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1. ESC-Halbfinale: Haba, Haba keinen Ton

Favoriten-Sterben beim Eurovision Song Contest: Die Türkei ist ebenso raus wie Publikumsliebling Stella Mwangi aus Norwegen. Größter Verlierer des Abends war jedoch der Ausrichter NDR

Von Jens Maier, Düsseldorf

Es sollte eigentlich ein Witz sein. "Jeder, der schon mal versucht hat, zu Hause eine Stereoanlage zu verkabeln, weiß, dass die Show hier nicht fehlerfrei laufen kann", scherzte Moderator Stefan Raab noch am Montagabend auf einer Pressekonferenz. Thomas Schreiber, NDR-Unterhaltungschef und für den Eurovision Song Contest verantwortlich, saß lachend daneben. Schließlich hatte er, wie er es nennt, "die Besten" nach Düsseldorf geholt. Doch beim ersten Semifinale am Dienstagabend passierte genau das, was eigentlich nicht passieren darf: Eine Panne legte die Tonleitung der Kommentatoren lahm. Peinlicher Grand-Prix-Start für den Gastgeber Deutschland.

Europaweit herrschte Stille, auch in Deutschland. Über eine halbe Stunde waren die Kommentatoren aus mehreren der über 43 live zugeschalteten Länder nur per Telefonleitung zu hören, die Musik war jedoch nicht betroffen. Peter Urban und Steven Gätjen klangen auf ProSieben, als seien sie aus Kasachstan zugeschaltet. "Ersparen Sie mir bitte jeden Kommentar", sagte Urban und entschuldigte sich mehrfach. Die genaue Ursache für die Panne war am Dienstagabend noch unklar. Das Publikum in der Düsseldorfer Arena bekam von dem Chaos vor den Bildschirmen zum Glück nichts mit. "Hier funktionierte alles perfekt", sagte ein NDR-Mitarbeiter hinterher.

Das Publikum feiert Norwegen

Trotzdem waren auch die Zuschauer in der Halle nicht vor Überraschungen gefeit. "Haba, Haba", hatten sie zu Beginn der Show lauthals mitgegrölt. Die Norwegerin Stella Mwangi sorgte mit afrikanischen Klängen für gute Laune und Standing Ovations. Dass die gut 37.000 Zuschauer fassende Arena bei Weitem nicht ausverkauft war - der Oberrang blieb komplett leer - sollte der guten Stimmung keinen Abbruch tun. Mwangi war der Liebling der Zuschauer und wurde mit lauten "Norway, Norway"-Rufen gefeiert. Doch nur knapp eineinhalb Stunden nach ihrem Auftritt mussten die Düsseldorfer um ihre Favoritin bangen.

Im Greenroom hinter der riesigen LED-Wand saßen kurz vor Ende der Show noch immer drei Teilnehmer, für die das Ticket am Samstag so gut wie sicher schien: Norwegen, die Türkei und Armenien. Längst weiter hingegen waren vier, mit denen niemand so recht gerechnet hatte: Litauen - mit einer mittelmäßigen Ballade und dank Gebärdensprache. Georgien - mit vielen Showeffekten und trotz jeder Menge Krach. Serbien - mit einem schönen Lied aber psychedelischem Hintergrund im 70er-Jahre-Retro-Look. Und die Schweiz: "In Love For A While" plätschert beim ersten Hören ein bisschen vor sich hin, doch mit einem eindrucksvollen Auftritt überzeugte Anna Rossinelli Europa. "Jetzt muss sie nur noch ihr altbackenes Outfit ändern, dann kommt sie am Samstag unter die Top Ten", frohlockte ein Schweizer Fan nach der Show.

Finnland mit Weltverbesserungs-Ballade

Nicht nur auf einen vorderen Platz, sondern sogar auf den Sieg hofft der Russe Alex Sparrow. Und nach seinem grandiosen Auftritt am Dienstagabend dürften seine Chancen gestiegen sein. Er sieht nicht nur gut aus, zwinkert dem Publikum verschmitzt zu und vermag perfekt zu tanzen - sein Salto auf der Bühne wurde mit einem "Wow" und Szenenapplaus quittiert-, sondern er kann auch noch singen. Das musste der Finne Paradise Oskar erst gar nicht beweisen. Aber würde das Publikum seine Weltverbesserungs-Ballade, die auch der neue Werbesong für Greenpeace werden könnte, goutieren? "I'm going out in the world to save the planet", singt er. Und die Antwort lautet ja. Europa scheint nur auf ihn zu warten.

Russland und Finnland sind deshalb ebenso weiter wie Aserbaidschan: "Running Scared" heißt der Song von Ell und Nikki, eine Herzschmerzballade die scheinbar alles hat, was einen erfolgreichen Grand-Prix-Song ausmacht. Als sich am Ende dann auch noch eine Fontäne aus Feuer über die Bühne ergoss, war klar: Finale. Die Ungarin Kati Wolf dürfte mit ihrer Disconummer "What about my dreams" hingegen eher von Mitleidspunkten profitiert haben: Geradezu wie fest getackert stand sie auf der runden Bühne in Düsseldorf.

Raab wirkt neben Engelke wie ein Statist

Es ist kurz vor 23 Uhr. Neun der insgesamt zehn Plätze fürs Finale sind bereits vergeben. "Norway, Norway", fängt das Publikum an zu schreien, als Anke Engelke auf der Bühne fragt: "Who do you want to see in the final?" Sie hat ihren Job sehr gut gemacht. Auf die typische Anke-Art moderierte sie durch den Abend und ließ Tausendsassa Stefan Raab neben sich wie einen Statisten aussehen. Locker war das, geradezu begnadet. Fröhlich tanzend verliest sie die Punktevergabe. Für das Düsseldorfer Publikum hatte sie allerdings keine guten Nachrichten.

"Island", ruft Engelke, nachdem der letzte Umschlag geöffnet ist. Und während die Fans von "Sjonni's Friends" in Freudenschreie ausbrechen, rollen die Norweger, die Türken und auch die Armenier ihre Fähnchen ein. Erstmals seit 1994 hat sich die Türkei nicht qualifiziert, Armenien ist gar noch nie seit seiner ersten Teilnahme aus einem Halbfinale geflogen. "Der Grand Prix ist eben immer wieder überraschend", sagt ein armenischer Fan enttäuscht. Und auch die Türkei-Anhänger sind traurig. Schließlich hätte der Grand Prix in Deutschland so etwas wie ein Heimspiel für sie werden können. Jetzt ist der Eurovision Song Contest für sie vorbei, ehe er richtig angefangen hat.

Doch nicht die Türkei oder Norwegen sind die großen Verlierer des Abends, sondern der NDR. Die aufwändig gestaltete Bühne, die grandios inszenierten Hintergundfilme auf der LED-Leinwand und die charmanten Einspieler, in denen sich Deutschland vorstellte, konnten leider nicht über die Tonpanne hinwegtrösten. "Das ist ganz schön blamabel", sagte ein Fan in der U-Bahn von der Arena nach Hause, als er von der Kommentatorenpanne erfährt. "Dass ausgerechnet Deutschland so etwas passiert, grenzt an Ironie", sagte ein Mitarbeiter der britischen BBC. "Wenn das unserem Sender zuhause passiert wäre, würde uns die englische Presse dafür verreißen."