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Eurovision Song Contest: Jury schützt vor Dummheit nicht

Die Idee ist ein tiefer Griff in die Trickkiste: Eine Jury soll Stars vor einer blamablen Niederlage beim Vorentscheid bewahren. Dabei haben gerade Jury-Entscheidungen zu kuriosen Ergebnissen beim Grand Prix beigetragen. stern.de erinnert an Skandale und peinliche Momente.

Von Jens Maier

Nach dem Abend des 13. Mai 1995 wussten alle Fernsehzuschauer, wo Malta liegt. Dabei fand der 40. Eurovision Song Contest in Dublin statt. Deutschland schickte die Gruppe "Stone&Stone" mit dem Liedchen "Verliebt in Dich" ins Rennen - und erlebte ein Debakel. Das Duo landete abgeschlagen auf dem 23. und damit letzten Platz. Deutschlands einziger Punkt kam von einer kleinen Insel im Mittelmeer: Malta. Der Satz "And one Point goes to Germany", wurde mit höhnischem Beifall vom irischen Publikum quittiert. Für das Grand-Prix-Gründungsmitglied Deutschland eine der größten Blamage seit Beginn des Wettbewerbs. Den Schlamassel angerichtet hatten allerdings nicht die Zuschauer.

Bei der Auswahl von "Stone&Stone" hatte der verantwortliche Sender MDR auf einen Vorentscheid verzichtet. Die bereits in den 80er Jahren erprobte Abstimmung per "Ted" oder Infratest-Befragung war abgeschafft worden. Wie eine interne Jury des Senders damals zu der Meinung kam, dass "Stone&Stone" ein würdiger Vertreter beim Grand Prix sein würde, ist ebenso unklar wie der Grund, warum der schiefe Live-Gesang den Maltesern einen Punkt wert war. Obwohl das bis dato schlechteste Abschneiden eines deutschen Beitrags (seit der Einführung eines neuen Wertung-Systems 1975) das Ergebnis war, soll jetzt ausgerechnet eine Jury den deutschen Vorentscheid retten.

Jury löst die Zuschauer ab

Der heute federführende NDR hat nach dem schlechten Abschneiden der "No Angels" (drittletzter Platz) den Vorentscheid 2009 abgesagt. Stattdessen sollen professionelle Sänger, Autoren und Komponisten Musiktitel einreichen. Anschließend wird eine Jury entscheiden, wer zum Song Contest nach Moskau fährt. Wie stern.de vom Sender erfuhr, steht noch nicht fest, wer in dieser Jury sitzen soll. Die Namen sollen außerdem erst nach der Entscheidung bekannt gegeben werden, "um mögliche Einflussnahmen von außen zu verhindern", wie eine Sendersprecherin sagte.

Die Jury-Idee ist nicht neu, sondern ein tiefer Griff in die Trickkiste der Eurovisionsregeln. Zwar durfte seit 1996 kein deutscher Teilnehmer mehr ohne Zuschauerbeteiligung zum Grand Prix fahren, davor waren Entscheidungen aufgrund eines Experten- und/oder Laiengremiums aber üblich. Das Regelwerk wurde nach Belieben angepasst, was dem Vorentscheid ein teilweise kurioses Procedere, nicht nachvollziehbare Ergebnisse oder sogar Schiebungsvorwürfen bescherte.

So stand Katja Ebstein 1971 bereits beim Vorentscheid als Grand-Prix-Sängerin fest. Eine Jury aus Experten und Laien hatte lediglich noch darüber zu befinden, mit welchem aus sechs vorgetragenen Liedern sie teilnehmen soll (die Wahl fiel auf "Diese Welt", sie belegte damit Platz 3). 1973 wurden sechs Künstler festgelegt - unter anderem Roberto Blanco, Cindy&Bert und Gitte Haenning -, die jeweils zwei Lieder vortragen durften (Gitte fuhr mit "Junger Tag" nach Luxemburg und belegte Rang 8). Als 1991 die Gruppe "Atlantis 2000" mit "Dieser Traum darf niemals sterben" von einer Publikumsjury zum Sieger gemacht wurde und nicht die favorisierte Cindy (ohne Bert), gab es Buh-Rufe im Publikum und Gerüchte über eine angebliche Schiebung. Der Vorwurf konnte nie bewiesen werden, gelohnt hätte er sich so oder so nicht: Die schlecht singende Gruppe wurde in Rom mit dem viertletzten Platz abgestraft.

Wie selbst Dieter Bohlen beim Grand Prix versagte

Gerüchte über Kungelei, das Fehlen von nachvollziehbaren Kriterien und die technische Möglichkeit, Zuschauer an der Entscheidung per Telefon flächendeckend einzubeziehen, waren es letztlich, die zur Abschaffung der Jurys führten. Warum der NDR sie jetzt doch wieder haben möchte? Man will den Teilnehmern die Schmach einer Niederlage bereits im Vorentscheid ersparen. "Es gibt namhafte deutsche Künstler, deren Bereitschaft zur Teilnahme ohne einen Vorentscheid größer ist", sagt ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber. "Wir wollen es dem einen oder anderen leichter machen, dabei zu sein."

In der Tat ist die Liste von Künstlern, die bereits im Vorfeld gescheitert sind, lang: Jeanette Biedermann, Rosenstolz, Jürgen Drews, Bernhard Brink (gleich vier Mal), Paola, Peter Cornelius, Roland Kaiser, Marianne Rosenberg, Ina Deter - ja sogar Katja Ebstein ist schon im Vorentscheid gestolpert (1975 gegen die großartige Joy Fleming). Ob aber der Kniff auf diesen zu verzichten ausreicht, darf bezweifelt werden. Noch peinlicher wird es nämlich, wenn Stars im Finale patzen: Cliff Richard, 1968 als hoher Favorit gehandelt, scheiterte an der Spanierin Massiel mit "La, La, La" und 1973 gleich noch mal an Anne-Marie David aus Luxemburg. Julio Iglesias musste sich 1970 der Irin Dana mit "All Kinds Of Everything" geschlagen geben. Außerdem gescheitert: Baccara, Ofra Haza, Albano & Romina Power und sogar Dieter Bohlen, der 1989 zwar nicht selbst, aber mit der Musik zu Nino De Angelos "Flieger" eine Bruchlandung (Platz 14) erlebte.

Die Angst, in Moskau an "No Names" zu scheitern, wird der NDR den Künstlern mit dem Verzicht auf den Vorentscheid nicht nehmen können. Bleibt zu hoffen, dass trotzdem nicht nur Ralph Siegel - der hat seine Teilnahme schon angekündigt - ins Rennen gehen wird und die Jury hochkarätig besetzt sein wird. Und falls es dann trotzdem wieder ein Desaster werden wird, haben die Zuschauer wenigstens einen Sündenbock: die Jury.