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Die Medienkolumne: Boxen-Luder - TV im Sportsumpf

Als habe es gar keine andere Vergangenheit gegeben, werfen sich die Sportreporter des Fernsehens plötzlich in die Pose der empörten Sauber-Männer. Da haben Radsportler doch tatsächlich gedopt. Mal sehen, was beim Boxen geschieht - dort ist ja auch ein Sumpf zu vermuten.

Von Bernd Gäbler

Kennen Sie Adnan Catic?

Adnan Catic ist derzeit der einzige deutsche Boxer von internationaler Klasse. Er ist physisch hervorragend ausgebildet, der beste Techniker und kämpft inzwischen auch mit großer boxerischer Intelligenz. Nie gehört den Namen? Kein Wunder. Denn seine Manager haben ihm den Namen "Felix Sturm" verpasst. Sturm ist einer der Stars im Universum-Boxstall von Klaus-Peter Kohl. Klaus-Peter Kohl hat einst viel Geld verdient mit Spielhallen und Imbissbuden. Dann stieg er im Bund Deutscher Berufsboxer (BDB) rasch auf vom Zeitnehmer zum Vize- und dann Präsidenten des Verbandes. Einer seiner Nachfolger wurde Mario Ohoven, Gatte einer heute "Charity-Lady" genannten Dame. Klaus-Peter Kohls bester Boxer war Dariusz Michalczewski, dem er den "Kampfnamen" "Tiger" verpasste. Vielleicht wäre der mit einem deutschen Namen auch noch beliebter geworden.

Denn eigentlich gibt es nur zwei deutscher Boxer, die je das Volk - und nicht nur das Milieu - begeistert haben: Max Schmeling und Henry Maske. Mit dem ehemaligen Offizier der NVA als kopfarbeitendem Gentleman-Boxer, der es abgelehnt hatte, sich als "weißer Tiger" vermarkten zu lassen, erreichte RTL Traumquoten. Seitdem hecheln alle anderen Sender - egal ob privat oder öffentlich-rechtlich - diesem Erfolg hinterher. Henry Maske war der Star im Boxstall von Wilfried Sauerland, der in verschiedenen afrikanischen Ländern, unter anderem mit dem Verkauf von Getränke-Abfüllanlagen viel Geld verdient hatte. Wenn es um Geld geht, bekämpfen sich Sauerland und Kohl mindestens so erbittert wie ihre Boxer. Als der Maske-Boom vorbei war, musste der Markt neu sortiert werden.

Sauerland (ARD) vs. Kohl (ZDF)

Sauerland hat die Gelegenheit schnell ergriffen und wurde zum ARD-Sender. Kein Mensch kennt die Verträge. Kein Kontrolleur weiß en detail, wie viel Gebührengeld zum Unterhalt der Boxställe draufgeht. ARD-Programmdirektor Günther Struve behauptet lediglich, dass dies in der Kosten-Nutzen-Relation - also in Kosten pro erreichtem Zuschauer - die günstigsten der erworbenen Sportrechte seien. Zunächst konnte Sauerland der ARD noch eine Fülle von Weltmeisterschaftskämpfen mit Sven Ottke und Markus Beyer anbieten. Letzterer ist immer noch aktiv. Beide dürfen - obwohl dazu nicht talentiert - bei der ARD als "Experten" fungieren, dass heißt jeweils nette Worte über ihre boxenden Stall-Kollegen sagen.

Von der anfangs praktizierten Übung, mit "Waldi" Hartmann nicht nur den Reporter, sondern auch gleich den Ringsprecher zu stellen, ist die ARD wieder abgekommen - es soll doch der Schein einer Differenz zwischen Veranstalter und Berichterstatter gewahrt bleiben. Zum Sauerland-Stall gehört auch der russische 2,13 Meter große Schwergewichts-Riese Nikolai Valujew. Dessen zirzensischen Wert hatte auch der König aller Box-Manager, der etwas verrückte US-Amerikaner Don King, erkannt und sich 50 Prozent der Einnahmen aus den nächsten Kämpfen gesichert. Er wollte (oder will ihn sogar noch) unbedingt auf den US-Markt bringen. Die Basis-Plattform dafür gab die öffentlich-rechtliche ARD ab. Also boxte in der ARD Nikolai Valujew gegen Don King-Boxer und gewann regelmäßig.

