Eurovision Song Contest Die beleidigten Swingleberwürste


Die westlichen Länder sind weit abgeschlagen - und schon ist das Geschrei um eine mögliche "Ostverschwörung" groß. Dabei liegen die Gründe für das schlechte Abschneiden woanders. Roger Cicero, verschnupftes Deutschland und der Songcontest - eine Analyse von Eurovision-Experte Jan Feddersen.

Es war für den deutschen Swingmusiker Roger Cicero gewiss eine Qual, im Greenroom der Arena von Helsinki zu sitzen: Viele Nationen erhalten Punkte aus anderen Ländern - nur die Deutschen bekommen keine Punkteschauer, sondern allenfalls Nieselregen. Von den Nachbarländern Schweiz und Österreicher gab es als Spitzenwerte derer gleich zwei Mal sieben - aber ansonsten ging der deutsche Beitrag beim 52. Eurovision Song Contest als unter ferner sangen unter.

Der klagende Ton in den Medien nahm den Kummer um das Resultat auf: Als ob Europa mal wieder schuld an allem hat, wird von "Schummelei" geredet, von einer Eurovision, die sich an ihrer Vergrößerung verhoben habe. Tatsächlich waren noch so viele Länder am Start wie in Helsinki: 42 Länder inklusive der Newcomer Georgien, Serbien und Montenegro - das war für den deutschen TV-Zuschauer, gewöhnt an seine 16 Bundesländer und an Selbsterhöhungen wie voriges Jahr bei der Fußball-WM ("Sommermärchen") wohl zuviel.

Endlich aber merkt auch der gemeine West- und Nordeuropäer - der europäische Musikgeschmack wird nicht mehr in London, Stockholm, Köln oder Paris diktiert, auf dass alle die wohlhabende Ästhetik reicher Popländer goutieren, sondern eben jetzt auch in Belgrad, Moskau, Minsk oder Budapest. Was der Eurovision Song Contest nämlich vor allem bewies war dies: Der reiche europäische Teil schickt seine zweite bis fünfte Garde ins Rennen, der arme Osten hingegen, gierig nach Anerkennung und Respekt, ist sich nicht zu schade, seine Besten zu ermutigen, über den eigenen Tellerrand zu schauen und es in ganz Europa zu probieren.

Antieuropäische Hetze

Wenn Medien wie die "Bild-Zeitung" stellvertretend für den typisch deutschen Ton der beleidigten Leberwurst klagt, es sei geschummelt worden, dann ist das im Grunde antieuropäische Hetze, mindestens eine Form von Rückfall in alle kulturelle Muster, als Deutschland sich noch für den Nabel der Welt hielt und den Rest des Kontinents allenfalls für Exportmärkte in jedweder Hinsicht.

Kinderspielzeug-Monster-Mucke verkauft sich überall

Tatsächlich aber nimmt es nicht wunder, dass Deutschland - als bestes der vier großen in den Eurovisionstrog zahlenden Länder noch vor Großbritannien, Spanien und Frankreich - so schlecht abschnitt: Eine Musikgattung wie der Swing ist nur in Mitteleuropa populär. Lordi aus Finnland konnte voriges Jahr gewinnen, weil Heavy Metal, Gothic Rock oder Kinderspielzeug-Monster-Mucke überall verkauft werden kann - Swing aber nicht. Wer einen ESC gewinnen will, muss also über den eigenen Tellerrand hinausgucken können - aber welcher deutsche Musiker tut das schon?

Musikindustrie geht bloß kein Risiko ein

Der deutschsprachige Markt mit seinen 90 Millionen Konsumenten ist doch allen genug. Sängerinnen wie die Serbin Marija Serifovic oder die Russinnen der sibirischen Spice Girls von Serebro, gibt es hierzulande allenfalls zu entdecken. Aber die Musikindustrie, dominiert durch die vier Major Companies, labt sich an der eigenen Wohllebe - bloß kein Risiko eingehen. Warum nicht einen Act wie Sido, Seeed oder Bushido ins Rennen schicken? Weil man dann die aufs öffentlich-rechtliche Fernsehen abonnierten Zuschauer vergraulen würde? Weil die ästhetisch auf beige Mäntel schwört und musikalisch auf Hansi Hinterseer?

Den Geldhahn zuzudrehen wäre eine bittere Pointe

Deutschland muss nicht überrascht sein, ganz unten einsortiert zu werden: Das Land, das die Marschmusik vielleicht nicht erfand, aber erheblich verfeinerte, bringt es eben nur selten zu Leidenschaft wie Leichtigkeit. Würde die ARD - was sie erklärtermaßen nicht tun würde - jetzt damit drohen, den Geldhahn zur Eurovision zuzudrehen, wäre das eine besonders bittere Pointe der deutschen EU-Ratspräsidentschaft: Man liebt dann, so würde das restliche Europa lernen, ein gemeinsames Kultur- und Popfestival mit Punkten nur dann, wenn man quasi automatisch gewönne: Cicero hat in Helsinki eine klasse Show geboten - dem restlichen Europa erschloss sie sich nicht. Schade, aber kein Schaden.

In Wirklichkeit braucht das wichtigste gemeinsame Kulturprojekt namens Eurovision Song Contest keine Erpressungs- und Nötigungsversuche. Sondern anderes. Nämlich den Vorsatz, nächstes Jahr es abermals zu versuchen. Denn gewinnen kann nur einer - aber es würde schon gut tun, wenn aus Deutschland, angekündigt schon in der Vorentscheidung, ein Song käme, der auch MTV- und Viva-Sehern gefiele. Und zugleich den Älteren.

Das soll nicht zu machen sein, das Leichte, das so schwer zu bewerkstelligen ist? Na, dann wird es eben schwer. Im Übrigen hätte Marija Serifovic auch ohne die östlichen Stimmen gewonnen. Also zu Recht.

Verlierer sind dann schlechte Verlierer, wenn sie so tun, als steckte hinter allem nur miese Verschwörung. Deutschland wurde 19. am Samstag in Helsinki. Finnland, apropos, hat jahrzehntelang gräßlich abgeschnitten. Dann entschieden die Finnen sich, es mal modern und möglicherweise gegen die konservativen Meckerer zu versuchen. Lordi gewann haushoch. Ist das keine Stimulanz genug?

Jan Feddersen, Eurovisionsexperte auch in der ARD, ist Redakteur der taz in Berlin


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker