HOME

Chili-Peppers-Sänger Anthony Kiedis: "Ich habe Deutschland gehasst"

Am Freitag ist das neue Album der Red Hot Chili Peppers erschienen. Sänger Anthony Kiedis zeigt sich noch immer wild - und ein bisschen weise. Ein Gespräch über Drogen, Familie und Heidi Klum.

Anthony Kiedis

Sänger Anthony Kiedis war schon mit Nina Hagen und Heidi Klum liiert.

Anthony Kiedis steht auf dem Balkon einer Villa in Malibu. Vom Meer weht eine Brise. Kiedis hat seine schwarze Jacke bis zum Hals geschlossen. Er ist braun gebrannt, aber seine Wangen wirken eingefallen. Vor knapp einer Woche musste der Frontmann der Red Hot Chili Peppers in Irvine, Kalifornien, in letzter Minute ein Konzert absagen. Die Fans warteten schon, als Bassist Michael Balzary, genannt Flea, auf der Bühne erklärte, Kiedis sei auf dem Weg ins Krankenhaus. Die Medien meldeten später: heftige Magenschmerzen. Nach dem Tod von Prince und David Bowie in diesem Jahr war die Panik groß. Hatte es noch eine Rockgröße mit einer nicht gerade harmlosen Drogenvergangenheit erwischt?

"Keine Sorge", sagt Kiedis, "Bowie muss noch warten, bis ich ihn besuchen komme. Aber ich hatte höllische Krämpfe. Ich war weiß wie ein Geist und konnte mich kaum bewegen. Mein Körper hatte unterhalb des Magens aufgehört zu funktionieren." Die Schmerzen waren Spätfolgen einer Operation, bei der sie ihm die Gallenblase entfernt hatten. "Ich habe die Medikamente nicht mehr vertragen. Im Krankenhaus steckten sie mir Schläuche in die Nase und haben alles aus meinem Körper rausgeholt, was nicht reingehörte. Seitdem habe ich nichts Vernünftiges mehr gegessen."

Kiedis färbt sich mittlerweile die Haare

Kiedis nippt an einer Tasse Tee. Unter ihm rollen mächtige Wellen auf den Strand. "Guter Tag zum Surfen", sagt er. Seine eigene Villa liegt in Sichtweite etwas weiter südlich. Diese hier hat seine Plattenfirma für eine fünfstellige Summe von einem Milliardär aus Las Vegas angemietet, um das neue Album der Chili Peppers zu präsentieren. "The Getaway" kommt am 17. Juni auf den Markt. Melodische, harte Bassläufe bestimmen den Sound. Die erste Single "Dark Necessities" kletterte schnell hoch in die Charts.

54 wird er dieses Jahr. Sein Körper ist durchtrainiert, seine Haare und sogar der feine Schnäuzer sind gefärbt. In seiner Branche muss man dem Alter trotzen. Bei Konzerten tritt er immer noch mit freiem Oberkörper auf. Kiedis weiß, dass da draußen viele sind, die meinen, ein Rockmusiker sollte mit 40 in Rente gehen. Er findet es "legitim", wenn Leute das so sehen. "Bei manchen Bands bin ich ja selbst froh, wenn Schluss ist. Die Eagles konnte ich irgendwann nicht mehr hören. Aber manche Musiker haben eben eine längere Kreativphase. Ein Segen, dass David Bowie nicht in Rente gegangen ist. Wir haben auch noch Energie und sind neugierig. Kein Grund aufzuhören."

Die Red Hot Chili Peppers wollen keinen Kommerz

Also machen sie weiter mit ihrem Stil aus Funk, Rock, Rap und Pop. Und mit den Balladen natürlich. Niemals aber, so Kiedis, würde er einen Song für Castingshows wie "The Voice" hergeben. "Es würde unsere Musik billig machen. Wir haben die Songs doch nicht geschrieben, damit sie in einem Wettbewerb von Dilettanten gesungen werden. Wenn ein Straßenmusiker unsere Musik spielt, höre ich gern zu. Aber nicht, wenn es um Kommerz geht. Mir dreht sich auch der Magen um, wenn meine Lieblingssongs für Werbung benutzt werden."

Unten im Garten tollt Bassist Flea mit seiner Huskymischung herum. Fast stolpert er über die Stufe zur Terrasse. "Sorry, nicht aufgepasst", ruft er und lacht. Er hat kurzes graues Haar und ist genauso klein und zierlich wie Kiedis. Die beiden sind unzertrennlich. "Fast wie ein Ehepaar", scherzen Freunde. Kürzlich beschlossen sie, sich gemeinsam David-Bowie-Freundschafts-Tattoos stechen zu lassen. Beide haben sich Elektroautos von Tesla zugelegt. Und manchmal jagen sie wie Kinder umher und spielen "Toilet Tag": Wer gefangen wird, muss sich hinknien und gurgeln wie eine Toilettenspülung. Die zwei kennen sich seit der Fairfax High School in Los Angeles. Fleas Stiefvater war Jazz-Bassist, Anthonys Vater John Kiedis ein erfolgloser Schauspieler, Playboy und Kleindealer, der Rockgrößen wie Led Zeppelin mit Stoff versorgte. Anthony und Flea gründeten die Red Hot Chili Peppers, weil sie dachten, so könnten sie besser Frauen aufreißen.

