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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Kauf dich neu!

Shoppen ist toll: Diese Lust! Doch nach einem kurzen Brizzeln im Belohnungssystem ist der Rausch schnell wieder verflogen. Doch macht uns Kaufen glücklich?

Micky Beisenherz über Konsum-Wahn

Micky Beisenherz beschreibt den Konsum-Wahn

Das Thema ist eigentlich viel zu ernst, um es hier zu besprechen. Aber da die Kolumne wieder länger gedauert hat, weil ich nebenbei noch bei Etsy eine gleichermaßen teure wie geschmacklose Strickjacke shoppen musste, bin ich hier vielleicht genau richtig. Außerdem kennen wir uns ja jetzt schon eine Weile. Ich gebe zu viel Geld aus. Jetzt nicht unbedingt so viel wie , okay.

Niemand tut das. Aber im Kleinen kann ich nachvollziehen, wieso es ihn so erwischt hat und er sich jetzt am Nasenring als Pleite-Beluga durch die medialen Arenen ziehen lassen muss.
Damit bin ich aber nicht allein. Erst gestern traf ich einen Freund in einem Café, der mir völlig begeistert von einem Paar Schuhe erzählte, die er in einem guten Schuhgeschäft gesehen hatte. (In einer wäre auch etwas überraschend gewesen.) Die Begeisterung rührte aber weniger von der Qualität der tollen Schuhe, sondern vielmehr daher, dass er sie NICHT gekauft hatte.

Es war also mehr die Erleichterung, sich im Griff gehabt zu haben. Oh, ich kenne das gut. Es ist sehr unmännlich, so gerne einzukaufen. Tu ich aber.

Ich bin weniger Suchttyp, als ich dachte. Als Kreativer sollte ich drogen-, sex-, ja, wenigstens alkohol- oder nikotinsüchtig sein. Nichts dergleichen! Stattdessen shoppe ich gern und oft. Eines gequälten Autoren unwürdig. Bei jedenfalls hat man selten einen Zalando-Boten klingeln gesehen.

Ist es eine Sucht? Wenn man davon ausgeht, dass man sich täglich selbst kontrollieren muss und den selten erfolgreichen Verzicht feiert: ja.

Versuchen Sie auch manchmal, sich daran zu erinnern, wie Sie klar gekommen sind, als Sie noch weniger verdient hatten? Waren Sie weniger glücklich? Nicht wirklich, oder.

Fälschlicherweise glaubte ich lange, mit wachsendem Gehalt würde ich mehr beiseite legen können. Ich würde ja immer noch dasselbe ausgeben. Die Realität sieht anders aus. Wie heißt es noch gleich? "Die Flut hebt alle Boote im Hafen." Wird Boris Becker bestimmt auch mal gehört haben. Wobei sein Hafen derzeit vermutlich aussieht wie der von Puerto Rico.

Ein Brizzeln im Belohnungssystem

Damals war am Anfang des Monats mal ein Shoppingbummel durch die City drin, an dessen Ende man um einen Pullover oder eine CD reicher war. Heute ist mit einem Doppelklick bei Outfittery, Ebay oder sonstwo ein kindergeldgroßer Betrag weg, ein ganz kurzer Rausch, ein Brizzeln im Belohnungssystem. Das aber längst verflogen ist, wenn der erworbene Artikel eintrifft. Ich kenne Männer, die in der Poststelle ihrer Firma ein tetrisartiges Gebilde aus DHL-Päckchen haben eintreffen lassen, an deren Inhalt sie sich bei Zustellung weder erinnern konnten, noch das geringste Quäntchen Freude dran empfinden. Ist der Mausklick der Orgasmus, ist die Zustellung der Bestellung noch nicht einmal mehr das Kuscheln danach.

Das ist eigentlich das Schlimmste. Diese Gewöhnung an das Besondere. Vom Milliardär Roman Abramowitsch ist überliefert, dass er 5000 Euro Rotwein gerne aus der Pulle trinkt oder gleich in die Bolognese kippt. Für den Hund. Stumpf an der Spitze. Der Mann tut mir leid. Konsum ist wie Ritzen für Besserverdiener. Nur, dass man weniger spürt. Und es erst weh tut, wenn der Kontoauszug kommt. Zumindest mir. Und Boris Becker.

