Doku-Soaps Die neue Unterschicht


Fett absaugen, öffentlicher Ehekrach, ausmisten - manche Prominente tun alles, um mit einer Doku-Soap ins Fernsehen zu kommen. Denn irgendwo zwischen Supernanny, Schuldenberater und armen Schluckern ist immer noch ein Sendeplatz frei.
Von Alexander Kühn

Selbst nach längerem Nachdenken fällt einem niemand ein, der einem in jüngster Zeit so leidtat wie Brigitte Nielsen. Einst Model für Versace und Armani, in den Achtzigern eine Ikone, lässt sie sich nun öffentlich Körperfett absaugen, so viel, dass RTL damit vier Folgen Doku-Soap füllt. Früher machte die Nielsen sich für den "Playboy" nackig, heute lässt sie sich mit barem Schrumpelbauch und ausgeleiertem Silikonbusen filmen - und gibt dabei zu Protokoll, dass sie sich eine neue Oberweite wünscht, so fest, dass man darauf zwei Kaffeetassen abstellen kann. Nielsens Brüste sind nur die Spitzen der Bewegung "Prominente, die sich für nichts, aber auch gar nichts zu schade sind, Hauptsache, es geschieht vor laufender Kamera", einer losen Gruppe von Verzweiflungs-, Nachahmungs- und Wiederholungstätern, die mit allen Mitteln ihren Platz im kollektiven Gedächtnis behaupten wollen.

Die Sängerin Sarah Connor, die vor drei Jahren auf Pro Sieben heiratete, lässt die Nation donnerstags daran teilhaben, wie sie ihre Nägel lackiert oder sich mit ihrem angetrunkenen Gatten zankt. Die Moderatorin Gülcan Kamps, deren Hochzeit selbiger Sender voriges Jahr ausrichtete, mistet dienstags einen Kuhstall aus. Derweil kündigte RTL an, Stefan und Claudia Effenberg beim Umzug von Amerika nach München zu begleiten.

Das "wahre Leben"

Was das Ansehen anbelangt, bewegen die Promi-Soap-Promis sich längst auf Augenhöhe mit jenen Underdogs, die uns in zahlreichen Lebenshilfe-Dokus vorgeführt werden: den armen Teufeln, bei denen im Auftrag von RTL die Supernanny, der Schuldenberater oder die Deko-Frau aufkreuzt. Ab Herbst wird sich Sat 1 auch noch der Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfänger annehmen. Für die neue Doku- Soap "Geheime Helfer" schickt der Sender gerade Millionäre los, die Deutschland ein klein bisschen gerechter machen sollen. Der reiche Herr K. aus Folge eins lebt eine Woche in Armut und freundet sich mit einer Familie an, die sich für Bedürftige engagiert, obwohl sie selbst nicht viel auf dem Konto hat. Am Ende sitzt er bei den braven Leuten auf der Couch, sagt: "Ich hab ein bisschen geflunkert, ich bin kein Hartz-IV-Empfänger", zückt sein Scheckbuch, schenkt Oma eine Spülmaschine, dem Sohn eine Lehrstelle und allen einen Urlaub am Meer. Freudentränen.

Sat 1, der neue Robin Hood. Nimmt's den Reichen, gibt's den Armen. Im zweiten neuen Herbstformat "Gnadenlos gerecht" wird der Sender seine Sozialfahnder von der Kette lassen. Die streichen einem Schmarotzer die Bezüge, der Hartz IV kassiert und heimlich BMW fährt - und besuchen noch in derselben Folge eine Familie, die mit drei kleinen Kindern in einer engen Höhle haust und jeden Cent umdreht: "Machen Sie sich keine Sorgen, Freitag haben Sie das Geld und gehen einkaufen."

Selten hat das Fernsehen einen so sehr in der eigenen Lebensführung bestätigt wie jetzt, da es das Elend der Hartz-IV-Empfänger und der Damen Nielsen, Connor, Kamps aufrollt. Ja, wir leiden. Unter hohen Benzinpreisen, Übergewicht, Beziehungsstress. Aber, Gott sei's gedankt, wir sind nicht auf Almosen reicher Onkels angewiesen, der Blick in den Spiegel macht uns nicht depressiv, und vor Publikum therapieren müssen wir uns auch nicht. Was haben wir's gut.

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