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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Martin Schulz - der Vizekanzlerkandidat

Martin Schulz ist der Richtige für den Wahlkampf. Er hat diesen schröderesken Aufsteigertouch. Und Hochprozentiges mag er eh nicht.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Dass es zwischen der Kanzlerin und ihrem Herausforderer heftig trumpen wird, das steht nicht zu befürchten. Als Humorist mit sozialdemokratischem Background blickt man dennoch viel zuversichtlicher auf die Bundestagswahl. Jetzt, wo , der sympathische Glatzkopf mit der bei Rheinländern serienmäßig eingebauten Schwäche als Vizekanzlerkandidat der SPD feststeht.

Ich mag den. Der Abiturlose aus kleinen Verhältnissen hat diesen schröderesken Aufsteigertouch, und als trockener Alkoholiker darf er eh nix Hochprozentiges mehr. Da ist die SPD gerade richtig. mit den Sozialdemokraten ist, wie bei RTL die Liebe finden wollen. Du machst dich öffentlich zum Obst und kommst damit auf 19 Prozent. Das ist jedenfalls das Ergebnis, das die SPD zurzeit in Brandenburg holen würde.

Harte Arbeit ist der Wahlkampf obendrein. Die Sozen haben ja die unschöne Angewohnheit, mit bewaffnet an Haustüren zu klingeln, als würde man den "Bachelor" jetzt live in Neubaugebieten aufführen.

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Da ist es natürlich nachteilig, nicht mehr zu trinken

Dann diese Touren durch Kleingärten und Klubheime. Da ist es natürlich nachteilig, nicht mehr zu trinken. Kann man Gespräche über Krötentunnel und Lärmschutzwände doch deutlich besser ertragen, wenn man erst einmal ein paar Pils aus wutwarmen Cargowestenträgerhänden entgegengenommen hat.

Und dann muss man auch noch eine Fußballerhistorie haben. Hätte Gerhard Schröder es je ins Kanzleramt geschafft ohne seine legendären Auftritte als Stürmer beim TuS Talle? Dieser "Acker" , der sich seinen Spitznamen verdiente, weil er immer alles für sein Team gab – war das nicht genau der, nach dem man sich verschwitzt malochend im Kanzleramt gesehnt hatte?

Selbst dem raufasercharismatischen Steinmeier hatte man damals versucht, eine Ballsport-Vita anzuflanschen. Allerdings eher unglücklich. Als ein Reporterteam seinen ehemaligen Trainer beim TuS Brakelsiek besuchte, zeigte der sich mehr als erstaunt, dass ausgerechnet der im Team sehr unauffällige Frank-Walter jetzt ein ganzes Land als Kapitän führen sollte. Wir wissen alle, wie es ausging.

Die Genossen müssen schnell klären, ob sich Schulz in seiner Jugend als eine Art Paul Gascoigne Würselens in den Sportteil schießen konnte. Und ihn bitten, hin und wieder bei Volksfesten mit Bratwurst in der Hand einen Elfmeter zu versenken. Schlimmer laufen als bei Edmund Stoiber kann es eh nicht. Dieser ließ es sich 2002 nicht nehmen, bei einer Wahlkampfveranstaltung in Bad Kötzting auf eine Torwand zu schießen. Mit dem Fuß kaum geschickter als mit Worten, schoss er rund einen Meter daneben – und einer alten Frau direkt ins Gesicht. Niemand außer der blutenden Oma war überrascht.

Wenn Marin Schulz Kanzlerkandidat wird, dann kann es jeder schaffen

Ob mit oder ohne Tor – der Aufstieg des einfachen Buchhändlers aus dem Rheinland ist ein schönes Signal an uns alle. Wenn Schulz Kanzlerkandidat werden kann, dann kann es jeder schaffen.

Ich werde dieses Jahr 40. Zeit, dem Leben noch mal eine neue Richtung zu geben. Der väterliche Teil meiner Familie besteht ja aus Stadt- und Schuldirektoren. Mein Onkel war sogar Bürgermeister in meiner Heimat. Ein Zwischenhoch meines Clans, das zu der Feststellung einer Schulkameradin führte, wir seien so etwas wie "die Kennedys aus Castrop-Rauxel".

Mit dieser familiären Nähe zur Macht und meiner Vergangenheit als Mittelstürmer bei Adler Rauxel bin ich der geeignete Mann für 2021.

Machen wir uns nix vor: Die 19 Prozent holen die mit mir auch. Wir schaffen das.