HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Beisenherz – Sorry, ich bin privat hier: Danke für Ihren Einsatz, Martina Angermann!

Martina Angermann weiß, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Rückgrat Schmerzen bereitet. Die Bürgermeisterin des sächsischen Ortes Arnsdorf verurteilte einen Angriff auf einen Flüchtling - und erhielt anschließend Morddrohungen. Nun gibt die SPD-Politikerin ihr Amt auf.

Von Micky Beisenherz

Martina Angermann

Martina Angermann hat ihr Amt als Bürgermeisterin von Arnsdorf aufgegeben. Nachdem sie einen Übergriff auf einen Flüchtling verurteilt hatte, erhielt sie Morddrohungen

An dieser Stelle könnte ein hämischer Text über Rainer Wendt stehen. Oder über einen Komiker, der bekanntlich bereits schlimmer als Hitler oder sogar "Welt"-Kolumnisten ist. Womöglich auch über den alten, weißen Mann des Feminismus, Alice Schwarzer. Aber nein. Hier soll es nicht darum gehen, wer heute wieder abgeschafft gehört.

Diese kurzen Zeilen sollen unterstützen, ermutigen, anspornen. Sie sollen dazu animieren, es Menschen wie Martina Angermann gleichzutun. Das schreibt sich leicht, hat diese mutige Frau doch sehr heftig erfahren müssen, was es bedeutet, wenn man seine Verantwortung wahrnimmt und für seine Überzeugungen eintritt.

Martina Angermann war seit 2001 Bürgermeisterin

Bis vor kurzem war Martina Angermann Bürgermeisterin des sächsischen Ortes Arnsdorf. Ein Amt, das die Politikerin bereits seit 2001 sehr erfolgreich innehatte. Eine der immer weniger werdenden Erfolgsgeschichten der Sozialdemokraten - oder Sachsens.

2016 sollte die Geschichte des Ortes, aber auch ihre persönliche eine dramatische Wendung nehmen, als vier Männer einen psychisch kranken irakischen Flüchtling aus einem Supermarkt gezerrt und mit Kabelbindern an einen Baum gefesselt hatten. Ein Vorfall, der selbst im für Fremdenfreundlichkeit nicht eben bekannten Freistaat nach unten herausragen sollte. Die Bürgerwehr begründete ihre seltsame TKKG-Imitation mit "Notwehr", und das ist genauso lächerlich, wie es sich liest.

Angermann tat daraufhin etwas, was man sich zum Beispiel von der Kanzlerin in ähnlichen Fällen vergeblich wünscht: Sie zeigte Leidenschaft und verurteilte die Entgleisung der schwarzbraunen Sheriffs scharf. Die fanatischen Vier wiederum beurteilten die eigene Tat als "Zivilcourage". Zumindest eine, die strafrechtlich folgenlos bleiben sollte.

Nicht so die Zivilcourage der Bürgermeisterin, die in der Folge mit Beleidigungen, Hass und Drohungen heftigster Art leben musste. Und immer noch muss, sodass sie sich nun schlussendlich genötigt sah, nach längerer Krankheit einen Antrag auf vorzeitigen Ruhestand einzureichen.

Wie es sich anfühlt, wenn das eigene Rückgrat Schmerzen bereitet? Angermanns Rückzug ist eine Antwort. Man möchte auch Walter Lübcke fragen - wenn es denn noch möglich wäre.

Dass einer der vier heldenhaften Kabelbinder-Caballeros heute nicht mehr als CDU-Bürgermeisterkandidat, sondern im Dienste der AfD tätig ist, ist eine traurige Pointe, von denen es nicht nur in Sachsen zu viele gibt. Martina Angermann ist zu wünschen, dass sie sich von alledem schnell erholt. Hat sie uns allen die Bedeutung des Wortes "Beherztheit" in Erinnerung gerufen.

Zivilcourage ist mehr als nur bei Twitter zu prahlen

Sie erinnert uns daran, dass Zivilcourage etwas anderes ist, als bei Twitter publikumswirksam damit zu prahlen, welcher AfDler einen blockiert hat, welcher Nazi einen melden wollte oder man sich wie die weiße Rose fühlt, weil man sein "FAZ"-Abo gekündigt hat. Oder sich eben an den jeweiligen #Hashtag des Tages dranhängt, weil "Haltung" und so. "But First…Coffee!"

Die Frau hat einen Arsch in der Hose. Weil sie am besten weiß, dass Mut nicht kostenfrei daherkommt. Und Tapferkeit auch etwas damit zu tun hat, sie da draußen zu beweisen.

Danke für Ihren Einsatz, Martina Angermann. Er wird nicht vergessen sein.