zu. Dennoch sind wir aber mental auf Lockerungskurs, weil, "wann sind wir denn endlich da" und kein Silvester und überhaupt. Wenigstens war das Wetter schön und ein, zwei Eisläden haben doch noch überlebt. Nimmt man das Mutationsgeschehen ernst, so müsste man eigentlich verschärfen.

Das ist epidemiologisch wohl geboten, aber politisch kaum noch machbar, denn seit Anfang Februar warten viele auf die sogenannte "Öffnungsperspektive" – und damit ist nicht das Cabriolet von Christian Lindner gemeint. Merkel dürfte zerrissen sein wie Schutzkittel von van Laack. Einfach öffnen: geht nicht. Die Länder, die es versucht haben, mussten drei Wochen später wieder reumütig dicht machen. Einfach den Lockdown verlängern: schwierig.

Jens Spahn: der glücklose Gesundheitsminister

Kommen die Kanzlerin, die Ministerpräsident*innen und der volksnah verwucherte Markus Söder aus der nächsten Konferenz und haben nix außer einer Verlängerung der Restriktionen anzukündigen, dürften die Risse zwischen Bevölkerung und den Regierenden sich wohl zu einem stattlichen Graben auswachsen. Ein unausgesprochenes "Ja, dann sagt doch gleich, dass ihr den Laden für immer zulassen wollt!" würde die Konsequenz nach sich ziehen, dass immer mehr Leute "nach Gefühl" agieren, und das dürfte mit Vernunft so viel zu tun haben wie Jens Spahn mit Effizienz.

An der Personalie des, nun ja, glücklosen Gesundheitsministers lässt sich gut festmachen, welche Dynamiken diese inzidenzbasierten Zeiten bereit halten – im Dezember fast noch als Schattenkanzler gehandelt, ist der Ankündigungskönig nun bestenfalls noch Trainingsweltmeister und möglicherweise schneller weg als die Tests da. Enthüllungen wie die vom "Spiegel", dass der besorgnissimulierende Spahn im Oktober erst die Deutschen vor "Geselligsein" warnt und dann selbst abends auf ein Unternehmerdinner in Leipzig geht, um am Folgetag positiv getestet zu werden, ist da wenig vertrauensbildend.

Jedwede Form der Unzufriedenheit ist nachvollziehbar

Zu einer gemeinschaftlichen Kraftanstrengung gehört auch der Eindruck, dass beide Seiten ihren Teil des Deals erfüllen, und da bröckelt es im Vertrauensverhältnis doch arg. Wer brav alle wirtschaftlichen oder sozialen Konsequenzen des Lockdowns mitträgt, darf doch erwarten, dass diejenigen, die die Grundrechte einkassiert haben wie Klassenlehrer den Gameboy in der Schublade alles tun, so schnell wie möglich den alten Zustand wiederherzustellen. Und da hapert es gewaltig. Betrachtet man die Durchimpfung der Bevölkerung, dann hat Deutschland einen Ladezustand von rund 4 Prozent.

Jedwede Form der Unzufriedenheit ist nachvollziehbar und sollte auch geäußert werden können. Es ist nun auch schon reichlich gesagt worden zum Thema "Impfdebakel" und warum die Engländer oder die Israelis so viel schneller seien als die EU. Im Kern kann sich das jeder erklären, der die Unterschiede kennt zwischen "Ich bestelle mir alleine abends eine Pizza" und "Wir bestellen zu zehnt Pizza und asiatisch und mexikanisch – und nicht alle haben gleich viel Geld!" Warum dann aber Impfzentren am Wochenende geschlossen haben, das ergibt erst dann Sinn, wenn Studien belegen, dass auch das Virus Öffnungszeiten hat und Aerosole Nachtflugverbote beachten. Eine gemeinschaftliche Kraftanstrengung unter Zuhilfenahme der Bundeswehr, des THW und von mir aus auch Dr. Best könnte jedenfalls den sich verfestigenden Eindruck zersetzen, Deutschland bürokratisiere sich da gerade zu Tode.

Deutschland war Klassenbester und rutscht bald auf eine 6 ab

Ja, es ist wahr, dass wir im letzten Frühjahr der Klassenbeste waren in Sachen Pandemiebekämpfung. Wir haben schnell dicht gemacht und alle haben sich brav an die Regeln gehalten. Aber der Klassenbeste von 2020 muss trotzdem ab und an seine Hausaufgaben machen, um ein Jahr später nicht auf eine 6 zu rutschen und das soll es mit dem Thema Schule auch schon gewesen sein, bevor uns allen entnervt das Teststäbchen aus dem Gesicht fällt.

Wir sind leider ganz jämmerlich aufgestellt, wenn es um Digitalisierung, Entbürokratisierung und Flexibilisierung geht. Was allerdings keine Entschuldigung dafür sein kann,  dass es Zehntausende gibt, die plötzlich eine Art Impfsnobismus entwickeln und sich verhalten wie an der Käsetheke vom KaDeWe, wenn es darum geht, AstraZeneca zu verweigern. Wer auch immer es geschafft hat, dieses Vakzin schlechtzureden, hat einen erstaunlich guten Job gemacht. Das Zeug ist gut, verhindert nahezu hundertprozentig schwere Krankheitsverläufe und diejenigen, die sich ohne Angst vor Kopfschmerz oder Übelkeit impfen lassen, bevor sie einen Thailand-Trip antreten, kriegen schwere Nebenwirkungsparanoia, wenn es lediglich um so etwas Profanes wie den Wiedereintritt ins Leben geht. Nun aber liegt AstraZeneca ungenutzt herum und droht zu vergammeln wie Feldsalat.

Epidemien auf dem Niveau einer Büffetschlacht

Dann muss man es halt denjenigen geben, die sowieso längst dran sein sollten, um geordneten Schulbetrieb wieder aufzunehmen – oder als geimpfte Hundertschaft Jugendliche durch Hamburger Parks zu jagen, die es gewagt haben, zu dritt zu verweilen. Solange warten wir brav und hoffen still, dass die bereits Geimpften ja nicht vor uns ihre Grundrechte zurück bekommen mögen, denn nur wenn es allen gleich schlecht geht, empfindet der Deutsche eine Form der Genugtuung. Begriffe wie "Impfdrängler" belegen hier eindrucksvoll, dass wir Teutonen es sogar fertig bringen, weltweite Epidemien auf das Niveau einer Büffetschlacht runterzusandalen.

Am ersten Pandemiegeburtstag dürfen wir durchaus erwarten, dass der Regierung mehr einfällt, als einfach nur stumpf dichtzumachen, sprich: Differenziertes Betrachten der Infektionstreiber, Impfen 24/7 und Testen bis die Nasenlöcher glühen. Uns als Bevölkerung kann das motivieren, noch ein paar Wochen länger die Handbremse angezogen zu lassen, weil wir darauf vertrauen können, dass unsere Mandatsträger kreativ im Umgang mit den Werkzeugen zur Pandemiebekämpfung sind. Sonst ist der Januar wie der Februar wie der März wie der Juli. GEMEINSAM.

Wenn wir das gemeinschaftlich nicht hinkriegen, dann verweilt Corona in deutschen Haushalten deutlich länger als Spaziergänger auf Düsseldorfer Parkbänken. Und der Park in Berlin? Ich habe selbstverständlich Fotos von allen auf den Wiesen und Basketballcourts gemacht und empört ins Internet gestellt. Im Kampf gegen das Virus möchte man sich ja nicht nachsagen lassen, die Gelegenheit verpasst zu haben, Ausscherer mittels Digitalpranger kollektiv erzogen zu haben.


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