Dann passierte es: als er das erste Mal auf einen Nicht-Don-King-Boxer traf, verlor er prompt. Sieger wurde Ruslan Chagajew aus dem konkurrierenden Universum-Boxstall des Klaus-Peter Kohl. Der hat inzwischen mit Fritz Sdunek, Torsten Schmitz und Michael Timm die besseren Trainer an Bord und auch ein größeres Angebot an manierlichen Boxern vorzuweisen - von "Felix Sturm" bis Regina Halmich. Vorzeitig, bevor noch irgendwer auf den dummen Gedanken kommen konnte, da einmal genauer hinzusehen, hat das ZDF den Vertrag mit diesem Boxstall bis zum Jahr 2010 verlängert. So wie bei der ARD auch, sind selbstverständlich Volumen und Konditionen geheim. Sicher aber wird man jetzt bald die Versicherung hören, dass es verpflichtende Vertragsparagraphen gibt, gemeinsam dem Doping entgegenzuwirken. Das ZDF überträgt seit 2002 "exklusiv" die "Universum Champions Night".

Das insofern wichtig, weil Universum parallel auch noch Verträge mit Pro Sieben abgeschlossen hat, die dortigen Kämpfe aber gleich "Pro Sieben Fight Night" heißen.

Von dem anfangs gepflegten Brauch, an den jeweiligen Box-Abenden gleich das komplette "Sportstudio" als Rahmenprogramm an den Veranstaltungsort zu verlegen, ist man wieder abgekommen. Immerhin sitzt mit Günter-Peter Ploog wieder einen Kommentator am Ring, der sich wenigstens ab und an etwas kritische Distanz erlaubt. Als Reporter wurde René Hiepen, der übereifrig sogar noch mit den Hallen-Namen Werbung machte, durch den ehemaligen Judo-Kämpfer Alexander von der Groeben ersetzt, der herrlich sinnfrei im Insider-Jargon Sumo-Kämpfe übertragen kann.

Gegenüber diesem "dualen System" aus Universum und Sauerland - respektive ZDF und ARD - selbständig gemacht haben sich die Klitschko-Brüder, die eine eigene Vermarktungsfirma "K2" gegründet haben und mit dieser wieder vom ZDF zu RTL gewandert sind.

Als Kumpel des türkischen Schwergewichtsboxers Sinan Samil Sam, der einst in einem sehr umstrittenen Urteil gegen Luan Krasniqui verlor, den das ZDF durch eifrige Filmchen über Spätzle-Essen und schicke Herrenmode angestrengt eindeutschte, versucht sich Ahmet Öner mit dem eigen Stall "Arena" in die Szene zu drängen. Bisher hat er Verträge mit türkischen Sendern und Premiere abgeschlossen.

Bei aller Konkurrenz ist das Veranstalter-Milieu aber auch schön miteinander verzahnt. Einer der "Match-Maker", Jean-Marcel Nartz, Patenonkel von Sauerlands Tochter, ist von Sauerland zu Kohl gewechselt. Öner ist mit der Tochter des Universum-Trainers Fritz Sdunek verheiratet; Dietmar Poszwa, der den Universum-Schwester-Stall "Spotlight" führt, ist Klaus-Peter Kohls Schwiegersohn. Es ist ein wenig wie bei den "Freunden der Oper" - sie bekriegen sich, aber sind doch eigentlich alle eine Familie.

Informationen zum Milieu - Fehlanzeige

Erfährt man im Fernsehen etwas über diese Strukturen? Nein, denn es ist ja deren Bestandteil. Noch geht es gar nicht um Schlimmes, weder um enthüllte Manipulation, noch um Doping oder unlautere Geschäfte. Aber schon über die einfache Tatsache, dass Don King an Valujew mitverdiente und der russische Riese den ersten Kampf gegen einen Stall-fremden Boxer prompt verlor, erfuhren wir von der übertragenden ARD kein Sterbenswörtchen. Völlig distanzlos sprechen Reporter von Boxern als "Käpt'n Huck" oder "König Arthur", weil die Boxställe ihren Angestellten solche albernen Namen geben. Kritiklos beteiligen sich die Sender an dem Quatsch, ungefähr jeden Kampf einen Weltmeisterschaftskampf zu nennen. Sie verraten uns auch nicht, dass die jeweils auf der "Payroll" der Sender stehenden "Experten" einfach die dienstverpflichtete Kollegen der gerade Kämpfenden sind. Stattdessen tröstet im ZDF der Punktrichter Joachim Jacobsen mit der Erkenntnis: "Das Anrüchige, das dem Boxsport anhaftet, gehört einfach dazu". ZDF und ARD als Boxen-Luder. Und so flunkert die ARD: Ihr Landessender MDR hat den ARD-Vertragspartner Wilfried Sauerland porträtiert - als "Philanthrop" und "der Gentleman", ja als "Mr. Seriös aus dem Sauberland". Mal gespannt, wie lange es diesmal dauert - bis zu Widerruf und Selbstkritik.