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Neue Single "Aber": "Als Sündenbock ist euch Özil gut genug": Eko Fresh mit dem Song der Stunde

Der Titel erschien, bevor Mesut Özil die Nationalmannschaft verließ. Doch mit seinem Song "Aber" hat Rapper Eko Fresh die aktuelle Debatte auf den Punkt gebracht.

Eko Fresh

Rapper Eko Fresh (Mitte) zusammen mit Patrick Mölleken (l.) und Yunus Cumpartpay in dem Video zu seinem neuen Song "Aber"
 

Das politische Klima ist in Deutschland derzeit wenig erbaulich. Der Rücktritt von Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft hat den Ton noch einmal verschärft. Zwischen Rassismus-Vorwürfen auf der einen Seite und rassistischen Beleidigungen auf der anderen scheint aktuell kaum noch eine Verständigung möglich. Alle Integrationsbemühungen und Fortschritte der vergangenen Jahre wirken wie weggeblasen.

Es profitieren die Falschen. Auf der einen Seite der türkische Präsident Erdogan, der aus Özils Rücktritt politisches Kapital schlagen will. Und die AfD, die ihrem Wahntraum einer rein "weißen" Nationalelf ein Schritt näher gekommen sind. 

Man könnte verzweifeln. Doch dann ist da dieses Lied, das die ganze Absurdität der Debatte auf den Punkt bringt und einem den Glauben gibt: Du bist nicht allein.

Eko Fresh wurde in Köln geboren

Der Song stammt von Eko Fresh, einem in Köln geborenen Deutschrapper türkisch-kurdischer Abstammung. "Aber" bringt die verschiedenen Positionen in dieser Debatte auf den Punkt. Dazu hat Eko Fresh zwei Freunde dazugeholt. Der Schauspieler Patrick Mölleken verkörpert im ersten Teil die Position des AfD-Wählers. "Als allererstes will ich klarstell'n, ich bin kein Nazi, aber...". 

Dann zählt der Deutsche alles auf, was ihn stört. In den Anwürfen wimmelt es nur so vor Klischees. Türken kriegen so viele Kinder, die Frauen laufen fünf Meter hinter den Männern. Schnell kommt er vom Islam zum Islamismus: "Ihr wollt Bomben legen oder Köpfe abhacken". Der Sermon geht von Bundeskanzlerin Merkel, die angeblich versucht, dem Volk seine Wurzeln zu entziehen ("Die Geister eines linksgrün versifften Masterplans") über zu Erdogan, an dessen Wahlerfolg Migranten Schuld sein sollen: "Du genießt in meinem Land die Demokratie / Aber zuhause dann verhilfst du 'nem Despoten zum Sieg".

"Ich werd' nie Deutscher sein"

Im zweiten Teil legt Yunus Cumpartpay die Perspektive eines Deutsch-Türken dar. Und die ist kein Deut versöhnlicher: "Ihr seid miese Heuchler, wolltet mich nie bei euch hab'n/ Ihr sprecht euch aus für ein Kopftuchverbot / Doch eure Frau'n ziehen gottlos den Rock noch was hoch". Und rappt dann diese hochaktuellen Zeilen: "Doch als Sündenbock ist euch Özil gut genug / Aber Moment mal, was soll hier die Message sein? / Weltmeisterschaft vorbei, weil er ein Selfie teilt?" Das traurige Fazit: "Ich werd' nie Deutscher sein, denn ich bin ein stolzer Türke."

In der dritten Strophe ergreift Eko Fresh schließlich das Wort, und versucht die beiden Konfliktparteien wieder zusammenzubringen. 
"Ihr habt auf einmal Streit, die Masse ist entzweit
Ich dachte, dieser Fight ist seit den Achtzigern vorbei
Ich sitze schon mein ganzes Leben zwischen diesen fucking Stühl'n
Und grade als ich dachte, es wär' alles abgekühlt
Ich dachte, Brüderschaft, aber es war zu früh
Ich bin Deutsch-Türke, keiner weiß hier, was ich fühl'

Fresh, der mit bürgerlichem Namen Ekrem Bora heißt, erzählt, was es heißt, sich zu zwei Kulturen zugehörig zu fühlen: 
"Als gäb' es nur die Wahl zwischen Erdoğan und Böhmermann
Nur die Wahl zwischen Bertelsmann und Dönermann
Als gäb' es nur den Wahlbereich zwischen Schwarz und Weiß
Gutmensch oder Arschloch sein, Antifa und Nazischwein
Rechtspopulismus oder 'Angela, jetzt lass sie rein'
Zwischen Diktatur oder Anhänger des Staatsstreichs"

"Aber ihr macht das schon"

Die Zustandsbeschreibung ist bedrückend, und doch schafft es Eko Fresh, eine zuversichtliche Haltung zu finden: 

"Glaubt mir, Jungs, es gibt Tausende von uns
Wir sind zwischen beiden Welten aufgewachsen, Punkt
Ich muss mich nicht entscheiden, ich muss nur ich selber sein
Leute, die sich treu sind, sind 'ne Seltenheit wie Elfenbein (...)
Meine Ansicht, bro, ob Religion, ob Tradition
Zusammen in 'nem Land zu wohn'n, ist schwer, aber ihr macht das schon"

Auch wenn das Klima derzeit vergiftet ist - allein die Existenz eines solchen Songs spendet Hoffnung. Denn er zeigt, dass es da draußen nicht nur die Erdogans, Gaulands und Grindels gibt. Es gibt Millionen Menschen in diesem Land, die Seite an Seite wohnen. Sie müssen im Gespräch bleiben, ins Gespräch kommen. Eko Fresh macht's vor.

Links steht DFB-Präsident Reinhard Grindel an einem Rednerpult, rechts steht Mesut Özil in DFB-Trainingsjacke auf dem Platz