HOME

"Switch Reloaded": Geniale Raubkopien

In der Comedy-Reihe "Switch Reloaded" werden Stars und Sternchen aus dem Fernsehen parodiert. Die Show ist das Amüsanteste und Bösartigste, was zurzeit im TV läuft. Jetzt sendet ProSieben die neue Staffel.

Von Hannes Roß

Es gibt Momente, da ist man glücklich, dass das deutsche Fernsehen mitunter so öde ist. Da freut man sich über Menschen wie Beckmann, Kerner und Silbereisen. In solchen Augenblicken kann selbst die Existenz des RTL-Schuldenberaters Peter Zwegat beglücken, weil es ohne Zumutungen wie diese "Switch Reloaded" nicht geben würde. Die Parodie- Show ist das Amüsanteste und Bösartigste, was zurzeit im deutschen Fernsehen läuft. Eine liebevoll inszenierte Schlachtbank für Stars und Sternchen aus der Flimmerkiste. In kurzen Sketchen werden TV-Sendungen und deren prominentes Personal parodiert. Die Studiokulissen sind identisch nachgestellt, und die Schauspieler sehen mit Perücken und Masken ihren Vorbildern täuschend ähnlich.

Da sitzt also Beckmann im Beckmann-Studio und nennt Heidi Klum "einen geilen blonden Fickschlitten", oder Florian Silbereisen hüpft mit einem Schwiegersohnlächeln vors Volkmusik-Publikum und ruft: "Um die Bombenleger und die Neger, um die müssen wir uns jetzt nicht mehr kümmern, die erledigt jetzt die Bundeswehr." Die einzelnen Sketche werden durch kurzes Schneegestöber unterbrochen und so aneinandergefügt, als würde man sich mit der Fernbedienung durchs Programm zappen. Schnelles Tempo, hohe Gagdichte, ein hochamüsantes TV-Konzentrat in 25 Minuten. So wünscht man sich deutsches Comedy- Fernsehen schon seit Jahren.

Hinter dem Erfolg

steckt die Kölner Fernsehproduktionsfirma Hurricane, die bereits mit der Improvisations-Comedy- Show "Schillerstraße" einen Volltreffer landete. Kürzlich kassierten die Macher hintereinander den Deutschen Comedy- und den Deutschen Fernsehpreis. Und auch die Quoten stimmen: Jede Woche schaut gut eine Million Menschen dabei zu, wie Promis und Halbpromis aus dem Fernsehen hingebungsvoll hingerichtet werden. Manchmal sind die Kopien sogar populärer als die Originale. Bei Youtube etwa stehen die "Switch Reloaded"- Karikaturen Beckmann und Silbereisen im Ranking vor den echten TV-Stars.

Aber nicht nur zeitgenössische Figuren wie Nena, Stefan Raab, Elke Heidenreich, Oliver Kahn, Heidi Klum, Bill Kaulitz oder Claus Kleber werden hinreißend vorgeführt, das Meisterstück der Show ist die Hitler- Parodie "Obersalzberg". Darin spielt Michael Kessler, Theaterschauspieler und der heimliche Held der Show, eine Mischung aus Adolf Hitler und Stromberg, jenem Ekelchef aus der gleichnamigen Pro-Sieben- Serie. Kessler gibt Hitler als ein schmächtiges Büro-Würstchen, dem nichts gelingt. Weder beim Blitzkrieg noch bei Frauen. Er leidet darunter, dass seine Mitarbeiter seinen "Führergeburtstag" vergessen, und steht unter strenger Aufsicht seines Vorgesetzten Joseph Goebbels. Gedreht wird das Ganze in einer Kölner Büroetage, wo die Hakenkreuze nicht nur auf Teppichen prangen, sondern wo es auch eine Schreibmaschine gibt, die nur Hakenkreuze tippt.

Wenn man Michael Kessler danach fragt, ob er Bedenken hatte, diese Rolle zu übernehmen, schüttelt er den Kopf. "Nein, die Idee ist ja genial, diese Mischung aus einer historischen und einer Fernsehfigur." Es habe auch keinerlei Beschwerden über die Sketche gegeben. Seinen Eltern würde er sie aber nicht vorführen. Michael Kessler, 41, blond, klein und drahtig, ist einer von neun Schauspielern, die regelmäßig bei "Switch Reloaded" mitarbeiten. Fast alle haben sie ihr Handwerk am Theater gelernt, sie sind Perfektionisten, was man schnell bemerkt, wenn man einmal die Gelegenheit hat, ihnen beim Arbeiten zuzuschauen.

Köln, ein Hinterhof mit einem Auto- und Möbelhändler, dahinter das Aufnahmestudio. Davor lungern Oliver Kahn, Elke Heidenreich und Charlotte Roche herum. Kahn zieht Grimassen, Heidenreichs Haare sehen aus, als hätte ein Vogel ein Nest darin gebaut, und Charlotte Roche ist groß und strahlend und schön. Viel schöner als die echte Charlotte, aber wenn sie beginnt, mit mädchenhafter Kaugummistimme zu sprechen, vergisst man schnell, dass man die Schauspielerin Martina Hill vor sich hat. Drinnen überprüft Peter Nottmeier, der schon die großen Waffelohren von Kerner drankleben hat, noch mal, wie sein Vorbild funktioniert. Auf einem kleinen Bildschirm läuft der Ausschnitt einer Kerner-Sendung. Wie stehen die Füße? Wie hält er den Kopf, wie hält er dieses Dauergrinsen? Wie guckt er betroffen? Wie klopft er immer wieder Hilfe suchend mit seinen Fragenkarten auf den Tisch? "Eine Figur raufschaffen" nennen sie das hier.

Martina Hill wird gleich das erste Mal in die Rolle von Charlotte Roche schlüpfen. Die vergangenen Wochen hat sie sich rund um die Uhr von Charlotte Roche berieseln lassen. Sie sah sich zu Hause stundenlang Videos an, und wenn sie mal raus musste, dann hatte sie Roches Stimme per MP3-Player im Ohr. Ähnlich arbeitet auch Max Giermann, 33, der mit seinen Parodien von Kahn, Beckmann und Stefan Raab brilliert und sich nun an Chef-Ironiker Harald Schmidt herangewagt hat. "Es kann schon passieren", sagt er, "dass mir der Kahn auch mal im Privatgespräch herausrutscht."

Und was sagen

eigentlich die Parodierten, die Bloßgestellten? Sie sind begeistert. Heidenreich, Gottschalk, Raab lieben die Sendung, selbst der böse vorgeführte Silbereisen outete sich als Fan. Er lud sein Double sogar in seine Volksmusikshow ein, aber Michael Kessler lehnte dankend ab. "Auf eine inszenierte Verbrüderungsnummer hatte ich keine Lust."

Nur eine wollte in den Jubelchor nicht einstimmen: Katharina Saalfrank, die RTL-Supernanny. Sie bedauere, dass ihr Erziehungskonzept nicht richtig rübergebracht werde. Nun ja, in diesem Punkt mag sie recht haben. In einem der Sketche legt sie den übereifrigen Reinhold Beckmann über seinen Interviewtisch und versohlt ihm den Hintern.

Die neue Staffel läuft ab dem 24. März dienstags um 22.10 Uhr auf Pro Sieben

print