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ESC 2020: Grand Prix ohne Vorentscheid? Was dafür und was dagegen spricht

Der deutsche Vorentscheid zum Eurovision Song Contest könnte in diesem Jahr ausfallen. Offenbar plant der NDR nach der S!sters-Pleite im vergangenen Jahr eine Direktnominierung ohne Zuschauerbeteiligung. Ein Erfolgsmodell? Leider nicht immer.

S!sters beim ESC 2019

S!sters beim ESC 2019

Getty Images

Zehn Jahre nach Lena Meyer-Landruts Erfolg in Oslo steckt der Eurovision Song Contest in Deutschland erneut in der Krise. In den vergangenen Jahren belegte Deutschland zwei Mal den letzten Platz (2015 mit Ann Sophie und "Black Smoke", 2016 mit Jamie-Lee und "Ghost"). Zuletzt erreichte das Duo S!sters mit "Sister" in Tel Aviv mit Platz 25 den vorletzten Rang. Abgesehen vom Erfolg von Michael Schulte in Lissabon (Platz 4) eine desaströse Bilanz des verantwortlichen Senders NDR. Mehrere Versuche, den Vorentscheid zu verändern und damit zum Erfolgsmodell zu machen, sind gescheitert. Doch wie soll es weitergehen?

ESC-Vorentscheid sehr unwahrscheinlich

Offenbar gibt es Überlegungen, in diesem Jahr ganz auf einen Vorentscheid zu verzichten und den Kandidaten oder die Kandidatin für den ESC in Rotterdam direkt zu nominieren. Entsprechende Vermutungen hatte zuerst der Grand-Prix-Blog "ESC kompakt" angestellt. Da für Februar keinerlei Programmplanungen bei der ARD für eine Live-Show vorliegen, der oder die Teilnehmer/-in aber bis zum 9. März gemeldet sein muss, scheint ein Vorentscheid sehr unwahrscheinlich zu sein. Der NDR selbst gibt sich bedeckt, will erst Ende Januar Einzelheiten zum ESC 2020 bekannt geben.

Eine Direktnominierung wäre die logische Alternative zum Vorentscheid. Andere Länder verzichten seit Jahren auf eine Zuschauerbeteiligung und erzielen damit gute Ergebnisse. Zuletzt die Schweiz, wo 2019 sowohl der Teilnehmer Luca Hänni (ehemaliger "DSDS"-Sieger) als auch sein Song "She got me" intern ausgewählt wurden. Hänni belegte in Tel Aviv Platz vier - das beste Ergebnis für die Schweiz seit 1993. Doch die interne Auswahl hat auch ihre Tücken. 2016 hatte der NDR den Vertrag mit Xavier Naidoo bereits perfekt gemacht, musste den Kandidaten dann aber wegen eines öffentlichen Aufschreis wieder zurückziehen.

Die Vorteile einer internen ESC-Auswahl:

  • Kein Risiko für große Namen
    Santiano, Unheilig, La Brass Banda: Die Liste an Teilnehmern, die in der deutschen Vorauswahl gescheitert sind, lässt sich beliebig fortsetzen. Sollte der NDR mit einem namhaften Künstler in Verhandlungen sein, wäre es einfacher, ihn ohne Vorentscheid dafür zu gewinnen.
  • Konzertierte Aktion
    Plattenfirmen, Songschreiber, Interpreten und der Sender könnten sich an einen Tisch setzen und gemeinsam hinter den Kulissen planen und Kräfte bündeln. Das Ziel: einen grandiosen Song / Interpreten finden, statt mehrere mittelprächtige, die dann in den Vorentscheid gehen.
  • Keine Ausreden
    Fällt der Teilnehmer in Rotterdam erneut durch, ist klar, wer die Schuldigen sind. Ein Abwälzen auf eine vermeintlich falsche Wahl der Zuschauer entfällt.

Die Nachteile einer internen ESC-Auswahl:

  • Kein Live-Test
    Eine Abstimmung ist der beste Gradmesser für die Aussicht auf Erfolg eines Interpreten oder eines Songs - besonders in einer Live-Show. Kommt der Song und der Interpret an? Bei einer Direktnominierung entfällt dieses Instrument.
  • Fehlende Begeisterung
    Viele erinnern sich noch an den Hype der entstanden ist, als Lena Meyer-Landrut 2010 beim deutschen Vorentscheid antrat. Eine Welle des Erfolgs trug sie bis zum Sieg in Oslo. Bei einer Direktnominierung wird diese Begeisterung vermutlich schwieriger zu erzeugen sein - gerade bei unbekannten Namen.
  • Undemokratisch
    Eine interne Auswahl läuft Gefahr, als undemokratisch abgestempelt zu werden. Die Legitimation durch den Zuschauer fehlt. 

Wie könnte es statt ESC-Vorentscheid 2020 weitergehen?

Vermutlich wird der NDR in diesem Jahr auf ein Hybrid-Modell setzen: Eine interne Auswahl ohne Vorentscheid, an der aber nicht nur die Senderchefs, sondern zum Beispiel eine internationale Jury oder das bereits in den Vorjahren erprobte Eurovisions-Panel beteiligt sind. Also ein ähnliches Modell wie 2019 in der Schweiz. So oder so: Schlechter als 2019 in Tel Aviv kann es kaum werden. Oder wie sangen die S!sters so schön: "I'm tired of always losing."