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TV-Kritik "Günther Jauch" Neonazis "sind Bestandteil der Verteidigungskette"


Bei Günther Jauch trafen die Botschafter von Russland und der Ukraine aufeinander und schockten mit irrwitzigen Vorwürfen. Norbert Röttgen und Jauch bemühten sich derweil um einen Frieden.
Von Andrea Zschocher

Bei Günther Jauch saßen am Sonntag der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk, und der russische Botschafter, Wladimir M. Grinin, nebeneinander. Doch die Nähe täuschte, gedanklich waren die beiden sehr weit voneinander entfernt. Denn während Melnyk stets betonte, "die Ukraine will Frieden", zweifelte Grinin daran. Auf Jauchs Nachfrage erklärte der russische Botschafter, dass alle Punkte von Minsk II "zufriedenstellend" seien. Fraglich sei es aber, laut Grinin, ob die Ukraine sich an die Vereinbarung halten wird.

Minsk II ist das Ergebnis von 17 Stunden Verhandlung, in zehn Punkten wurde ein Friedensabkommen für die Ukraine ausgehandelt. Studiogast Norbert Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag erklärte, dass die vereinbarte Waffenruhe nicht sofort am Donnerstag mit Unterzeichnen von Minsk II durchgesetzt werden konnte, weil die Separatisten aus strategischen Gründen auf eine zweitägige Vorlaufzeit gedrungen hatten.

"Waffen können von überall kommen"

Der Abzug schwerer Waffen ist ein zweiter, zentraler Punkt bei Minsk II. Röttgen forderte Russland auf, den Druck auf die Separatisten zu erhöhen. Denn nur so kann der Frieden in der Ukraine gelingen. Grinin verstand diesen Vorwurf nicht und gab zu bedenken, dass Russland keine Waffen an die "Aufständigen" liefere.

Zur Beweisführung war er sich auch nicht zu schade, zu behaupten, dass die Panzer und Waffen der Separatisten von überall herkommen könnten. Und auch die Ukraine lieferte, laut dem russischen Botschafter, indirekt Waffennachschub.

Grinin griff zu einer wenig plausiblen Erklärung: "Die Ukrainer haben viele Waffen verloren." Die hätten die Separatisten eben an sich genommen. Und wenn nicht herumliegende Waffen für die Kämpfer zur Verfügung stehen würden, dann könnten die Separatisten die Waffen auch auf dem Markt kaufen. Der ukrainische Botschafter unterbrach an dieser Stelle nicht, wies nur darauf hin, dass Panzer und Waffenmodelle nicht in der Ukraine zu bekommen wären. Überhaupt fiel auf, dass sich beide Männer nie ins Wort fielen, jeder ließ den anderen ausreden. In Zeiten von Krieg und Frieden waren beide um gegenseitiges Zuhören bemüht.

Der Westen muss vermitteln

Röttgen und Jauch waren an diesem Abend die Vermittler zwischen Russland und der Ukraine. So sah Röttgen auch generell die Aufgabe des Westens. Druck ausüben und Hilfe anbieten, ohne Waffenlieferung. Dies war der Wunsch von Melnyk, der sich, im Falle eines Scheiterns von Minsk II genau das wünschen würde. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag konnte die Forderung nach Waffen zwar nachvollziehen, glaubte aber, dass dies der falsche Weg ist. Es würde, so Röttgen, Putin in die Arme spielen. "Putins Ziel ist die Spaltung des Westens", glaubt Röttgen und die Forderung nach Waffen hilft Putin, dieses Ziel zu erreichen.

Minsk II fordert auch, dass bis Ende des Jahres regionale Wahlen in Donezk und Lugansk durchgeführt werden. Jauch wollte wissen, ob dies nicht auch die Möglichkeit in sich bergen würde, dass sich die Ukraine dann in ein pro-russisches und ein pro-westliches Land spalten würde. Röttgen sah dies aber als eine Chance: "Es ist Sache der Ukraine, das zu entscheiden." Und, so der CDU-Mann weiter, diese Entscheidung müsste dann auch akzeptiert werden.

Verteidigung durch Neonazis

Nicht akzeptieren konnte Jauch, dass in der ukrainischen Verteidigung auch Neonazis kämpften. Dies verharmloste der ukrainische Botschafter: "Diese Verbände werden von Kiew kontrolliert und koordiniert." Wie wahnwitzig dies ist, kümmerte Melnyk nicht. Auf Jauchs mehrfaches Nachfragen, ob er sicher sei, dass die Rechten in der Ukraine gegen Russland kämpfen, ließen Melnyk kalt.

Seine schlichte Argumentation: Die Neonazis "sind Bestandteil der Verteidigungskette", weil ohne sie die Verteidigung gegen Russland sehr viel schwieriger gewesen wäre, erklärte er. Dieses Thema wurde nicht weiter ausgeführt, hinterließ aber, ähnlich wie der Vorwurf, in der Ukraine könnten Panzer und Waffen auf dem Markt gekauft werden, Unverständnis.

Freilassung von Soldatin gefordert

Auffallend an diesem Abend bei Günther Jauch war, dass beide Botschafter sich wenig diplomatisch äußerten. Es schimmerte immer wieder durch, dass hier nicht nur Staatsmänner im Dialog standen, sondern auch Männer aus der Ukraine und aus Russland. Dies wurde besonders am Ende der Sendung deutlich, als Andrij Melnyk, von Jauch auf seinen Anstecker angesprochen wurde, ein Plädoyer auf Nadiya Savchenko hielt.

Die Soldatin wurde im Osten der Ukraine von Separatisten gefangen genommen und wird noch immer festgehalten. Ihre Freilassung sei existenziell, ebenso wie der Frieden in der Ukraine. Das Gespräch der beiden Botschafter bei Günther Jauch machte dafür allerdings wenig Hoffnung. Denn statt sich aufeinander zuzubewegen, warfen sich Melnyk und Grinin nur gegenseitiges Fehlverhalten vor. Norbert Röttgen positionierte sich für eine Annäherung. "Man muss es immer wieder versuchen", sagte er. Solange, bis Frieden herrscht in der Ukraine.


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