Anthony Kiedis hatten Affären mit Cher, Demi Moore und Heidi Klum

2005, mit 42, veröffentlichte Kiedis seine Autobiografie, eine intime Sex- und Drogenbeichte. Er schildert darin, wie sein Vater ihm seinen ersten Joint gab und bald auch die Chili Peppers mit Drogen belieferte. Das Kokain verpackte er auf einer mexikanischen Kachel in kleine Portionen. 1988 starb der erste Gitarrist der Band an einer Überdosis Heroin. Nach dem Schock dröhnte sich Kiedis noch mehr zu. Sex hatte Kiedis das erste Mal mit zwölf - mit der Freundin seines Vaters. Der hatte das Mädchen dazu angestiftet: So würde sein Sohn schneller zum Mann. Kiedis entwickelte sich zum Frauenheld, unfähig, eine Beziehung zu führen. Es gab Jahre, da schlief er mit mehr als 100 Partnerinnen. "Wenn ich ein hübsches Mädchen sah, wollte ich es haben" , sagt er. Einmal saß er 60 Tage wegen sexueller Belästigung im Knast, eine Studentin hatte ihn angezeigt. Er hatte Affären mit Cher, Demi Moore, Mel C von den Spice Girls. Sogar mit Nina Hagen und Heidi Klum.

Seit acht Jahren ist Kiedis selbst Vater. "Das erste Mal, dass es in meinem Leben jemanden gibt, der mir wichtiger ist als ich selbst", sagt er. Sein Sohn Everly stammt aus der Beziehung mit dem Model Heather Christie, aber er zieht den Jungen allein groß. "Ich will, dass er sich geborgen fühlt. Etwas, das es in meiner Kindheit nicht gab. Er soll mehr Zeit bekommen als ich, um erwachsen zu werden." Und was, wenn der Junge seinen ersten Joint raucht? "Dann hat er den sicher nicht von seinem Vater bekommen. Trotzdem glaube ich, dass Grasrauchen eine Erfahrung ist, die jeder Teenager macht. Etwas Positives, weil es das Bewusstsein erweitert. Kokain ist anders. Wenn es überhaupt etwas Gutes an der Wirkung von Kokain gibt, wird es überschattet von Schmerz und Wahnsinn. Das würde ich meinem Sohn gern ersparen. Aber wenn er unbedingt eigene Erfahrungen machen will, kann ich wenig tun."

"Heute gibt es nur noch Typen, die versuchen Rockstars zu sein. Das ist lächerlich"

Fragt man ihn, ob sein Sohn schon versteht, dass sein Vater ein Rockstar ist, schüttelt er energisch den Kopf. "Ich bin Musiker. Das habe ich meinem Sohn erklärt. Rockstars gab es in den Siebzigern. Heute gibt es nur noch Typen, die versuchen, Rockstars zu sein. Die sind lächerlich." Und was ist mit seiner wilden Vergangenheit? Wird er seinem Sohn davon erzählen? "Kein Sohn auf der Welt will sich die Sexgeschichten seiner Eltern anhören." Und wenn er eines Tages genauso verrückt wie sein Vater nur mit einer Socke über der Männlichkeit auf einer Bühne steht? Da lacht Kiedis. "Sich eine Socke über den Schwanz zu ziehen ist absolut akzeptabel."

Anthony Kiedis setzt sich auf einen großen Korbsessel, aber er lümmelt nicht, sondern beugt sich seinem Gesprächspartner höflich entgegen. Seine Hände liegen ruhig im Schoß, nur manchmal greift er nach der Teetasse. Er sagt, dass er bis heute zweifelt, ob es eine gute Idee war, die Autobiografie zu veröffentlichen. Denn was ursprünglich die lustige Geschichte eines Jungen aus West-Hollywood werden sollte, wurde auch eine Anklage vor allem gegen seinen Vater. "Ich habe alle in meiner Familie gebeten, das Buch nicht zu lesen. Ich habe gesagt, es ist zu verletzend." Hat sich jeder daran gehalten? "Meine Mutter bestimmt. Bei meinem Vater bin ich mir nicht sicher." Verstehen sie sich noch? "Oh ja, ich liebe meinen Vater. Ich habe ihm eine Menge Spaß zu verdanken. Und er ist nicht an all meinen Abstürzen schuld."

