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Eurovision Song Contest 2011: Kasachstan, nicht Düsseldorf

Im ersten Halbfinale erlebt der ESC eine dicke Panne. Und damit ist nicht die Tagesform von Stefan Raab gemeint, sondern der minutenlange Tonausfall. NDR-Unterhaltungschef Schreiber ist "not amused".

Von Ingo Scheel

Von einer Show mit "olympischen Dimensionen" war im Vorfeld die Rede. Von Düsseldorf hinaus in die Welt wollte es der NDR beweisen, wie man den besten Grand Prix aller Zeiten auf die Beine stellt. Und der Aufwand vor Ort ist entsprechend gigantisch. Eine eigene Stromversorgung hat man in der Düsseldorf-Arena verlegt, zig Übertragungswagen bevölkern seit Tagen das Gelände, ein Media-Content-Designer kümmert sich einzig und allein um die riesigen LED-Wände. Selbst das Fahrstuhlfahren wurde verboten, um nur ja auch das letzte Fünkchen Risiko auszuschließen, das den geregelten Ablauf dieser Über-Veranstaltung untergraben könnte. Und dann das.

Die Hälfte aller Teilnehmer des ersten Halbfinales hatte gerade seinen Auftritt absolviert, da brach die Tonleitung in der Kommentatorenkabine zusammen. Während in der Halle munter weiter gefeiert wurde, war TV-Deutschland plötzlich ratlos – und mit ihm Rest-Europa. Die Sprecher im ganzen Sendegebiet waren von einer Sekunde auf die andere nicht mehr zu hören. Auch Peter Urban und Co-Moderator Steven Gätjen blieben stumm. Im Fall des letzteren – leidlich unterhaltsamer Sidekick-Rookie an der Seite des NDR-Urgesteins - war das vielleicht noch zu verschmerzen. Urban jedoch, dem Grand Seigneur des Grand Prix, hätte man gern weiter zugehört. Stattdessen läuft kurze Zeit später ein Laufband mit dem Hinweis auf die gestörte Tonleitung am unteren Rand durchs Bild. Auch auf Twitter wird hastig reagiert. "Internationale Fehlersuche in Sachen Ton. Sorry." zwitschert es auf der ProSieben-Seite.

Peter Urban mit Galgenhumor

Erst Minuten später kehrt der Ton aus der Sprecherkabine zurück. Alles im Lot ist aber längst nicht: Urban und Gätjen kommentieren jetzt via Telefonleitung. Eine wahre Freude für Old-School-Fans des ESC, atmet das hier doch wahres Grand-Prix-Feeling aus den Kindertagen des Wettbewerbs, als Hans-Joachim Rauschenbach das Geschehen kommentierte. Auch ProSieben scheint es im Auge des Orkans locker zu nehmen und macht mal eben einen Nager zum Sündenbock: "Der Ton sollte wieder tönen. Wir haben die Maus gefangen" twittert man beim Sender und verzichtet dabei nicht einmal auf den unvermeidlichen Smiley am Ende des Satzes.

Zum Lachen ist Peter Urban dagegen eher nicht zumute, doch zumindest findet er seinen Galgenhumor wieder. Unüberhörbar seufzend entschuldigt sich der 63-Jährige beim Publikum und mutmaßt, man würde wohl aus Kasachstan senden, statt aus Düsseldorf. Beim NDR dagegen ist richtig Dampf unterm Kessel. Wie aus Sender-Kreisen zu hören ist, soll Unterhaltungschef und ESC-Boss Thomas Schreiber "vor Wut kochen". Verhaltener klingt da das offizielle Statement des Senders. Bei den ISDN-Leitungen von den Kommentatoren-Kabinen ins Telekom-Netz hätte es Probleme gegeben, Experten würden an einer Lösung arbeiten.

Auf einer Pressekonferenz zum Thema gaben die NDR-Verantwortlichen an, mit einem "Stress-Test" die weitere Sicherheit der Übertragung zu garantieren. Jon Ola Sand (EBU Executive Supervisor), Thomas Schreiber (Leiter des ARD-ESC-Teams), Dieter Thiessen als Technischer Leiter des ESC und Thomas Riedel, Geschäftsführer von Riedel Communications, entschuldigten sich bei Zuschauern, Kommentatoren und Künstlern. Gleichzeitig wiesen die Verantwortlichen darauf hin, dass das Problem nicht in allen Ländern aufgetreten sein soll.

Die Ursache soll der vorübergehende Ausfall einer der beiden 64-Audio-Signal-Verbindungen gewesen sein. Das System wurde mittlerweile ausgetauscht. Ein sogenannter "Stress-Test" soll die Funktionalität nun bestätigen, ein zusätzliches Back-Up zudem sicherstellen, dass die Kommentatoren immer zu hören sind. Ein solches Back-Up kann übrigens auch ein Telefon sein. Moderator Peter Urban war mit seinem Handy also durchaus auf der Höhe der Zeit.

Schlechte Generalprobe, tolle Premiere

Das Dilemma um die ominöse Panne spiegelt sich auch in den Quoten wider: Nur 2,05 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 7,9 Prozent) verfolgten auf ProSieben das ESC-Debakel, der Marktanteil beim für den Münchner Privatsender wichtigen Publikum zwischen 14 und 49 Jahren betrug 12,7 Prozent. Das Gute im Schlechten: Viele Zuschauer blieben auch trotz der Panne: Bei "Eurovision Total" schauten ab 23:13 Uhr immerhin noch 1,18 Millionen Zuschauer zu. Der Marktanteil beim Gesamtpublikum stieg auf 9,5 Prozent, in der Zielgruppe wurden sogar 15,3 Prozent Marktanteil erreicht.

Wie hatte Stefan Raab am Vorabend der Sendung noch konstatiert: "Jeder, der schon mal versucht hat, zuhause eine HiFi-Anlage richtig zu verkabeln, der weiß, dass die Show hier nicht fehlerfrei laufen kann". Er sollte recht behalten. Doch wie lautet eine eherne Regel in Künstlerkreisen? Schlechte Generalprobe, tolle Premiere. Sollte das für den ESC gelten, muss der ARD mit Blick auf den Finalsamstag nicht bange werden.

(Mitarbeit: Jens Maier und Lars Peters)