HOME
TV-Kritik

"Anne Will": "Angela Merkel ist peinlich und narzisstisch"

Angela Merkel hat es getan – und sie macht es wieder. Ihre Kanzlerkandidatur war Thema bei Anne Will. Wird nun weitergemerkelt? Im Gespräch kommt nicht nur "Mutti" sondern auch die Nation auf die Psychocouch. Diagnose: Deutschland ist im Gefühlsstau. 

Von Sylvie-Sophie Schindler

Angela Merkel zu Gast bei Anne Will

Angela Merkel zu Gast bei Anne Will

Sie sagt: "Ich will wieder". Und das heißt übersetzt: Frau Merkel merkelt weiter. Oder hat es sich letztlich doch ausgemerkelt? Sonntagabend. Wieder sitzt man heimelig bei Anne Will und erwärmt sich für mehr oder weniger wilde Spekulationen. Anlass gibt, dass Angela Merkel vor wenigen Stunden erst verkündet hat, erneut und damit zum vierten Mal als Kandidatin der CDU zur Bundestagswahl anzutreten. Das richtige Signal in unsicheren Zeiten? Fragt Anne Will. Aber bevor es zum Talkgespräch kommt, zeigt die Moderatorin die Aufzeichnung eines 20-minütigen Gesprächs, das sie mit der amtierenden Bundeskanzlerin eineinhalb Stunden vor Sendungsbeginn geführt hatte.

Merkel verrät: "Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht." Seit Sommer habe sie jeden Tag darüber nachgedacht, was sie dem Land, ihrer Partei und sich selbst mit einer weiteren Amtszeit noch geben könne. Sie habe sich viele Fragen gestellt, etwa ob sie noch neugierig genug sei und ob auch geistig rege genug, um sich beispielsweise mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen oder ob sie bereits in zu eingefahrenen Gleisen unterwegs sei. Und, ob sie noch die Kraft und Gesundheit für "die nächsten vier Wochen" habe – sie lächelt und verbessert sich: "Ich meine für die weiteren vier Jahre".

Angela Merkel: "Ich bin Teil der Lösung"

Sie betont, es seien harte Zeiten und auch der Wahlkampf werde schwierig: "Die Anfechtungen werden von links und rechts kommen." Und, nebenbei angemerkt, vielleicht auch von Horst Seehofer. Dass der CSU-Chef die Bekanntgabe ihrer Kanzlerkandidatur lediglich kommentierte mit: "Es ist gut, dass jetzt Klarheit herrscht“, bewertet Merkel auf Nachfrage der Moderatorin lächelnd mit einem "Ich finde, der hat ganz konstruktiv gesprochen." Und fügt dann an: "Da hatten wir schon Kontroverseres."

Anne Wills erhobene Augenbraue und manch' zur Provokation ausgestreuten Kommentare wie "Sie erhalten der AfD ihren Lieblingsfeind" lassen die Kanzlerin gewohnt ungerührt, die vielmehr bekräftigt: "Ich werde vor dem Problem nicht davonlaufen." Auf den sich europaweit ausbreitenden Rechtspopulismus angesprochen, macht sie deutlich, sie wolle nicht, dass Europa auseinander breche. Schließlich gibt sie sich überzeugt: "Ich bin Teil der Lösung." Mit ihr werde es auch weiterhin "keine Abschottung, Abkapslung und Ablehnung" geben. Dazu passt, dass die "New York Times" Merkel neulich zur  "letzten Verteidigerin des liberalen Westens" ernannte. 

Anne Will zeigt journalistische Unerbittlichkeit

Applaus für Will. Endlich zeigt sich die Moderatorin in Bestform und demonstriert, dass sie konsequent am Ball bleiben und in die Zange nehmen kann. Immer wieder ein Nachhaken bei Fragen, wie Merkel auf den Rechtspopulismus antworten werde und was sie den "Abgehängten" in diesem Land versprechen könne – es fällt erstmals der Begriff "Modernisierungsverlierer", der in den Leitanträgen der Partei aufgetaucht war, inzwischen aber wieder herausgenommen worden sei. Merkels Haltung: "Die Welt ändert sich. Und ich antworte auf die neuen Herausforderungen." Wie vorherzusehen: Trotz Wills journalistischer Unerbittlichkeit wird es nicht konkreter.

Den Psychoanalytiker regt genau das auf, das sagt er im anschließenden Gespräch. "Mich ärgert, dass Phrasen ohne Inhalte kommen", so Hans-Joachim Maaz. Es sei fatal, zu sagen, man wolle seine Politik der Wirklichkeit anpassen. Das sei zu passiv. Vielmehr gehe es darum, die Wirklichkeit zu beeinflussen. Und außerdem, was solle das heißen, sie wolle dem Land "was geben". "Ja, was will sie denn geben?" Das sei nichts weiter als eine "narzisstische Aussage". Merkel sei besser beraten, einen würdigen Abgang zu finden. Dass sie keine Alternative zulasse, sei peinlich. Vor allem die Männer in der Partei würden sich "hinter Mutti verstecken".

"Die Realität ist viel ernster" 

Versteckt sich etwa auch Annegret Kramp-Karrenbauer? Die Ministerpräsidentin des Saarlandes verrät, dass sie eine eigne Kanzlerkandidatur garantiert nicht in Erwägung gezogen habe. Und ihrem Eindruck nach auch sonst niemand in der Partei. "Wir haben heute völlig einstimmig und mit hohem Respekt die Entscheidung zur Kenntnis genommen", so die CDU-Politikerin. Gegen die psychoanalytisch diagnostizierte Inhaltsleere verwehrt sie sich: "Man hört, hier hat jemand sehr mit sich gerungen und kühl abgewägt."

Und was, wenn Merkel nicht angetreten wäre? "Das wäre eine Sensation gewesen", meint SPD-Politiker Klaus Wowereit. Seine Prognose: "Merkel ist zu schlagen." Sie habe nicht viel Neues zu bieten. "Wenn sie nicht angetreten wäre, wäre das die weitaus schlimmere Alternative gewesen", befindet "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Merkel bringe die notwendige Erfahrung mit für eine "Lage, die ich noch nie so bedrohlich wie heute empfunden habe". Seine Befürchtung: "Europa könnte auseinander brechen." Bei aller Notwendigkeit zu Veränderung, sei es dennoch wichtig, ein Klima der Offenheit beizubehalten. Dann die erneut mahnende Stimme des Psychoanalytikers: "Wir leben nicht in einer Zeit, die so sicher und ruhig ist wie sie Merkel vermittelt – die Realität ist viel ernster."

Die Proteste auf allen Ebenen, ob Pegida, ob Occupy, würden zeigen, dass es einen "Gefühlsstau" bei den Menschen gebe. Politiker wären gut beraten, die Proteste besser verstehen zu wollen. Und sie müssten die Wahrheit dahinter erkennen: Dass wir nicht mehr so weiterleben wollen und können wie bisher – und vor enormen Veränderungen stehen. Genau das müsste Merkel den Leuten sagen. 

Überraschende Fakten über Angela Merkel: Wo war die Kanzlerin, als die Mauer fiel?