Ganz oder gar nicht

Kiedis hat etliche Entziehungskuren hinter sich, ging regelmäßig zu den Anonymen Alkoholikern. Seit mehr als 15 Jahren ist er clean. Keine Drogen, keine Zigaretten, "nicht mal ein Bier", sagt er. Lange lebte er vegetarisch, bis ihm sein Arzt davon abriet. "Seitdem esse ich wieder Fleisch, aber nur von grasenden Tieren, die in der Wildnis leben. Am liebsten Büffel oder Ziege." Wann immer es möglich ist, paddelt er mit seinem Surfbrett auf dem Pazifik und wartet auf die perfekte Welle. "Wenn in Mexiko Hurricane-Saison ist, haben wir den besten Swell. Da brennt die Küste. Gut, dass ich erst so spät mit dem Surfen angefangen habe, sonst hätte ich es wohl zu gar nichts gebracht." Auch sein gesundes Leben lebt Kiedis extrem: "Ganz oder gar nicht. So funktioniere ich am besten."

In diesem Jahr spielten die Chili Peppers in Los Angeles ein Gratiskonzert für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders, der dagegen kämpft, dass Amerikas Superreiche das Land kontrollieren und der sich für einen Sozialstaat nach europäischem Vorbild einsetzt. "Er ist der einzige Politiker, der nicht nur an sich selbst denkt", sagt Kiedis. "Daran, wie er noch reicher und noch mächtiger werden kann. Ich bin nicht in allen Punkten seiner Meinung. Aber er ist ehrlich, deshalb haben wir seine Kampagne unterstützt." Was würde er Donald Trump sagen, sollte der ihn fragen, ob er einen Peppers-Song für einen Wahlspot haben darf? "Er ist ein widerlicher Tyrann aus einer faschistischen Welt. Er verbreitet Hass. Er verkörpert nichts, wofür wir stehen."

"Ich habe Deutschland gehasst"

Wo wir schon bei Politik sind, würde er Drogen legalisieren? Kiedis denkt eine Weile nach. "Alle Bundesstaaten, die Marihuana erlaubt haben, scheinen davon zu profitieren. Nehmen wir Colorado, da hat weder die Kriminalität zugenommen noch die Zahl der Verkehrsunfälle. Dafür haben sie steuerliche Mehreinnahmen, die sie in Bildung investieren. Ich denke nicht, dass Drogen das Problem sind, sondern wie Menschen sie missbrauchen. Ob man auch harte Drogen wie Kokain erlauben sollte, ist natürlich komplizierter. Doch wenn es zu weniger Kriminalität führt und den Drogenkartellen die Macht nimmt, sollte man drüber nachdenken."

Seine Teetasse ist fast leer, jetzt noch ein Paar Worte über Deutschland. Er hat einmal gesagt: "Ich habe Deutschland gehasst. Erst mit der Zeit habe ich seine Kultur und seine Menschen lieben gelernt." Was war das Problem? "Als junger Mann braucht man etwas, wogegen man sich auflehnen kann. Bei mir war das Deutschland. Wahrscheinlich, weil es so einfach war. Deutschland bedeutete für mich damals Strenge und Humorlosigkeit. Das war natürlich nur die begrenzte Interpretation eines Teenagers. Je öfter ich dorthin reiste, desto mehr habe ich es geliebt."

"Richtig verstanden habe ich die Frauen noch immer nicht"

Seine ultimative Deutschland-Erfahrung war ein Weihnachtsfest im Kreise der Familie Klum, 2002. Da hatte er seine Affäre mit der damals 29-jährigen Heidi. Sie hatte sich seinetwegen sogar von ihrem ersten Gatten, dem Friseur Ric, getrennt. "Heidi und der wilde Rocker", "Heidi küsst jetzt schärfer", derartig lauteten die Schlagzeilen. Hat Heidi Klum sein Deutschlandbild verändert? "Nein, das war eher Nina Hagen. Mit der war ich Anfang der Achtziger mal zusammen. Die hat mir gezeigt, dass es da ein ganz anderes Deutschland gibt. Kreativ, wild, ungezähmt. Nina war so selbstbewusst. Alle fanden sie cool." Und Heidi? "Ein Mensch mit einem unfassbar großen Herz. Uns verbindet immer noch viel, auch wenn wir wenig Kontakt haben. Sie lädt mich jedes Jahr zu ihrer Halloween-Party nach New York ein. Aber ich bleibe in Malibu und ziehe mit meinem Sohn für 'Süßes oder Saures' umher."

Kiedis lehnt sich in den Sessel zurück, das Interview ist fast um. Hat er endlich eine feste Partnerin gefunden? Er schüttelt den Kopf. Aber wird es nicht auch für einen berühmten Casanova der Rockgeschichte irgendwann Zeit, sich zu binden? "Vielleicht liegt es daran, dass ich nie gelernt habe, in einer Beziehung zu leben", sagt er. "Und so blöd es klingt: Richtig verstanden habe ich die Frauen immer noch nicht. Sie bleiben ein Mysterium." Heißt das, er will allein alt werden? "Über diese Frage habe ich gestern mit einem Freund gesprochen: Konzentrieren wir uns darauf, die eine Person zu finden, die zu uns passt, oder bleiben wir Single? Ich bin für beides offen. Wenn die Richtige kommt - wunderbar. Wenn nicht, akzeptiere ich, was das Universum für mich vorgesehen hat."