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TV-Kritik

"Anne Will": Revierderby als Geisterspiel? Jetzt stehen die ersten Bundesliga-Spiele ohne Zuschauer bevor

Die Bundesliga soll auf Empfehlung des Gesundheistministerium die Zuschauer aussperren, aber "Coronaferien" für alle Schulen, Unis und Kindergärten sind noch umstritten – jedenfalls in der Talkrunde bei Anne Will.

Von Jan Zier

Eine Frau mit kurzen, braunen Haaren steht vor einem Fenster und füllt ein Formular aus
DPA

Wenn die Zahl der Infektionen in Deutschland täglich zunimmt und Panik umgeht, ist das natürlich auch ein, nein: das Thema für Anne Will: "Wie berechtigt ist die Angst vor dem Coronavirus?"

Wer hat diskutiert?

Karl-Josef Laumann (CDU), Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Nordrhein-Westfalen

Ranga Yogeshwar, Wissenschaftsjournalist

Susanne Herold, Professorin für Infektionserkrankungen der Lunge

Sibylle Katzenstein, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Geriatrie

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

Wie lief die Diskussion?

Nicht immer sitzt so viel Expertise zum Thema in einer Runde bei Anne Will, schon gar nicht so viel wissenschaftlich geschulte. Und während Anne Will nach immer radikaleren Maßnahmen fragt und der Angst wie auch der Skandalisierung gern noch ein wenig Vorschub leistet, bemühen sich die Gäste tapfer um Sachlichkeit.

Am Ende ist sich die Runde einig, dass es gut und sinnvoll ist, wenn nun Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern abgesagt werden, und, ja: das betrifft auch die Spiele der Fußball-Bundesliga, die dann ohne Zuschauer ausgetragen werden müssten. Laumann verkündet, die Empfehlung des Bundesgesundheitsministeriums an die örtlichen Gesundheitsämter weiterzugeben: "In Wahrheit ist es wie eine Anordnung", so Laumann. Demnach wären allein in dieser Woche drei Partien der höchsten Spielklasse betroffen: das Nachholspiel Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln am Mittwoch (18 Uhr), Fortuna Düsseldorf gegen den SC Paderborn am Freitag (20.30 Uhr) und Köln gegen Mainz 05 am Samstag (15.30 Uhr).

Bei der Frage, ob Schulen, Universiäten, Kindergärten oder auch Unternehmen nun mal zwei oder mehr Wochen "Coronaferien" machen sollten, ist die Meinung nicht ganz so eindeutig. Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar ist dafür, die Allgmeinärztin Sibylle Katzenstein auch – Susanne Herold indes, Professorin für Infektionserkrankungen, ist zurückhaltender. Sie plädiert für "pragmatische Lösungen".

Der besondere Moment

Am Anfang darf lange ein Opensänger reden: Michael Volle, der gerade zu Hause in Quarantäne sitzt, weil er Kontakt mit einem Corona-Infizierten hatte. Die Szene mit dem etwas wackligen Video soll wohl die Dramatik der Sendung steigern, die doch erklärtermaßen zu einem vernünftigen Umgang mit der Situation beitragen will. Herrn Volle geht es gut, erfahren wir, und wann er wo beim Arzt war und wie lange er da warten musste. Nun denn. "Es ist kein idealer Zustand", sagt er dann, und dass sein Gefühl "ein bisschen komisch sei". Der Erkenntniswert? Keiner. Außer, dass jetzt manche einen Opernsänger aus dem Fernsehen kennen, von dem sie vorher noch nie gehört haben.

Die Erkenntnisse

– Weltweit sind bisher rund 3800 Todesfälle infolge von Coronavirus-Infektionen zu beklagen, davon bisher kein einziger in Deutschland. Hierzulande liegt die Zahl der Infizierten momentan bei rund 1000. "Das klingt nicht nach viel", sagt Yogeshwar – und warnt doch vor einem "exponentiellen Wachstum": In vier Wochen wären es demnach schon 8000 Fälle, Ende April weit über 100.000 Fälle. Ein Infizierter steckt im Schnitt etwa drei andere Menschen an, sagt Herold.        

– In der Stadt Wuhan liegt die Mortalität derzeit bei 5,4 Prozent, erklärt Susanne Herold – in der Region Wuhan waren es nur noch 0,7 Prozent. Zum Vergleich: Seit Oktober 2019 gab es laut Robert-Koch-Instiutut 202 Grippetote und 119.280 Infizierte in Deutschland – das entspricht einer Mortalität von knapp 0,2 Prozent. Die Zahl der Todesfälle kann bei den einzelnen Grippewellen aber stark schwanken – zwischen mehreren hundert bis über 20.000.

– 20.000 Tests auf Coronaviren sind derzeit pro Tag in Deutschland möglich, sagt Minister Laumann.

– Kleinkinder sind nur selten von Corona-Infektionen betroffen – sie sind offenbar besser durch Antikörper geschützt. Zudem wird bisher davon ausgegangen, dass immun ist, wer einmal eine Infektion überstanden hat. Wie lange, ist aber unklar. Virus-Infektionen, die die Lunge schädigen, treten jedoch vor allem in den Wintermonaten auf.     

– Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung geht davon aus, dass die Arbeitslosigkeit infolge des Coronavirus in Deutschland ansteigen wird. Er fordert schon mal ein Konjunkturprogramm – unter anderem eine temporäre Senkung der Mehrwertsteuer, um den Konsum anzukurbeln.   

– Die Ärztin Sibylle Katzenstein bietet nun Video-Sprechstunden in ihrer Praxis an – von der Kasse bezahlt wird das bisher aber nicht.

Fazit

Die Runde ist sich einig, dass Hamstern absurd und die mediale Berichterstattung über das Coronavirus oft "zu hysterisch" ist. Die Medien sollten nicht nur "Erregungsbewirtschaftung" betreiben, sagt Journalist Yogeshwar. Bei Anne Will ist das allerdings nur zum Teil gelungen.