HOME

"Christiansen"-Nachfolge: Streit beigelegt, die Streitbare erwählt

Beim Streit um die Nachfolge von Sabine Christiansen wirkte die ARD wie ein eitler Gockelstall. Jetzt lenkte Pleitgen ein - zugunsten einer Frau, die für ihr hartnäckiges Nachhaken berüchtigt ist: "Tagesthemen"- Moderatorin Anne Will.

Von Alexander Kühn

Seit langem wieder eine gute Nachricht aus der ARD: Es ist vollbracht. Um 13.52 Uhr stieg weißer Rauch aus den Nachrichtentickern, die Intendanten hatten sich geeinigt, Anne Will wird die neue Sabine Christiansen. Es sei eine gute Entscheidung, sagte der ARD-Vorsitzende Fritz Raff um 14 Uhr in der "Tagesschau", er war zugeschaltet von der Tagung der ARD-Intendanten in Frankfurt - und sah arg abgekämpft aus.

Waren ja auch schwere Wochen, seit Günther Jauch abgesagt hatte. Die ARD stand als Deppenverein da. Derweil brachten die Regionalfürsten ihre Kandidaten in Stellung. Noch-WDR-Chef Fritz Pleitgen wollte Frank Plasberg durchdrücken, den Dompteur des hoch gelobten Talks "Hart aber fair" aus dem Dritten Programm. NDR-Chef Jobst Plog setzte auf Anne Will, seit 2001 das weibliche Gesicht der "Tagesthemen"; weniger hart als Plasberg, aber glamouröser und Quoten-versprechender. Und dann war da noch von Sandra Maischberger die Rede, aber das war vielleicht nie so ganz ernst gemeint; die tut, was sie immer tun wollte, nämlich talken, und jetzt wird sie erstmal Mutter.

Krieg der Dickköpfigen

Ein Krieg der dickköpfigen alten Männer schien heraufzuziehen. Die Frage war nicht: Will oder Plasberg - die qualifizierte Frau oder der qualifizierte Mann? Sondern: Plog oder Pleitgen! Bis Letzterer vergangene Woche sanftmütig verkündete, er wolle ja keinen Krawall. Warum auch, wo er ohnehin bald in Ruhestand geht; nein, als Spielverderber sollte man ihn nicht in Erinnerung behalten.

Jetzt können beide zufrieden sein, der alte Mann in Köln und der alte Mann in Hamburg: Will, die Schöne, die ihre Gesprächspartner mit sanfter Hartnäckigkeit knackt, talkt ab September am Sonntagabend; Plasberg, spitze Nase, spitzes Kinn, immer arg energisch, darf bald auch ins Erste, ein Sendeplatz für ihn wird gesucht. Erst für 2008, bei der ARD geht alles etwas langsamer - aber so lange kann er jetzt auch noch warten.

Dass er ins Erste will, hat Plasberg oft kundgetan. Gefragt und ungefragt. Anne Will dagegen hielt sich in den vergangenen Wochen arg zurück. Dem stern teilte sie am Wochenende mit, sie werde sich erst Dienstag zu der Personalie äußern, wenn die ARD dazu eine Pressekonferenz gebe.

Anne Will drängt sich nicht auf

Sie ist keine, die laut "hier" schreit, wenn irgendwo Jobs verteilt wurden. Will, die beim SFB volontierte, wollte eigentlich lieber beim Radio bleiben; nur auf Drängen des damaligen Sportchefs trat sie vor die Kamera. Sie moderierte den "Sport-Palast" und die Talks "Mal ehrlich" und "Parlazzo". Und als Heribert Fassbender anrief und sie für die "Sportschau" wollte, sagte Anne Will erst mal ab. Erst beim zweiten Anruf, zwei Jahre später, sagte sie ja. Auch für die "Tagesthemen" bewarb sie sich nicht; nein, man bat sie zum Gespräch.

Fleißig ist sie seit eh und je, machte ein Abi von 1,5, und wenn sie sich verspricht, dann wiederholt sie das Wort abends dreimal beim Zähneputzen. Journalistin wollte sie werden, seit sie 16 war. Mit 19 fing sie bei der Kölnischen Rundschau an, fuhr im grünen Käfer über die Dörfer und besuchte die Schützenfeste. Jetzt also der große Sonntagabend.

Frau Christiansens Konzept geht ja ungefähr so: Jeder Gast darf sagen, was er will, und am Ende ist die Nation so schlau wie vorher. Magische Momente: bitte, nicht doch. Vielleicht wird das jetzt anders werden mit Frau Will. Der damalige SPD-Chef Franz Müntefering hatte ihr vor zwei Jahren gestanden, er stehe in der Partei "mitten im Getümmel", da hatte sich einer im Angesicht der Charmeoffensive um Kopf und Kragen geredet. Den Noch-Kanzler Schröder, zugeschaltet aus Amerika, löcherte sie so sehr mit Fragen zur vorgezogenen Wahl, bis der sie anpampte, man habe doch vereinbart: nur Fragen zur Außenpolitik.

Gabi Bauer an Talk gescheitert

Solche Momente, wie würde man sie sich wünschen für den Sonntagabend. Nur ist der Talk anderen Gesetzen unterworfen als ein kurzes Interview. Die Gäste müssen gut sein, zueinander passen und kontrovers diskutieren. Und man muss wissen, wann man dazwischen grätscht und wann man besser die Klappe hält.

Gabi Bauer, Wills Vorgängerin bei den "Tagesthemen", fiel mit ihrem Talk ziemlich auf die Nase und wird seither im "Nachtmagazin" versteckt. Man mag Anne Will wünschen, dass es ihr anders ergehen wird. "Nach den Tagesthemen kann nicht mehr viel kommen", hat sie einmal gesagt. Da hat sie sich mal verdammt geirrt.

Die ARD steht indes vor dem nächsten Problem: Wer wird die neue Anne Will? Wen stellt man Tom Buhrow an die Seite, der noch nicht ganz so glücklich wirkt in seinem Job? Gut, dass die Intendanten das heute nicht auch noch entscheiden mussten.