Wozu brauche ich das 20. weiße T-Shirt? Warum noch eine Uhr? Wo ist da der Sinn? "Diese Jacke wird mein Leben verändern!" Auch wenn man sich in der Umkleide manchmal selbst so betrachtet - hat jemals irgendwer sein Image geändert, weil er eine neue Klamotte trug?

Der Wunsch nach textiler Veränderung ist groß

"Hm. Wir haben ihn immer kritisch gesehen, aber Dank DIESER Jeans müssen wir sagen: Super Typ!" Davon ab könnte es mir gar nicht gelingen, ein Signature-Garment à la Columbo, Schimanski oder von mir aus auch Magnum zu tragen. Dafür ist der Wunsch nach textiler Veränderung viel zu groß.

Sätze wie "Das ist der Mantel deines Großvaters" oder "Ich schenke dir Papas Pullover" sind doch gar nicht mehr möglich, weil man gar nicht wüsste, was unter dem Stapel jetzt DAS prägende Kleidungsstück ist.

Mein Gesprächspartner erzählte mir von einem Streit mit seiner Frau, weil er vorhatte, sich eine schweineteure Lederjacke zu kaufen. Schön, aber knüppelhart. "Ja, die muss man ja erst eintragen, sodass sie weicher wird. Und Patina bekommt!" "Wie soll die denn Patina bekommen? Bevor das passiert, hast du doch schon wieder drei neue gekauft." Und es ist wahr.

Japanischer Whiskey für 480 Euro

Das muss der selbe Abend gewesen sein, an dessen Ende er sich angetrunken einen japanischen Whiskey für 480 Euro bei einem Online-Spirituosen-Händler kaufen musste. Man kann sich auch immer an dem aufrichten, der noch schlimmer drauf ist.

Ich musste auch schon die unangenehme Erfahrung machen, dass ein cooles Surfercap oder ein Longboard deutlich besser an dem Model auf der Aviator-Nation-Page aussieht als an, nun ja, einem 40-jährigen Segelohr aus Castrop-Rauxel.

Ey, ich habe letztens aus reinem Amusement auf einen Artikel geklickt, weil der Sohn von Armim Laschet Ryan Gosling so ähnlich sieht - vier Minuten später habe ich auf "kaufen" geklickt, weil dem eine Wildlederjacke so gut gestanden hat. Eine Wildlederjacke! Deutlicher kann man das Maß der inneren Verrottung nicht beschreiben.

Es muss auf jeden Fall noch irgendwas anderes gekauft werden

Dabei geht es ja nicht einmal um Klamotten oder das Lametta, mit dem man sich als traurige Krüppelkiefer so behängt. Es geht um den Akt des Konsumierens an sich: Ich kann in keine Tankstelle gehen, nur, um Sprit zu bezahlen. Es muss auf jeden Fall noch irgendwas anderes gekauft werden. Cola, Red Bull, Carazza, Beef Jerky, egal.

Hier noch eine Tüte Nüsse, da ein Song bei iTunes, komm, das Abo nehm ich noch mit, oh, die neue Mütze noch, dann ist erstmal Schluss! Nächsten Monat kommt das neue iPhone!
Kaufen. Kaufen. Kaufen. Das Leben ist Projektion und Ablenkung. Mit A. Wie Amazon.

Damals war geil. Als ich mit 16 zu Saturn ging, um mit dem auf dem Bau selbst verdienten Geld CDs kaufen zu gehen. Da stand ich dann beim Probehören am CD-Player und musste aussortieren, welche CD ich gleich mitnehme. Soundgarden? Therapy? Judgement Night? Don Henley? Ach, scheiß drauf! Ich nehm den ganzen Stapel mit! Alle zwölf CDs. Ich bin reich! Ein befriedigenderes Gefühl im Bezug aufs Geldausgeben hatte ich nie wieder.

Ich kann so nicht weitermachen. Leider kann ich das aufschreiben, grenzbuddhistische Bedürfnislosigkeit predigen und zeitgleich bei Asos nach coolen T-Shirts gucken. Kennen Sie eine Selbsthilfegruppe? Oder wenigstens eine schöne Shoppingwebsite?

P.S.: Nach unserem therapeutischen Gespräch hat sich mein Freund die Schuhe übrigens doch noch gekauft.

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo